24. und 25. Mai 2017, 20.00 Uhr

Unerschrocken in ihrer Betrachtung der Existenz, gehört die jüngst verstorbene Ilse Aichinger zählt zu den singulären Erscheinungen der deutschen Nachkriegsliteratur. Einer „größeren Hoffnung“ ebenso wie einem anarchistischen Zorn über die Welt verpflichtet, suchte sie nach einer Form des Erzählens, durch die den Wörtern „die Lautlosigkeit zurückzugewinnen sei, aus der sie entstanden sind“. Damit einher ging das Misstrauen gegen die „besseren Wörter“ und gegen den redundanten Einsatz von Rede und Selbstrede. Viel eher schöpfte Aichinger ihr Sprechen aus der Reduktion auf eine Poetik, die ein persönliches Ich zurücknimmt und ihr Maß an der Präzision und Klarheit der Beobachtung nimmt: an einem „Zustand zu schreiben, in dem sich innere und äußere Genauigkeit deckt".

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Mittwoch, 3. Mai 2017, 19.00 Uhr

Szilárd Borbély, dessen Romandebüt Die Mittellosen in Ungarn, Deutschland und vielen anderen Ländern ein literarisches Ereignis war, wollte seinen nächsten großen erzählerischen Text Franz Kafka widmen. Die Sammlung von Bruchstücken, aus dem Nachlass veröffentlicht, ursprünglich zur Publikation bestimmt, bezieht ihre Intensität aus der leidenschaftlichen Suche des Autors nach sich selbst und der eigenen Stimme.

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Dienstag, 2. Mai 2017, 20.00 Uhr

Er gehört zu den großen europäischen Erzählern der Gegenwart und zum ungarischen Gestirn, das mit den im vergangenen Jahr verstorbenen Imre Kertész und Péter Esterházy Weltliteratur als wunderbare Zumutung und Zeugnis schafft. In Romankonstruktionen von höchster Spannkraft leuchtet Péter Nádas die großen geschichtlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts aus, genauso wie die Naherfahrungen des Einzelnen in ihrer existenziellen Dimension. Das zeigt sich u.a. in dem viel gefeierten „Buch der Erinnerung“ (1986) oder dem anderen Opus maximum „Parallelgeschichten“ (2005), wo in einer Fülle an Geschichten familiäre und europäische Schicksale verhandelt werden.

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Samstag, 22. April 2017, 11.00 Uhr

Meist ist es umgekehrt: Bilder illustrieren Texte. Für dieses außergewohnte Literaturprojekt bilden die Kugelschreiberzeichnungen von Verena Kammerer den Ausgangspunkt: Die in Berlin lebende Künstlerin hat ihre Zeichnungen von Menschen und Tieren befreundeten und bekannten Schriftstellerinnen und Schriftstellern als Inspirationsquelle, Schreibanlass, literarisches Motiv überlassen. Das Ergebnis ist eine Sammlung von 40 Texten, die als Reaktion auf die Zeichnungen entstanden sind oder eine Korrespondenz dazu aufgegriffen haben, u.a. von Rut Bernardi, Ann Cotten, Sabine Gruber, Orsolya Kalász, Josef Oberhollenzer, Sepp Mall, Friederike Mayröcker, Monika Rinck, Markus Vallazza.

Bei der Matinee am Samstag, den 22. April, spricht Verena Kammerer über ihre Zeichnungen und die als unmittelbare Reaktion darauf entstandenen Texte. Es lesen Rut Bernardi, Josef Oberhollenzer und Sepp Mall.

 

 

 

Donnerstag, 23. März 2017, 20.30

Als im November 2016 Ilse Aichinger starb, verschied damit eine Autorin, die ein Leben lang die Nähe zum eigenen Verschwinden gehütet hat, als wäre es die unaufhörliche Einübung in den Abschied. Oder erst die Erprobung der Existenz. Darin präzisierte Ilse Aichinger eine Haltung des Schweigens und der Diskretion, die so wenig ein Verstummen war wie ein Versagen des Sagbaren. In der Zeit des Krieges hielt sie sich mit ihrer jüdischen Mutter jahrelang versteckt, während die Großmutter und Muttergeschwister in den Konzentrationslagern starben. Aichingers Schwester konnte nach England fliehen. Diese Erfahrung und die wachsame Beobachtung der Zeitgeschichte verpflichteten die Autorin, die anarchistisch einen Zorn über die Welt pflegte, zu einer Dringlichkeit des genauen Sagens und einer Erzählung des lautlosen Zuhörens und Zuschauens.

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15. März 2017, 20.00

Zwar wurde er allseits bewundert, aber kaum gelesen und noch weniger fand er die Aufmerksamkeit der literarischen und wissenschaftlichen Bearbeitung. Dabei legte Adalbert Stifter mit dem Roman „Witiko“ ein breit angelegtes Werk vor, das die Geschichte seines besonnenen Helden ebenso dicht und sprachlich hintergründig nachzeichnet wie die Gründung des Adelsgeschlechts der Witigonen.

Der Südtiroler Literaturwissenschaftler und Übersetzer Felix Reinstadler und der Dichter Michael Donhauser nähern sich dem historischen Epochenwerk an.

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Freitag, 3. Februar 2017, 20.00

Als verschroben galt Franz Josef Noflaner, als kurioser Eigenbrötler und unermüdlicher Schöpfer aus dem Grödental, der unerwartet erfrischende Verse ebenso wie distinguierte Briefe an Greta Garbo schrieb und Bilder voll expressiver Glut malte. Die umfassende Monografie, herausgegeben von Markus Klammer, stellt das Werk des Künstlers und Dichters  in facettenreicher Betrachtung vor.

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16. Dezember 2016

Er stammt aus Sarajewo, eine der ehemals blühendsten Städte Mitteleuropas, die viele Kulturen, Religionen und Sprachen vereinte und ein höchst fruchtbares geistiges Leben bot. Daher weiß er, welche Kraft ein friedliches Zusammenleben für eine Gesellschaft hat. In seinem neuen Roman "Der Trost des Himmels" taucht Dževad Karahasan tief in das 11. Jahrhundert von Persien ein, um die Gefährdung einer Kultur durch Fundamentalismus zu betrachten und damit ein Denken und eine Existenz der Gegenwart zu verknüpfen und die zu beziehen.

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23. November 2016, 20.00

Joanna Bator, Autorin der oberschlesischen Landschaften, einst Region der Umsiedler und Vertriebenen, zählt heute zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen Europas. Aus der Geschichte ihrer Region schöpfend, leuchtet die polnische Erzählerin fast magisch, fast surreal leuchtet sie die aberwitzigsten Geschichten und subtilen Stimmungen aus, die Überliefertes beschwören und dabei das Absurde so leichtfüßig ins Spiel bringen, dass es ganz und gar real wird.

14. November 2016, 20.00 Uhr

Zur Eröffnung der Veranstaltungsreihe „Heimat Europa“ der Hausgemeinschaft kultur.lana stellt stellt György Dragomán, dieses "herausragende Talent der jungen ungarischen Literatur" (György Konrád), seinen jüngsten Roman "Der Scheiterhaufen" vor. Darin schildert er die politische Geschichte Osteuropas fast in beiläufiger Erzählkunst als gespenstiges Geschehen und zeichnet die Seele der Protagonistin, eines junges Mädchens, so mutig wie zäh und zart - ein großartiges und verstörendes Panorama der Liebe und Grausamkeit" (Paul Jandl).

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21. Oktober 2016, 20.00 Uhr

Wie eine junge Frau aus Kiew auszog, in Moskau ihr Glück zu suchen. Julia Kissina liest aus dem Roman voll irrer, wunderbarer, aberwitziger und kluger Geschichten aus den wilden 80er Jahre in Moskau. Eine éducation sentimentale in grellen, bösen Farben - episodenreich und voller Übermut erzählt. (mehr …)

14. Oktober 2016, 20.00 Uhr

Mit der Präsentation der Festschrift, herausgegeben von Peter Kofler und Ulrich Stadler, feiern die Bücherwürmer ihren langjährigen Präsidenten und stellen die mannigfaltigen Interessen des Literaturwissenschafters vor, die Elmar Locher in seinem wachen und sensiblen Umgang mit Literatur prägen und die seinen beruflichen Weg stets begleitet haben.

8. September 2016, 20.00 Uhr

Nach dem Erfolg ihres letzten Romans „Stillbach oder Die Sehnsucht“ legt Sabine Gruber nun das nächste Buch vor: „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ heißt das jüngste Werk der gebürtigen Lanenerin, das eben erschienen ist und von Literatur Lana und der Öffentlichen Bibliothek vorgestellt wird. Es erzählt die Geschichte eines ehemaligen Kriegsfotografen, der seine Vergangenheit und Erlebnisse nicht vergessen kann und der von den psychischen Belastungen, die sie bedeuten, schier erdrückt wird.

25. August 2016, Lesungen & Performance

18.00 Uhr: Ann Cotten: Lesung aus „Verbannt!“

19.00 Uhr: Xaver Bayer und Hanno Millesi: Präsentation der Anthologie „Austropilot. Prosa und Lyrik aus österreichischen Literaturzeitschriften“

20.30: Kerstin Cmelka: Vortrag/Lecture-Performance der Wolfgang Bauer-Adaptation „Change“, mit Video-Auschnitten und Live-Darstellung (unter Mitwirkung von Hanno Millesi)

 

24.-26. August 2016

Bitter ist er, schwarz, skurril, ironisch und kaum ohne Charme dessen, der selbst die Katastrophe in heiterer oder grantelnder Gelassenheit ertragen kann. Dem Weinen ebenso nahe wie dem Lachen, ist der österreichische Humor einer der hintergründigsten und doppelbödigsten; keine Komödie, die nicht auch Tragödie (Thomas Bernhard), und keine Verzweiflung, die nicht auch Trost wäre (Nestroy).

 

 

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24. August 2016, 20.00 Eröffnung mit David Schalko

Die Eröffnung der Literaturtage Lana 2016 bestreitet einer der erfolgreichsten Filmemacher Österreichs. Wer kennt nicht die „Sendung ohne Namen“, die Serien „Braunschlag“ und „Altes Geld“ oder die Late-Night-Show „Willkommen Österreich“. Sie alle genießen Kultstatus, sind Popkultur selbst in ihrem bissig grotesken Intellekt und in der tiefschwarzen Seele, für die etwa Thomas Bernhard noch einen gehörigen Skandal und öffentliche Beschimpfungen geerntet hatte.

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In diesem Jahr finden die Literaturtage von Lana zum 30. Mal statt; sie feiern also ein Jubiläum und mehr noch eine Geschichte, die sich einstellt mit dem Lauf der Dinge und der Jahre und da, plötzlich, nach einem Anfang und einer Folge erzählbar wird. Die Folge entspricht freilich weniger einem Programm, keinem Plan oder Etikett. Eher ist sie ein Prozess, in dem ein Ereignis ein nächstes nach sich zieht oder ein Gespräch ein weiteres in Gang setzt und es von Mal zu Mal fortsetzt, selbst wenn es einen Faden verliert oder die Wiederholung von Fragen übt, selbst wenn es an kein Ende kommt oder über Lücken springt.
Jedoch hat das literarische Gespräch, das Lana über die Jahre unterhält, stets versucht, die poetischen Möglichkeiten von Sprache im Blick zu behalten, und hat dabei in vielen Spielarten erprobt, welche Erfahrungen so ein Sprechen eröffnet, wenn es Grammatik und Gestalt der Realität moduliert. Oder, als immer wieder gewagtes Abenteuer der Gegenwart, dem Traum eine Wirklichkeit verleiht, der Wirklichkeit den Traum hinzufügt. „Dass Erde faktisch Himmel ist - Ganz gleich ob‘s Himmel gibt." (Emily Dickinson)
Lana hat diesem Realitätssinn der Sprache kontinuierlich nachgespürt, hat wachsam darauf geachtet, welches Denken sie manifestiert und welche Welt sie in Szene setzt. „Daß die Wortwörtlichkeit der Sprache alles ist, was wir haben, und daß wir uns dagegen wehren müssen mit allem, was wir haben." (Paulus Böhmer)
Wer auf diese Weise in ein Verhältnis zu Sprache tritt, sucht sie auf in ihrer ganzen Fülle und ganzen Stille. Aber er stellt sie auch kontinuierlich auf die Probe und in Zweifel und hütet sich davor, Welt erklären oder nachstellen zu wollen oder sie zu beschreiben, wo Welt die Worte zurückweist. „Jenseits des Ichs des Künstlers erstreckt sich eine schwere, dunkle, aber reale Welt. Man darf nicht aufhören zu glauben, dass wir diese Welt in Worte fassen, ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen können." (Zbigniew Herbert)
Dass ein Festhalten am Wort, wie es die Literatur trotz allem versucht, so schwer zu bewahren ist, macht es noch kostbarer und notwendiger, den Worten ihren Platz zu geben. Das hat Lana immer wieder getan. Dass auch das Umgekehrte gilt, dass nämlich die poetische Sprache, zur Rede gestellt, sich immer als Welt zu entfalten weiß, auch das war mit jedem Gastspiel in Lana aufs Neue zu erleben.

Nun wollen die Literaturtage Lana beschwingt ihre Geschichte fortsetzen: In einem vielstimmigen poetischen Reigen, in Erzählungen und Gesprächen und ganz besonders in einem Fest, das Gäste, Freunde, Dichterinnen und Bücherwürmer zusammen führt.
Und wem zu so viel lustvollem Revuepassierenlassen etwa ein Wandern einfällt, der schließe sich Oswald Egger an, der das Festival vor einer halben Ewigkeit ins Leben rief und nun zu einer Exkursion in das Nonstal lädt. Dort, wo Fuchs und Hase, Herkunft und Zukunft einander gute Nacht sagen, mag vielleicht noch etwas zu erfahren sein über das Singen der Sprachen jenseits der Lieder und über die Fundamente jener „Wiesenfabrik", mit der vor 30 Jahren alles begann. (Christine Vescoli und Theresia Prammer)

 


Paulus Böhmer
, 1936 in Berlin geboren, studierte Jura, Architektur und Germanistik, arbeitete u.a. als Stauden- und Ziergraszüchter, Reizwarenlieferant, Lektor und Werbetexter, von 1985 - 2001 leitete er das Hessische Literaturbüro in Frankfurt a.M. und war auch als Maler tätig. 2015 mit dem Peter Huchel Preis ausgezeichnet, ist er ein Solitär der deutschsprachigen Literaturlandschaft. Mit Zum Wasser will alles. Wasser will weg hat er erneut ein echoreiches, hochmusikalisches Weltgedicht geschrieben, in dem sich Naturgeschichte, Zeitgeschichte und eigene Lebensgeschichte zu einem großen Gesang verbinden. Schmerz trifft auf Lust, Erinnerung auf Beschwörung, Sexus auf historische Schuld. „Diese Gedichte sind mittig gesetzte flackernde Säulen, hoch rhythmische Bilderströme, die aus der ganzen Summe des Menschlichen, was das Unmenschliche mit einschließt, hervortreten. Hier sind es wieder die Erinnerung an die Shoa, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das Weiterleben, die Entfernung, die Nähe, die um Vorherrschaft ringende Gleichzeitigkeit, die im Gedächtnis herrscht, die das Schreiben in eine Heftigkeit versetzen - wie soll man damit aufhören, wenn man nie sagen kann: Es ist gut. Weil es eben nicht gut ist." (Monika Rinck)

Anneke Brassiga, in ihrem Heimatland vielfach als „Sprachmagierin" gepriesen, wurde in diesem Jahr der wichtigste niederländische Literaturpreis, der P.C. Hooft-Prijs verliehen. Brassiga schreibt Gedichte und Prosa und beschäftigt sich in Praxis und Theorie mit der literarischen Übersetzung (u.a. Broch, Mallarmé, Nabokov und Plath). Brassigas Lyrik ist materialverliebt und beseelt, rhythmisch und assoziativ, sie nimmt Naturphänomene und menschliche Begegnungen zum Ausgangspunkt für ein launisch-freches Freisetzen latenter verbaler Energien. „Dennoch bewegen sich ihre Gedichte nicht einfach in einer rein sprachlich definierten Parallelwelt, sondern wurzeln in der Realität. Der Natur huldigt sie, indem sie auch das Dichten als eine Art Schöpfung erachtet, die etwas ins „seyn" bringt (so der Titel eines ihrer Gedichte), sprich: den Akt der Schöpfung am Material der Sprache selbst nachvollzieht." (Claudia Kramatschek)

 

Daniel Falb, geboren 1977, lebt seit 1998 in Berlin, wo er Physik, Politische Wissenschaften und Philosophie studierte. Er veröffentlichte Gedichte und Essays in Zeitschriften und Anthologien. Nach seinem vielbeachteten Debüt die räumung dieser parks (2003) war BANCOR (2009) sein zweiter Gedichtband. Querstehend zum narrativen Impuls vieler DichterInnen seiner Generation, versuchte Daniel Falb schon in seinem ersten Band die Sprache zum Instrument einer mehr sozialen denn individuellen Irritation zu machen. Dabei geht es vor allem um mediale Reflexe und Diskursordnungen, die eine Gesellschaft in ihrer Gesamtheit bilden. War in seinem zweiten Band Bancor die Sprache noch das Medikament oder Gift, das in den sozialen Körper einfließt, erweitert Falb in seinem neuen Band CEK die poetische Substanzlehre um eine poetische Geographie.

 

István Kemény, 1961 in Budapest geboren, veröffentlichte Lyrikbände, Essays, Kurzgeschichten, Drehbücher und Romane. In seinen neuen Gedichten erweist sich István Kemény einmal mehr als ein ironisch-unergründlicher, aber nie unterkühlter Dichter. Feinfühlig und kapriziös befragen seine Verse Mythen und Klischees der Moderne auf ihren individuellen Gehalt und loten dabei das faszinierende Spektrum einer direkten Rede aus, die bei aller Unmittelbarkeit stets auch metaphysische Belange mitreflektiert. Jungenhafte Phantastik und uneitle Selbstbetrachtung vermischen sich hier zu einer abenteuerlichen Mischung, die nicht nur die Freiheit des Erfindens zum Äußersten treibt. Sie zeigt auch formbewusst, was eine poetische Sprache heute zu leisten vermag, ohne ihr inneres Schweigen zu verraten oder äußere Verantwortung abzugeben.

 

Valerio Magrelli, 1957 in Rom geboren, ist Lyriker, Übersetzer und Essayist sowie Professor für Französische Literatur an der Universität Cassino. Magrellis leichtfüßige, im besten Sinne geistreiche Gedichte nehmen es stets mit den Grenzen des Sichtbaren auf und lesen sich wie Expeditionen in die Zwischenreiche der menschlichen Wahrnehmung. Zur Neigung für Tautologien und Kurzschlüsse poetischer Selbstreflexion gesellt sich im neuen Band Il sangue amaro (2014) das Thema der Krankheit, das sich nicht allein auf das hinfällige Individuum, sondern förmlich auf ein ganzes Vaterland zu beziehen scheint. In bewährt heiterer Form greift Magrelli außerdem die Themen Freundschaft und Elternschaft, Familie und Fortschritt auf. Eine zweisprachige Auswahl der Gedichte Magrellis aus über 30 Jahren ist bei Hanser in Vorbereitung.

 

Monika Rinck, 1969 geboren, lebt als Dichterin und Essayistin in Berlin. Ihr künstlerisches Interesse gilt den skurrilen Zusammenstößen und logischen Verschiebungen des Alltags, den ambivalenten Zeichen und assoziativen Verknüpfungen, die auf die schiefe Bahn der Bedeutung gelangen und ein pikareskes Spiel der Diskurse in Gang setzen. In poetischer Lust begegnet Monika Rinck den paradoxen oder widersprüchlichen Details, sie klaubt versiert in Gebäuden der Theorie und klaut gewieft Versatz- und Bruchstücke aus Medien und Reden. Am einfallsreichen Spiel der leichten Entstellungen und verrückten Verrückungen zeigt sich ein analytisches Interesse für den unberechenbaren Hintersinn menschlicher Belange, das im Witz und Ironie seine Form findet. Für ihr Werk (u.a. Honigprotokolle, 2012, Hasenhass, 2013, Risiko und Idiotie, 2015, Lieder für die letzte Runde, 2015) erhielt sie zahlreiche Preise, jüngst den renommierten Kleist-Preis.

 

 

Emily Dickinson (1830-1886) entstammte einer politisch einflussreichen Familie in Amherst, Massachusetts. Zurückgezogen lebend, blieb sie durch Lektüre und Korrespondenz mit dem Geist ihrer Zeit eng verbunden. Ihr Werk kam zu früh für die engstirnige puritanische Umgebung. Kein Wunder, dass sie ihre Zeitgenossen auf Distanz und ihre Gedichte unter Verschluss hielt. Heute wird diese kühne poetische Einzelgängerin von einem wachsenden Publikum in aller Welt gelesen und geliebt. Mutig ist ihre Lyrik, frei und radikal im Nachdenken über die Grundfragen unserer Existenz und voller Komik und Spottlust - eine Dichterin der Ekstase, brillante Denkerin und Sprachmusikerin.
Gunhild Kübler, lebt als renommierte Übersetzerin in Zürich und wurde 2008 mit dem Paul-Scheerbart-Preis ausgezeichnet. Jetzt legt sie die erste englisch-deutsche Gesamtausgabe von Dickinsons Lyrik vor.

 

Michael Krüger, ehemaliger Verleger, Dichter, Erzähler und Übersetzer, ist nach Jahrzehnten des vielfältigen literarischen Tuns zu einem Botschafter der Literatur und zu einem poetischen Gewissen Europas geworden. Sein neuer Erzählband bringt Geschichten, deren Figuren allesamt an den Irritationen des Alltäglichen rühren. So frohgemut und selbstsicher sie auftreten, scheitern sie letztlich am Glauben, die Welt sei eine geordnete. Sie alle finden sich früher oder später an dem Punkt wieder, an dem die Wirklichkeit den Blick freigibt auf ihre Bodenlosigkeit. Was dann zum Vorschein kommt, erzählt Michael Krüger in herzbewegender Komik und sanfter Melancholie: von Zuwendung und Abkehr, von Widersprüchen und Harmonie, von Nähe und Distanz.

 

Zbigniew Herbert (1924-1988) zählt zu den großen europäischen Dichtern des 20. Jahrhunderts. Er erlebte die sowjetische und deutsche Okkupation Polens und schloss sich 1943 dem Widerstand an. Zutiefst ergriffen von der Sinnlosigkeit der Kriege, aber auch vom Zauber der alltäglichen Dinge, vermag Herbert die Lyrik, die er nie als bloße Wortkunst verstanden hat, voller Zweifel und Demut zu beseelen. Von den kargen Versen des Debütbandes Lichtsaite bis zum Bericht über eine belagerte Stadt spricht er von der Zerbrechlichkeit des Menschen und der Übermacht einer gewaltverfallenen Geschichte, ohne jemals der Klage zu verfallen.
Ryszard Krynicki gehört zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen Poesie Polens, er ist Leiter des renommierten Verlags a5 und übersetzte viele deutsche Autoren ins Polnische. Für sein dichterisches Werk wurde er u.a. mit dem KoÅ›cielski-Preis ausgezeichnet.

 

Benedikt Ledebur, 1964 geboren, lebt als Dichter, Essayist und Übersetzer in Wien. In seiner Arbeit sucht er so vielschichtig und einfallsreich wie luzid und gewandt die Grenzbereiche zwischen Literatur, Kunst und Philosophie auf. Auch in seiner jüngsten Publikation beschäftigt er sich mit dem Verhältnis von bildender Kunst und Literatur, von Realität und ihrer Darstellung, von Sprache und Bild. Er erarbeitet Analogien in der Interpretation von Kunstwerken und Texten in der Analyse von Dieter Roths Sprachkunst oder verfolgt das Nahverhältnis von Raum- und Spracherfahrung im skulpturalen Werk Werner Feiersingers. Etablierte Sehgewohnheiten werden mit mathematischen Erkenntnissen kritisch verknüpft. In seinen Analysen, verortet in aktuellen kunsttheoretischen und philosophischen Diskursen, verliert Ledebur jedoch nie das Kunstwerk aus den Augen.

 

Grund und Grat

Die Frage nach der Frage, worauf die Kulturtage Lana jährlich eine weitere Antwort vorzustellen wissen, könnte, - in Form von Worten und Formen ohne Worte - die Idee der Sprache sein. Im okkasionellen Zusammensein von Autoren, Wissenschaftlern und Künstlern, aus welchem die Exkursion ihr Panorama klittert, lässt sich das fließende Gefüge seiner Genealogie und Linien ebenso weit zurückverfolgen und dort die unzusammenhängenderen Gebiete verschränken: Ungelände der stillen Übereinkunft, und die wie ausgemalten Paysagen bewegterer Bilder, imaginäre und verästelte, die vor dem ruhenden Auge vorüberziehen. Die Exkursion - im mehrfachen Sinn als Auszug, Extrakt, Essenz und Zitat - wird sich der Idee solcher innerer Formen widmen: jener zwischen Formulierungen formular aufgehender, auch gegenstandsfreier Landschaftslosigkeit, welche selbstredend interim wirkt, aber sich versagt, in dem, was nicht gesagt ist: Es ist nicht gesagt, ob tiefengrammatisch charakteristische Merkmale in den dialektalen, vorrömischen Rest- und Trümmersprachen areallinguistisch im und ums Nonstal noch unverwandt nachweislich sein müßten (und aus den dialektalen Paysagen auch isolierbar - mit zig syntaktischen Besonderheiten und kaum verstandenen Konjunktiven und Aktionsarten, Tempus- und Aspektwechseln). Ob in Schleichwegen und über die Trampelpfade (Pascher ist ein Anagramm von "Sprache"), in hellichten Lärchwiesen oder karstigen Tobeln - den arealen Arealen der allein vorgestellten Wegzusammenhänge zwischen den vertrauten Waldwegnetzen, Viehsteigen und Partisanen-Cañons werde nachzugehen sein, ... so wie ein Echo die Wirklichkeit durch Wiederholung der Beschränkung auskostet, aber auf immer weniger Wirklichkeit trifft. (Oswald Egger)

Unterwegs gibt es Lesungen, Gespräche und Filmvorführungen.

Für die Teilnahme ist eine Anmeldung erforderlich.

 

Bodo Hell, geboren 1943, gehört zu den vielfältigsten Künstlern der Gegenwart, die sich munter jeder Etikettierung durch die Unstetigkeit des geistigen Vagabunden und durch die Sammlerlust des hellwachen Weltchronisten verweigern. Er ist Schriftsteller, Dichter, Theaterautor, Filmemacher, Musiker, Bergsteiger und Almhirte und changiert in seinen prosaischen, essayistischen und künstlerischen Arbeiten virtuos von einem zum anderen Wissensfeld, ohne dabei je von der Sorgfalt der Recherche und der Genauigkeit des Sprachdenkens abzuweichen. Dabei gelten seine experimentierfreudigen Erkundigungen den alltäglichen Skurrilitäten gleich wie den volkskundigen Spuren, der schrillen Werbung gleich wie alpinen Blumen und heiligen Legenden.
„Kunst muss einen - wie die Wissenschaft - gescheiter machen, wenn man sich damit beschäftigt, und nicht nur Bestätigungen liefern für das, was man schon zu wissen glaubt." (Bodo Hell)

 

Oswald Egger lebt als Dichter in Hombroich und ist Professur für „Sprache und Gestalt" an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. 10 Jahre leitete er die Kulturtage Lana und war Herausgeber der Zeitschrift Der Prokurist. Zum Anlass der 30. Kulturtage Lana hat er die Durchführung einer Exkursion ins Nonstal übernommen. Deren Wegroute verweist durchaus auch auf eine Poetik von Oswald Egger; dazu gehört ein wortwörtliches Durchqueren von Denkmöglichkeiten durch Anschaulichkeit und Analogien, das durch topologische Felder oder mathematische Verhältnisse, durch tiefengrammatische Strukturen oder serielle Anordnungen führt. Was sich auf solchen Strukturgefügen und Beziehungslinien aufbaut, was sich anhäuft an Dialektalem und Enzyklopädischem, an Neologismen und Vokabularien, setzt ein Reden in Gang, das so abenteuerlich und überraschend verläuft, wie es ganze Welten durchmusternd beschreibt.

 

Alexander Hecht-Glaskov ist 1985 in Altai/Russland geboren. Die deutsche Sprache und Kultur (Mutter Deutschlehrerin, Vater Russlanddeutscher) waren von Anfang an fester Bestandteil seines Lebens. In der 7. Klasse in Russland lernte er „Loreley" von Heinrich Heine auswendig, in seinem Studium an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel erfuhr er, wie der Kuleschow-Effekt funktioniert. Alexander Hecht-Glaskov bewegt sich in unterschiedlichen Medien wie Performance, Video und Fotografie.

 

 

1978 starb N. C. Kaser, der eine Dichtung von untrüglich kompromissloser und risikofreudiger Kraft schuf und damit weitab von Anerkennung und Establishment stand. 10 Jahre nach seinem Tod wurde von Paul Flora, Markus Vallazza und Paul Valtiner sowie den Bücherwürmern in Lana ein Lyrikpreis ins Leben gerufen und er wurde nach dem Dichter von schillernder Sprachwut und nahezu überhitzter Sensibilität benannt.
Fast 30 Jahre nach der ersten Vergabe hat das Anliegen des N.C. Kaser-Lyrikpreises nichts an Notwendigkeit verloren: „es bockt mein herz" hatte Kaser geschrieben und so hält der Preis von Lana Ausschau nach einer Dichtung, die Anspruch auf politischen oder gesellschaftlichen Widerspruch erhebt und ihn einlöst durch ein präzises Formbewusstsein für neue ästhetische Möglichkeiten. Das tut sie bei aller Experimentierfreude dadurch, dass sie, wie Cezanne meinte, nicht genug in die Tradition zurück blickt, um daraus innovative Wege einzuschlagen.
2014 ist der 13. N. C. Kaser-Lyrikpreis dem englischen Dichter TOM RAWORTH (*1938) zugesprochen worden und am 10. Juni 2015 wird er im Mountain Resort Vigilius gefeiert. Gefeiert wird damit eine Dichtung von ungeheurem Einfallsreichtum und abenteuerlicher Sinnschöpfung, von einer erfrischenden Unberechenbarkeit und einem hellwachen Klang- und Sinnbewusstsein. Kühn ist solche Dichtung, furchtlos und rücksichtslos. Das rührt daher, dass Tom Raworth jedem Habitus und Getue, in dem sich Macht gibt, die Stirn bietet und dass er jeden sprachlichen und gesellschaftlichen Mustern den Boden entzieht, die beanspruchen, herrschaftlich Wissen zu verwalten und am Ende doch der Uniformierung oder Ungleichheit dienen.
Dabei entzieht sich Tom Raworth selbst einer Zuschreibung oder Etikettierung, Gruppierung oder Bewegung. Aber er weiß, dass und wie Dichtung justament in ihrem Verfahren die Sicht auf Welt wiedergibt und darin Haltung und Inhalt ist. So setzt Raworth auf die Kraft des poetischen Spiels und bringt in der Verve von Witz und Negation, „in der dichte des gestrüpps aus wort & gegenrede" (N.C. Kaser) jenen Widerstand hervor, der den Alltag in seiner überraschenden Gegenwärtigkeit des Verschiedenen besingt und die Gesellschaft in ihren Mechanismen von Macht desavouiert.
Wie aktuell Tom Raworth auch für junge Dichterinnen und Dichter ist, zeigt die Vorgruppe, die den Teppich für den Preisträger auf dem Vigiljoch auslegt: Maria Ch. Hilber, Louis Schropp, Gerd Sulzenbacher, Matthias Vieider und Jörg Zemmler erweisen in vielfältiger, überraschender und phantasievoller poetischer Weise dem englischen Dichter ihre Reverenz und vergessen dabei auch N.C. Kaser nicht.

Im Vigilius Mountain Resort wird Tom Raworth gefeiert; Tom Leonard, Preisträger von 2012, hält die Laudatio und Ulf Stolterfoht begleitet die Lesung auf Deutsch. Er hat für die Preisverleihung neuere Gedichte von Tom Raworth ins Deutsche übersetzt. Ursula Ganahl Flora wird den Preis übergeben, der von der Familie Flora, dem Österreichischen Bundesministerium und der Marktgemeinde Lana finanziert wird.

Eine Nachlese aus Lana, das Adligat "Poesie von den Rändern her", zeigt erstmals Gedichte von Tom Leonard und Tom Raworth in deutscher Übersetzung von Ulf Stolterfoht und Josef Oberhollenzer und erscheint zum Anlass der Preisvergabe auf dem Vigiljoch.

 

 

 

Tom Raworth, 1938 in Bexleyheath geboren und in Welling aufgewachsen, lebt als Dichter und Künstler in Brighton. Früh richtete er seine literarische Aufmerksamkeit auf die britische und auf die amerikanische Dichtung der New York School rund um Allen Ginsberg oder LeRoi Jones, Robert Creely oder John Ashbery. Beeinflusst zudem von Dada und dem Surrealismus, fand er zu einem experimentellen Formbewusstsein, das wesentlich von politischer Stoßrichtung bestimmt war. Es entstanden über 40 Gedichtbände, darunter „Ace", 1982, „Writing", 1982, „Catacoustics", 1991, oder „West Wind", 1984; „Visible Shivers", 1987, „Eternal Sections", 1993, „Survival", 1994, später „Clean & Well Lit", 1996, „Meadow", 1999, „Caller and Other Pieces", 2007, „Let Baby Fall", 2008, und „Windmills in Falmes", 2010.
Tom Raworth arbeitet auch an Performances, Collagen und Videos. Auf Deutsch erschien 2009 der Gedichtband „Logbuch" mit Übersetzungen von Ulf Stolterfoht.

 

Tom Leonard wurde 1944 in Glasgow geboren und lebt heute noch dort. Seine Lyrik hat in der Form und Tradition Anteil an der Experimentellen Avantgarde der 1980er Jahre. Er schrieb darüber hinaus politische Satiren, Literaturkritiken, er verfasste eine Biographie über den Dichter Jamed Thomson und gab 1990 die Anthologie „Radical Renfrew" zu Dichtern Westirlands heraus. Zuletzt: „outside the narrative: poems 1965-2009", 2009; „Being a Human Being and other poems", 2006; „access to the silence: poems and posters 1984-2004", 2004. 2012 erhielt Tom Leonard den N.C. Kaser-Lyrikpreis.

 

Ulf Stolterfoht wurde 1963 in Stuttgart geboren und lebt als Übersetzer, Dichter und Editor der BRUETERICH PRESS in Berlin. 1998 debütierte er mit dem Gedichtband „fachsprachen I - IX", dem insgesamt drei weitere Bände unter dem gleichnamigen programmatischen Titel folgten. Weiters erschienen u.a. die Gedichtbände „das nomentano-manifest", 2009, „ammengepräche", 2010, „handapparat heslach", 2011, „wider die wiesel", 2013, und zuletzt „neu-jerusalem", 2015.

 

 

„Im Grunde sind wir alle Improvisatoren", sagt der Flötist Norbert Trawöger und weiß das auch in die Tat umzusetzen: Dem Wunsch folgend, „aus dem Moment heraus" zu spielen und der Neugierde, sich dabei selbst „von außen zuzuhören", fand 2012 die Aufnahme von 21 frei improvisierten Flötenstücken statt.
„Luftikusse" hat sie der Schriftsteller Christian Steinbacher genannt und im besten Sinne auf das Gehörte reagiert: 21 Gedichte und Umrankungen sind entstanden, teils ergänzt um schriftliche Kopf-, Fuß- und Mittelstücke und lose verbunden durch eine Zitatensammlung gefundener Textstellen, denen allesamt das Wort „Flöte" gemein ist.
Und nicht, weil aller guten Dinge drei sind, sondern aus der Idee heraus, das Doppelspiel von Musik und Literatur gleichsam etwas aufzulösen, wurden die beiden Kunstformen um eine dritte, bildnerische Position ergänzt: die Werke der Künstlerin Brigitte Mahlknecht. Daraus entstanden ist ein Dreiklang der einzelnen Elemente, der ein neues Verhältnis der künstlerischen Ausdrucksformen zueinander herzustellen vermag und die Methode und Tradition des Experimentellen weiter führen.

 

In der Museumgalerie in Bozen wird das Buchprojekt, das in Anliegen und Methode ein experimentelles Projekt ist, mit Dichter Christian Steinbacher, dem Flötisten Norbert Trawöger, dem Verleger Virgil Guggenberger und der Künstlerin Brigitte Mahlknecht vorgestellt.

Er gehörte zu den kühnsten und konsequentesten deutschen Dichtern der 1980er und 90er Jahre und rückte der Sprache heftig auf den Leib, er klopfte sie auf ihre feinsten Spuren aus Klang und Sinn hin ab." Überwach kehrte er hervor, was sie an historischen und ideologischen Schichtungen lagert, was sie an Rotwelsch und Slang, an Pathos und Gosse speichert oder was sie an Glibbermeer, Wespengelächter oder Nikotingardinen hör- und sichtbar macht. Wenn er seine Dichtung dabei auf die lauten wie leisen Temperaturen stimmte und auf die kleinsten Bewegungen der Sprache setzte, war immer die unstete Lust des poetischen Störenfrieds am Werk, die Sprache neu erfahrbar machte.

Vor 10 Jahren ist Thomas Kling mit nur 47 Jahren verstorben. In Erinnerung an den Dichter, der oft Gast der Bücherwürmer war, ist ihm ein Abend in Lana gewidmet.

 

Zum ersten Mal wird dabei die eben erschienene Hörbuchedition „Die gebrannte Performance", herausgegeben von Ulrike Janssen und Norbert Wehr, präsentiert. Die sorgsam und reichhaltig angelegte Sammlung zeigt Lesungen und Gespräche, die erkennen lassen, wie sehr der Dichter aus Düsseldorf den oralen Wurzeln der Poesie folgte, dem Sprach- und Stimmkörper, dem Sprachmaterial aus Rhythmus und Klang. Legendär sind seine Auftritte und explosiv seine experimentell erprobten Sprachinstallationen: Sie inszenierten das gesprochene Wort als performatives Ereignis und poetisches Moment. Dabei kehrten sie jene Reibung hervor, die im Wort zwischen dem geschichtet gespeicherten Sprachsinn und seiner sinnlichen Darstellung stattfindet.

 

In seiner unbedingten Spracharbeit war Thomas Kling Traditionalist und als Traditionalist war er Provokateur. Wie er die Sprache als historischen Speicher erkundete und sie in ihren Schichten querte, wie er sie in ihren Ablagerungen und Verschiebungen aufsuchte und darin poetisch neu schnitt, wie er von literarischer Kunst die Kenntnis und Präzision der Sprache einforderte und daraus die poetische Verve bezog, das zeichnete seine Haltung zu Sprache und Welt.
Kaum jemand von den zeitgenössischen deutschen Dichtern ist Thomas Kling darin näher Marcel Beyer und Oswald Egger. Unermüdlich schöpft Oswald Egger poetische Landschaften und eine „poetische Grammatik des Unvordenklichen" aus den Substraten der Sprache und bringt sie zum Glühen, macht sie zum Vergnügen des Hörens und zum Erkunden der Erkenntnis. Nicht anders Marcel Beyer. „Denkwerkzeuge" nennt er  die Gedichte in ihrer Fähigkeit, sprachliche und politische Verhältnisse auf ihre Unterschiede hin zu untersuchen und also in ihrer Fähigkeit, das Urteil der Unterscheidung zu erproben.

In Lana gedenken Marcel Beyer, Kleist- und Oskar-Pastior-Preisträger von 2014, und Oswald Egger, Initiator der Kulturtage Lana, in einer Lesung ihres langjährigen Freunds und Dichterkollegen.

 

Thomas Kling (1957-2005) wohnte nach Jahren in Düsseldorf, Wien, Finnland und Köln zuletzt als Dichter und Essayist in der Nähe von Neuss auf der Raketenstation Hombroich.
Neben anderen Auszeichnungen erhielt er 1990 das Rolf-Brinkmann-Stipendium, den Else-Lasker-Schüler-Preis für Dichtung und den ersten Ernst-Jandl-Preis.
Von ihm erschienen: "erprobung herzstärlender mittel. gedichte" (1986), "geschmackverstärler. gedichte 1985-1988 (1989). "brennstabm. gedichte" (1991), "nacht. sicht. gerät. gedichte" (1993), "morsch. gedichte. (1996), "Itinerar" (1997), "catull: das haar der berenike" (1997), "wolkenstein. mobilisierun`. ein monolog" (1997), und "gelände. camouflage." (1998). Zuletzt: Botenstoffe" (2001), "Sprachspeicher." (2001). "Sondagen." (2002), "Auswertung der Flugdaten" (2005) und "Gesammelte Gedichte" (2006).

 

Marcel Beyer (*1965 in Tailfingen/Württemberg) wuchs in Kiel und Neuss auf. Studium der Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft, 1992 Abschluss mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker. Ab 1989 gemeinsam mit Karl Riha Herausgabe der Reihe "Vergessene Autoren der Moderne". Von 1990 bis 1993 Lektor an der Literaturzeitschrift "Konzepte"; von 1992 bis 1998 veröffentlichte er in der Musikzeitschrift Spex. 1996 und 1998 Writer in residence am University College London und an der University of Warwick in Coventry. Bis 1996 lebte Marcel Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig. Zuletzt: "Graphit. Gedichte" (2014),"Putins Briefkasten. Erzählungen." (2012);"IQ. Testbatterie in 8 Akten. Opernlibretto. (2012); "Kaltenburg. Roman" (2008).

 

Oswald Egger (* 1963 in Lana/Südtirol), 1992 Abschluß an der Universität Wien mit einer Poetik des Hermetischen (»Wort für Wort«).1988-1998 Herausgeber der Zeitschrift "Der Prokurist" sowie der edition per procura, 1986-1995 Veranstalter der »Kulturtage Lana«. Von Oswald Egger wurden Gedichte ins Französische, ins Amerikanische, Ungarische, Arabische u.a. übersetzt. Seit 2011 ist er Professor für "Sprache und Gestalt" an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, 2014 war er Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Er lebt in Wien und auf der ehemaligen Raktenstation Hombroich bei Köln. Zuletzt: "Euer Lenz. Prosa." (2013); "Die ganze Zeit" (2010); "Alinea. Vom Zersingen der LIeder." (2009); "Diskrete Stetigkeit" (2008).

 

Ulrike Janssen (*1967), Studium der Germanistik, Philosophie und Romanistik in Köln. Lebt als Theaterkritikerin, Online-Redakteurin, Theaterdramaturgin, Regisseurin und Produzentin in Köln. 2011 erhielt sie den Karl-Sczuka-Förderpreis.

 

Norbert Wehr (*1956), Studium der Allgemeinen und Vergelichenden Literaturwissenshaft in Essen, seit 1983 Herausgeber der renommierten deutschen Literaturzeitschrift "Schreibheft", Verfasser von Essays und Hörstücken sowie Veranstalter und Moderatr von literarischen Lesungen.

 

 

 

 

 

 

 

Als der Ladenbesitzer Mózsi von der Zwangsarbeit ins Dorf zurückkehrt, hat er keine Ähnlichkeit mehr mit einem Juden. Er wird nie wieder einen schwarzen Kaftan tragen. Auch kein weißes Hemd. Er fragt nicht, wohin seine Ware sich verflüchtigt hat: „Aus dem Haus sind die Möbel verschwunden, aus den Regalen die Bücher, aus den Herzen das Erbarmen."
In diesem Dorf wächst Jahrzehnte später ein Junge auf, der Erzähler des Romans. Früh lernt er, wie man Tiere tötet und sich mit halberfrorenen Fingern die Fußlappen bindet, was es heißt zu frieren, zu hungern und von den Leuten im Dorf voller Misstrauen betrachtet zu werden. Die Eltern sind keine Bauern, sondern Menschen, die „Fremdengeruch" umgibt. Sie kommen anderswo her, genauso wie der Zigeuner Messias, der den Bauern das Plumpsklo entleeren muss. Doch wer sind sie? Juden? Aus Rumänien vertriebene orthodoxe Christen? Ruthenen? Warum werden sie ausgegrenzt?

 

 

Was bleibt von den Landschaften eines Lebens? Von den Bildern aus der Kindheit? Von den Eindrücken einer ursprünglichen Welt mit all ihren Schönheiten und Unbarmherzigkeiten? 
Ein Bild nach dem anderen nimmt Sepp Mall in den Blick - ein langsames Gehen, in dem sich die Gedichte zu einem poetischen Panorama aneinanderreihen. Unaufgeregt, präzise und immer wieder überraschend spürt er dabei den Wörtern nach, ihrem Klang, ihrer Atmosphäre, ihrem Geschmack, ihren Andeutungen und Verweisen. In der Mischung aus längeren, erzählerischen Gedichten und kurzen, verknappten Versen folgt Sepp Mall einer Wellenbewegung zwischen Narration und Poesie. Sanft lässt er das Prinzip der Aufzählung zum Tragen kommen, wechselt mühelos die Tonlagen und zeigt, wie vielfältig die sprachlichen Felder sind, auf denen er sich bewegt.

 

 

Mit dem neuen Buch unternimmt Matthias Schönweger wieder einmal nichts Geringeres als den Versuch, die Welt als Ganzes in Wort und Bild zu erfassen. „Er nimmt darin / Das Wort wörtlich / Und bildlich das Bild", heißt es dann. Und in der Tat häuft sich Bild um Bild und Wort um Wort wie im Magnetismus der Menge, um sich tollkühn zu einem totalen Weltbild aufzubäumen.

Was Wunder, wenn das so witzig wie wehmütig ist und am Ende ein trotziges Perpetuum mobile der Endlichkeit?

 

 

In Dostojewskijs Roman Der Idiot schlägt Fürst Myschkin als Sujet für ein Gemälde das Gesicht eines zum Tode Verurteilten vor, unmittelbar bevor das Beil niedersaust. In diesem Augenblick zeigt sich die Wahrheit des Gesichts. Ingeborg Bachmann wird diese Szene in ihrem Libretto zur Ballettpantomime Der Idiot wieder aufnehmen. Zwischen Dostojewskij und Bachmann liegt der verstörende Text Franz Kafkas In der Strafkolonie. In Kafkas Text zeigt sich um die sechste Stunde auf dem Gesicht des Verurteilten die Erlösung. Der Vortrag von Elmar Locher versucht den änigmatischen Beziehungen von Sprache, Strafe, Recht und Gerechtigkeit nachzugehen.

Joseph Zoderers Werk, dessen Erzählkraft und Frage nach der Beschaffenheit und Grenze des Menschen stets aus einer poetischen und persönlichen Notwendigkeit schöpft, ist beeindruckend an jenen Motor geknüpft, den Per Olov Enquist den „Muskel der Vorstellungskraft" nennt. Exemplarisch dafür ist gerade der Roman „Dauerhaftes Morgenrot", ein mit allen Mitteln der Kunst erzählte Liebesgeschichte aus dem Jahr 1987.
Joseph Zoderer (*1935) lebt in Bruneck und ist für sein Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Zuletzt: „Der Himmel über Meran" (2005), „Liebe auf den Kopf gestellt" (2007), „Die Farben der Grausamkeit" (2011), „Mein Bruder schiebt sein Ende auf" (2012).

Einer, der das Bilderdenken nicht nur als Diktum setzt, sondern es vor allem dem Erzählen als Erkenntnis zugrunde legt, ist Peter Handke. Wie kaum ein anderer beschwört und beschreibt seine Literatur keine Erklärung, sondern die „Zwischenräume" und „Niemandsbuchten" von Wirklichkeit. Oder, wie Peter Hamm sagt, „jene Art des Schauens, die eine Einheit von Gewahrwerden und Vorstellungskraft ist".
In seinem Haus bei Paris und an den Orten seines vehementen politischen Engagements spricht Peter Handke mit Peter Hamm über sein Leben und Schreiben. Dabei präsentiert er sich schonungslos und genau, in einer spannenden, bekenntnishaften Selbstanalyse seines Lebens und schriftstellerischen Selbstverständnisses. "Der schwermütige Spieler" ist ein Portrait eines der renommiertesten Vertreter der modernen deutschsprachigen Literatur.

Peter Hamm (*1937), arbeitet seit 1960 als freier Schriftsteller, Lyriker, Literaturkritiker und Autor zahlreicher Dokumentarfilme. Ab 1964 war er Kulturredakteur beim Bayerischen Rundfunk. Hamm ist Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und ist u.a. Jurymitglied des Büchner-Preises.

 

Ulrich Zieger (*1961) wurde bekannt unter den lauten Dichtern des Prenzlauer Bergs, als er Gedichtbände publizierte, Theaterstücke, Erzählungen und einen Roman oder das Drehbuch zu Wim Wenders Film „In weiter Ferne, so nah". Dabei folgt er unbeirrt und konsistent einer leisen Sprechweise voll von dunkler Melodie und „luzidem Surrealismus" (Michael Braun), weshalb Die Welt „seine Bücher zum Besten der deutschen Gegenwartsliteratur" zählt.
Heute lebt Ulrich Zieger in Montpellier in Frankreich. Zuletzt: „Was an diesem Abend wirklich geschah" (2006); „Beispiele" (2008); „L`Atelier / Die Werkstatt" (2010).

Halyna Kruk (*1974) konfrontiert in ihren Gedichten, die fast Poem sind, alltägliche Erfahrungen und Situationen mit Szenarien von Gewalt und Verlust und sät Zweifel an der Harmlosigkeit jeder kalkulierten ästhetischen Geste. Behutsam, bildstark und voller Hingabe kommen ihre Gedichte daher und warten doch mit doppelten Böden auf oder lassen mitten im Lesen den Atem anhalten durch das Hereinbrechen unerwarteter metaphorischer Minenfelder.
Kruk lebt als Schriftstellerin und Professorin für Literaturwissenschaft in Lviv und nimmt aktiven Anteil am aktuellen politischen Geschehen in ihrem Heimatland. In diversen Blogs und Internetpublikationen hat sie dazu Stellung bezogen: „Wir sind alle ZUTIEFST beunruhigt, liebes Europa."

Mit einer direkten und literarisch vielschichtigen Bildsprache zieht die Comic-Zeichnerin Ulli Lust ihre Leserinnen in Bann. Als Jugendliche hat sie sich auf eine abenteuerliche Reise durch das Italien der 80er Jahre begeben; darüber berichtet sie in Form einer Graphic Novel: „Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens". Dieses Buch ist nicht nur ein mitreißendes Roadmovie, er überzeugt auch als autobiographischer Bildungs- und Erweckungsroman mit unvergleichlich komischen Zügen. Eine Geschichte über zwei Mädchen, die glauben, wenn man nichts mitnimmt auf die Reise, dann habe man auch nichts zu verlieren.

Ulli Lust (*1967 in Wien), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Comic-Künstlerinnen und erst kürzlich mit dem Comic-Oscar, dem Prix Révélation, ausgezeichnet, lebt und arbeitet in Berlin.
2009 erschient „Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens", ein komödiantisches Drama über den Preis der Freiheit, Geschlechterkonflikte und Vertrauensverluste. 2013 hatte die Comicadaption nach dem Roman „Flughunde" von Marcel Beyer großen Erfolg und brachte der Autorin den Max und Moritz-Preis 2014 ein. Seit 2013 unterrichtet Ulli Lust als Professorin für Illustration und Comic an der Hochschule Hannover.

 

 

Brigitta Falkner, deren Werk unentwegt die Scharniere zwischen Bild und Schrift auslotet, beschäftigt sich in ihrem neuen Buch- und Filmprojekt „Strategien der Wirtsfindung" mit der Metamorphose von Dingen: Einzelne Bildelemente werden in Umkehrung des Produktionsprozesses freigelegt und zu einem flirrenden Nebeneinander geordnet. In wechselnden Perspektiven, Blick- und Schlupfwinkeln erfolgen komplexe Interaktionen zwischen Wirt, Parasit und Vektor.
Brigitta Falkner (*1959) lebt in Wien. Zuletzt: „TOBREVIERSCHREIVERBOT - Palindrome" (1998); „Fabula rasa oder Die methodische Schraube" (2001); „Bunte Tuben - Anagramm" (2004); „Populäre Panoramen I" (2010). Beiträge für Zeitschriften und Anthologien. Radiophone und audiovisuelle Arbeiten. Kurzfilme, Comics, Zeichnungen. Einzel- und Gruppenausstellungen.

Michael Donhauser, der Maler unter den Dichtern, gibt in einem für Lana geschriebenen Essay Einblicke in die innere Ikonographie des Dichtens: Es sind zwei Bilder, die sich kaum begegnen und die doch ein Sommer vereint. Es ist nicht allein der Sommer, es ist ein Halbdunkel, das bald aufscheinen lässt, bald in ein milderes Licht setzt, was dann bildlich wird, wenn die Erzählung innehält und das Innehalten sich erzählt. Oder: wenn eine Gegenwärtigkeit das Erinnern aufbricht und als Erinnerung gleichnishaft bleibt.
Michael Donhauser (*1956, Vaduz) lebt seit Mitte der 80er Jahre als freischaffender Autor in Wien. „Zuletzt: „Die Gärten, Paris. 17. Diptychen in Prosa" in Deutsch und Französisch (2002), „Vom Schnee" (2003), „Venedig: Oktober, halbe Sonette" (2003), „Variationen in Prosa" (2013). Darüber hinaus hat er Gedichte von Arthur Rimbaud ins Deutsche übersetzt und zahlreiche Preise erhalten.

Auch in seinem jüngsten Buch zeigt sich Xaver Bayer als Meister der absichtlosen, künstlerisch höchst ergiebigen Stadtwanderung. Wieder konfrontiert er seine Leserinnen mit einem Protagonisten, der sein eigenes Leben zwar nachgerade schwänzt, dafür ungleich mehr sieht als jene, die angeblich mitten im Leben stehen. Dabei beeindrucken Bayers surreale Wahrnehmungsstrategien gerade durch ihre abgrundtiefe Nüchternheit, die es Mal für Mal vollbringt, selbst Anflüge von Weltekel angesichts der Absurdität des Menschlich-Möglichen in ein verstecktes Frohlocken zu verwandeln. So hält dieser Autor, zwischen Schwindel und Slapstick, Wachtraum und Müßiggang, die Fäden des Erzählens doch so stringent in der Hand, dass man sich an Ernst Jandls Bekenntnis zur Kunst als „fortwährende Realisation von Freiheit" erinnert fühlt.
Xaver Bayer (*1977) lebt als freier Schriftsteller in Wien. Er wurde für sein Werk (zuletzt: „Das Buch vom Regen und Schnee" 2007; „Die durchsichtigen Hände" 2008; „Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen" 2011;) mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis 2004, Hermann-Lenz-Preis 2008 oder dem Förderpreis Literatur Wien 2011.

 

 

Dienstag, 19.08.2014

20.00
Begrüßungen: LR Philipp Achammer, Landesrat für deutsche Bildung und Kultur; Dr. Harald Stauder, Bürgermeister der Marktgemeinde Lana; Prof. Elmar Locher, Präsident der Bücherwürmer; Theresia Prammer und Christine Vescoli, Kuratorinnen

Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so (S. Fischer Verlag 2013)
Übersetzung und Gespräch: Adelheid Zöfel

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Es war das Buch des Jahres 2013, am meisten und am besten besprochen. Eine wahre Entdeckung: Sechs Menschen, eine Familie, über Weltstädte und Kontinente zerstreut. In Afrika haben sie ihre Wurzeln und überall auf der Welt ihr Leben: London, Accra, New York. Bis plötzlich der Vater in Afrika stirbt. Nach vielen Jahren sehen sie sich wieder und machen eine überraschende Erfahrung. Endlich verstehen sie, dass die Dinge nicht einfach ohne Grund geschehen. So wurde noch kein Familienroman erzählt.
Taiye Selasi ist die neue internationale Stimme - jenseits von Afrika.

Taiye Selasi (* 1979) ist Schriftstellerin und Fotografin. Sie erfand den Begriff „Afropolitan". „Afropolitan" bezeichnet eine neue Generation von Weltbürgern mit afrikanischen Wurzeln. Toni Morrison, die Selasi während ihres Studiums in Oxford kennenlernte, inspirierte sie zum Schreiben. Ihre erste Erzählung ›The Sex Lives of African Girls‹ erschien in der Literaturzeitschrift „Granta". „Diese Dinge geschehen nicht einfach so" ist ihr erster Roman, der weltweit Beachtung fand.
Selasi ist in London geboren und wuchs in Massachusetts auf. Ihre Eltern, beide Ärzte und Bürgerrechtler, stammen aus Ghana und Nigeria. Sie lebt in New York und Rom.

„Umwerfend ist die Multiperspektivität, die Taiye Selasi in ihrem Roman gelingt - selten hat man so tief, weil differenziert, in eine Familie schauen können." (16.10.2013; NZZ)

„Diese Dinge geschehen nicht einfach so" ist ein ergreifender Familienroman. Die Antwort auf die Frage „Woher kommst du?" ist vielschichtige, großartige Literatur. (Der Spiegel)

„Der Roman ist deshalb so großartig, (...) weil Rhythmus und Dramaturgie so stimmig sind" (13.03.13; taz)

 

 

Wir haben ein Land aus Worten

Machmoud Darwisch

Dass die Bücherwürmer gerne über Grenzen schauen, ist bekannt: In den vergangenen Jahren haben wir uns intensiv mit den Literaturen des historischen Mitteleuropa auseinandergesetzt. Daneben waren Autorinnen und Autoren aus Russland und Polen, aus dem Iran, aus Norwegen, Schweden und Schottland, aus den baltischen Staaten und aus Australien bei uns zu Gast. Die Veranstaltung zur arabischen Poesie der Gegenwart ist nun eine Premiere: Zum ersten Mal rücken die arabisch sprechenden Länder im Nahen Osten und im nördlichen Afrika in unser Blickfeld. Die Lyrik ist dort das traditionsreichste literarische Genre und pulsiert heute vor Kraft und Leben. Sie ist unbequem, existenziell und experimentierfreudig - und entspricht ganz und gar nicht dem Klischee eines exotischen, geheimnisvollen und trägen „Orients", den der in Jerusalem geborene Literaturwissenschaftler Edward Said in seinem 1978 publizierten Buch „Orientalismus" als Erfindung des Westens denunziert hatte.
Mit unserem Augenmerk betreten wir einen scheinbar unübersichtlichen Sprachraum, der, obwohl geographisch an Europa angrenzend, für uns eine terra incognita ist. Wir begeben uns mit der Veranstaltung am 30. und 31. Mai also in unbekanntes Land, das wir, nach der Diktion des großen Dichters Machmoud Darwisch, entlang seiner Worte und Literaturen ermessen wollen. Nur wer die Erzählungen seiner Nachbarn kennt, kann mit diesen dauerhaft in Frieden leben: Diese Begegnung mit arabischer Poesie, die zweisprachige Lesungen mit Gesprächen über die Gedichte und ihre Einbettung in einen poetologischen und gesellschaftlichen Kontext verzahnt, will dazu beizutragen, die Gegenküsten des Mittelmeers neu zu verklammern, damit Sprache übersetzen und offen zirkulieren kann.
Dabei ist angesichts der hinter entsperrten Türflügeln sich ausbreitenden Landschaften das Nach-denken über die eigene Geschichte und Identität möglich. „Identität ist grenzenloses Sichöffnen. Denn man ist nicht einfach dadurch man selbst, indem man einen besonderen Namen trägt, eine andere Sprache spricht, einer anderen Nation angehört. Nicht das, was man war, macht einen zu einem selbst, sondern das, was man noch werden kann. Identität ist entweder ein offener Entwicklungsprozess oder nichts weiter als ein Gefängnis", schreibt der aus Syrien stammende Dichter Adonis. „Werden" statt „Sein", so lässt sich diese radikale Position zusammenfassen, die in einem im Umbruch sich befindenden politischen und kulturellen Umfeld auf das Vielstimmige, mit einander Verflochtene, Veränderliche und Unvollkommene setzt - nicht nur in der arabischen Welt. (Klaus Hartig und Christine Vescoli)

 

 

 

„Die Erde erfindet ihre Wurzeln" - Arabische Lyrik heute

Nach nunmehr drei stürmischen Jahren der politischen, sozialen und kulturellen Umwälzungen, die von einer raschen Abfolge einschneidender Ereignisse geprägt waren, ist - mit Ausnahme der tragischen Situation Syriens - wieder etwas mehr Alltäglichkeit in die arabischen Gesellschaften eingekehrt. 2011 und 2012 stand noch die Aktion im Vordergrund, Kunst und Literatur waren den Notwendigkeiten des Augenblicks unterworfen und setzten sich intensiv mit politischen Fragen, Entwicklungsszenarien und dem schwierigen Erbe der jüngeren Geschichte auseinander. Auch wenn diese Tendenz und der Kampf für Wandel weiterhin anhalten, um die Veränderungen fortzusetzen und neue gesellschaftliche Strukturen zu schaffen, ist es an der Zeit, mit und in der Sprache zu einer Form der Nachdenklichkeit (zurück) zu finden.
Gerade in Phasen der Unruhe und Ruhelosigkeit vermag Lyrik mehr als andere Kunstformen, die Menschen zum Innehalten zu bewegen und Momente der Kontemplation und des Dialogs mit sich selbst zu initiieren. Wenn auch die zeitgenössische arabische Dichtung unter den aktuellen Bedingungen häufiger als zuvor revolutionäre Töne anschlug, eröffnet sie auch einen Sprachraum, in dem Zuhören, Reflexion und Sinnlichkeit wieder möglich werden.
Zugleich ist die arabische Lyrikszene heute vielfältiger als je zuvor. Einen Ausschnitt aus dieser Vielfalt zeigen die vier Dichterinnen und Dichter, die zu Gast bei Literatur Lana aus ihren aktuellen Werken lesen und über das Spannungsverhältnis von Literatur und Gesellschaft diskutieren. Während die Ägypterin Iman Mersal, 1998 nach Nordamerika emigriert, in ihrer von Sentimentalität bereinigten Dichtung „Ersatzgeografien" erschafft und von einem ortspolygamen Verhältnis zur Sprache spricht, hat Mazen Marouf als Palästinenser vielfältige und ambivalente Exilerfahrungen in sein Schreiben einfließen lassen. Nora Amin, die als Regisseurin, Schauspielerin und Tänzerin arbeitet und im Jahr 2000 eine unabhängige Theatergruppe (La Musica) gründete, setzt sich in ihren Gedichten auf eine uns herausfordernde Weise mit Körperlichkeit, sozialen Zwängen, Politik und Wahnsinn auseinander. Spätestens seit der Auszeichnung seines Lyrikbandes „Die Gabe der Leere" durch den renommierten marokkanischen Buchpreis gilt der 1948 in Fes geborene Lyriker Mohammed Bennis mit seinem umfangreichen lyrischen, essayistischen und literaturwissenschaftlichen Werk als einer der poetologisch innovativsten Dichter der Gegenwart.
Welche Formen und Themen die arabische Lyrik heute beleben, welche Aufbrüche drei Jahre nach dem ‚Arabischen Frühling‘ in der Literatur stattfinden und welche lyrischen Wege frei von ideologischen Denkmustern Autorinnen und Autoren beschreiten, das will der Schwerpunkt Arabische Gegenwartslyrik im Mai erkunden. (Stephan Milich)

 

 

Als die iranische Dichterin Forough Farrochsad 1968, kaum 32 Jahre alt, starb, hinterließ sie ein Werk, das trotz staatlichen Verbots bis in die Gegenwart hinein gelesen und weiter erzählt wird. So ungeheuer ist die moderne poetische Sprengkraft und so eindrücklich der Widerstand gegen eine konservative Gesellschaft und Moral, dass die Gedichte eine unbeirrbar künstlerische Radikalität erreichen. Heute gilt Farouch Farrochsad als eine der bedeutendsten Dichterinnen der persischen Moderne.
Als Regisseurin zeichnete sie über ein filmisches Meisterwerk über ein Lepra-Ghetto im Norden von Iran, das weltweit Aufsehen erregte - und dem kleinen Hossein das Leben rettete. (www.youtube.com, „The house is black, hochgeladen von Azad Vahabzadeh).

Ein Abend in Lana ist der legendären Perserin gewidmet. Dazu spricht und liest Hossein Mansouri, Farrouchsads Adoptivohn. Elmar Locher und Linda Wolfsgruber, die den schönen Band „Der Vogel ist sterblich" (Bibliothek der Provinz 2007) illustriert hat, begleiten das Gespräch.„Der Vogel ist sterblich"

 

 

Mein Herz ist bedrückt
Mein Herz ist bedrückt,
ich trete auf den Balkon
und meine Finger streichen über die
gespannte Haut der Nacht.
Die Lampen der Beziehung sind erloschen.
Die Lampen der Beziehung sind erloschen.
Niemand wird mich der sonne vorstellen
Niemand wird mich
zu dem Gastmählern der Spatzen mitnehmen.
Behalte den Flug im Gedächtnis
der Vogel ist sterblich.

 

 

Eine Dichtung wie eine Droge auf das Urteilsvermögen des Lesers." Eugenio Montale
Andrea Zanzotto ist einer der großen Erneuerer der Lyrik im 20. Jahrhundert. Sein Werk ist, bei aller Radikalität, tief in der italienischen Tradition verwurzelt. Er war Freund der prägenden Künstler der italienischen Nachkriegszeit, wie Pasolini, Montale oder Luzi; er verfasste Gedichte und Libretti für Federico Fellinis Filme Casanova und Das Schiff der Träume.
Dorfspiel enthält früheste Gedichte (aus: Da hinter der Landschaft), einige wenige aus der mittleren Periode und Gedichte aus dem letzten Band Conglomerati und vereint alle zentralen Themen und Leitmotive des umfangreichen Lebenswerkes: die Befragung der Geschichte, die Zerstörung der venetischen Landschaft vom Ersten Weltkrieg bis heute, die Betrachtung der Landschaft mit ihrem Dahinter. Vergessene Personen tauchen auf, Erinnerungen an die Kindheit, den Krieg, das Handwerk, Landschaften, Gedichte in verschiedenen Sprachformen - Hochsprache, Dialekt, vorsprachliches Gestammel.
Die mehrfach ausgezeichneten Übersetzer erschaffen eine eigene sprachliche Vielfalt. Essays begleiten den Band.

Der Gedichtband Dorfspiel von Andrea Zanzotto wurde von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats im April 2014 gewählt. „Andrea Zanzotto, der 2011 starb, ist der Dichter einer Gegend, des Veneto, und einer politischen Haltung, des Widerstands gegen den Faschismus. Der 25. April spielt in den hier gesammelten Gedichten eine große Rolle, das Datum, an dem für Italien der 2. Weltkrieg endete. In Zanzottos Gedichten reiben sich die kleinen Realien an der großen Realität." Darmstädter Jury Buch des Monats (Peter Härtling)

 

 

Andrea Zanzotto: Dorfspiel
Aus dem Italienischen von Donatella Capaldi, Maria Fehringer †, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse
Mit Beiträgen von Donatella Capaldi und Peter Waterhouse
Hg. gem. mit Literatur Lana - Verein der Bücherwürmer und Urs Engeler Editor
Folio Verlag Wien / Bozen 2014

 

Tu sei, mi trascura

Tu sei: mi trascura
e tutto brividi mi lascia la stagione;
fragole a boschi e pomi a perdizione
nelle miriadi delle piogge

La pura estate consumata
dai grandi venti
illuminata dall`amore

e tutta un`altra fioritura
che non significa e non pesa
e questo pomeriggio improvvisato
perché da te mi possa congedare

Con te verde ora
di caligini e raggi
mi salvi, io vedo ancora
tra accecanti ricchezze.

 

 

Programm:

- Begrüßung/ saluto: Marisa Zanzotto
- Lesung und Gespräch/ Lettura e dialogo: Donatella Capaldi, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse
- Filmausschnitte begleiten die Veranstaltung
- Buffet

 

 

Ein neues Lebensgefühl, ein Fieber erfasst 1968 von Berkeley, Paris, Berlin, Rom und Mailand aus bis in die Kleinstadt-Hinterhöfe von Bozen, Meran und Bruneck hinein eine ganze Generation und wird zum Schwungrad, auch im engen Land der Berge für Freiheit, Recht und Gerechtigkeit einzutreten. Einige zerbrechen daran, verfallen in Depressionen, andere gleiten ab in terroristische Gewalt, wieder andere melden sich ganz und für immer ab vom gesellschaftlichen Engagement.
In einer Collage aus subjektivem Erzählen, Tatsachenbericht und Dokumentation erzählt das Buch vom Aufschäumen und Zusammenbrechen dieses 68er Zeitgeistes.

„Ein nachträgliches Ich zeigt uns Haltungen eines vorgängigen, das, von einem Abseits aus, durch neue Sprachen und erhitzte Bewusstseinslagen stromert." Elmar Locher

„Nach bald 50 Jahren: Der Große Aufbruch im Spiegel des Südtiroler Mikrokosmos, in überraschenden Facetten, von Siegfried Nitz im Rollerball von Retrospektive, Reflexion und Erzählfreude virtuos aufgefächert." Hans Heiss

 

Sabine Grubers Gedichte in bibliophiler Gestalt sind schlicht und zugleich höchst kunstvoll. Sie bestechen ebenso wie ihre Romane durch sprachliche Präzision und feine Lakonie. Mit einfachen Mitteln entlockt Gruber den Augenblicken des Alltags ihre poetische Kraft. In dezenten Versen bringt sie auf den Punkt, was ihr Blick einfängt, und verwandelt wie mühelos die Welt in Worte. „Die Sprache schneit, unablässig schneit sie / Neues hervor, wirbelt an den Rändern."

Elisabeth Reicharts poetische Sprache verdichtet sich in ihrem ersten Gedichtband zu Augenblicken der Schönheit und Liebe, zu Träumen und Trauer über deren Verlust. Zeit und Entfernung verschwinden in dieser Lyrik, die bekannte und unbekannte Orte bereist, sich in der Natur niederlässt, zwischen Frau und Mann, Armut und Reichtum, Abschiednehmen und Ankommen. Die thematische Reichhaltigkeit spiegelt sich wider in der sprachlichen Vielfalt, im Nebeneinander von dicht komponierten Gedichten und erzählender Lyrik, deren sinnliche Erfahrungen die Sprache vibrieren lassen.

 

 

Was muss einer fürchten, was darf einer hoffen, der 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrt? Ursula Krechel macht sich mit ihrem großen Roman »Landgericht« noch einmal auf Spurensuche. Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaas'schen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna.
Ursula Krechels Roman lässt Dokumentarisches und Fiktives ineinander übergehen, beim Finden und Erfinden gewinnt eine Zeit atmosphärische Konturen, in der die Vergangenheit schwer auf den Zukunftshoffnungen lastet. »Landgericht«, der Roman mit dem doppeldeutigen Titel, handelt von einer deutschen Familie, und er erzählt zugleich mit großer Wucht von den Gründungsjahren einer Republik.

Dass Camenisch seine Texte, die in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, nicht übersetzt, sondern auf Rätoromanisch und auf Deutsch schreibt, gibt ihnen ihren ganz eigenen Klang, in der Rauheit und Melodiösität, Kraft und Zartheit eine suggestive Verbindung eingehen.
In Lana liest der Autor aus dem neuen Buch „Fred und Franz": Zwei Brüder räsonieren über den Lauf der Dinge, über die Liebe, das Finden und Verlieren, das Festhalten und Loslassen -tiefgründig, absurd-komisch und amüsant.Und mit der gleichen Originalität, mit der Camenisch seine Wort- und Bildersprache kreiert, trägt er auch seine Texte vor - oder wie es in der NZZ formuliert wurde: «Camenisch versteht es, seine Texte zu Ohren zu bringen; professionell, eingängig und rhythmisch packend.»

Mit Camenisch auf der Bühne ist der Bündner Sing- and Songwriter Pascal Gamboni (Gitarre und Gesang) - seine Lieder - auf Romanisch, Englisch und Französisch - bestechen durch ihre Klarheit und Schlichtheit.

 

Eine der zentralen Figuren des New Yorker Undergrounds in den 1960-er Jahren, Freund von Andy Warhol und John Lennon, war Jonas Mekas. International bekannt geworden ist er vor allem als Experimentalfilmer und Fürsprecher des amerikanischen Autorenkinos. Er gilt als Pate des amerikanischen Avantgardekinos und war Gründer des großen „Anthology Film Archives" und der Zeitschrift „Film Culture". Heute gehört sein filmisches Werk zur allgemeinen Kunstgeschichte.

Jonas Mekas ist aber auch Dichter. Im Unterscheid zu seinen Filmen blieb sein lyrisches Werk weitgehend unbekannt. Nun sind zwei Gedichtzyklen erstmals im Deutschen erschienen, von Claudia Sinnig wunderbar übersetzt und zum Buch „Alt ist dieses, unser Sprechen" gebunden. Literatur Lana stellt das vielfach gelobte Buch mit dem Autor im Filmclub Bozen vor, wo auch ein Streifen des legendären Filmemachers gezeigt wird.

Das Buch „Alt ist dieses, unser Sprechen" vereint den Gedichtzyklus „Semeniškiai-Idyllen", Mekas' literarisches Hauptwerk, und das lange Gedicht „Reminiszenzen", das Mekas' teils traumatische Erlebnisse genauso wie glückliche Tagen im kriegszerstörten Deutschland heraufbeschwört.
„ Die Gedichte von Jonas Mekas zu lesen, ist ein verzauberter Gang in eine Vergangenheit, die gar nicht gebunden ist an Litauen. Es ist ein Ort, der irgendwo und nirgendwo sein könnte, in einer verwunschenen Welt, und der die Grausamkeiten der Geschichte des 20.Jahrhunderts nicht ausspart. Die Poesie des Alltäglichen kann auch in den Abgründen verborgen liegen." (Deutschlandfunk, 20.8.13)

 

"Sein Gespür für die Einzigartigkeit von Licht, Farbe und Düften seiner Heimatregion, im Norden Litauens, ist, wie sich inden "Idyllen" zeigt, die eeines Visionärs, der den irdischen Details der Wirklichkeit eine höhere Intensität verleiht. Das erkärt, warum er sowohl Poet als auch ein Poet von Dingen ist, die der Film aufnimmt und bewahrt.(CzesÅ‚aw MiÅ‚osz)

„Schuldt kennt die fremde Welt draußen so gut, dass er sie phantastisch erweitern kann in seinem Buch „In Togo, dunkel und andere Geschichten."
So schreibt die Süddeutsche Zeitung vor wenigen Tagen über das neu erschienene, schön gestaltete Buch, das bei Literatur Lana vorgestellt wird. Darin ist die Rede vom japanischen Handel in Teddybären, die den Japanern so fremd waren, dass sie darin nie und nimmer ein Kuschelgefährt für Kinder entdecken konnten, sondern eher ein religiöses Bildwerk und es folglich kultisch verehrten. Oder es ist die Rede von den Cotorra Yucca am Orinoco, die nicht reden, sondern in vielgestaltig geformten Speisen sich verständigen. Oder es wird erzählt von den mürrischen Franzosen, für die Anfang des 18. Jahrhunderts aberwitzige Missverständnisse mit den Ureinwohnern der Westküste Afrikas Gefahren für Leib und Leben heraufbeschwören.
Immer gelingt es Schuldt, dem unerschrockenen Avantgardisten von sprühendem Zeitgeist, spürbar zu machen, wann den Menschen das schier Unverständliche bis zum Hals reicht. Wenn im letzten Augenblick die Lage sich doch noch aufklärt, alle mit heiler Haut davonkommen, weil ein Funke zwischen den gegensätzlichen Kulturen übergesprungen ist, wird blitzartig die Urkomik deutlich, die Absurdität des Menschseins.

Legendär bleiben die Auftritte H.C. Artmanns, des feixenden und Faxen treibenden Poeten aus dem 14. Wiener Gemeindebezirks, genial seine Texte zwischen Fisimatenten und Melancholie, unwiederholbar sein Literatur- und Lebenskonzept, das „unbeirrbar die Menschenrechte der Poesie, ihre Würde und ihren Eigensinn, behauptet und gelebt hat". H. C Artmann (1921-2000) hat sich mit seinem Werk in die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben und sie so generös wie kühn um neue Möglichkeiten erweitert.
Kein Wunder, wenn Willi Resetaris, musikalischer Entertainer des Wiener Gemüts, den Poeten verehrt wie einen Heiligen. In einer einzigartigen Annäherung im Stubenblues bezeugt er es. Wie ein Hund aber leider er, wie er sagt, bei der Zusammenstellung eines Leseabends daran, was er alles nicht zum Vortrag bringen kann. Die Qual der Wahl ist groß.
Karl Ritter hört aufmerksam zu. Seine Finger bewegen sich traumwandlerisch über Griffbrett und Saiten. Seine Musik gibt dem Abend eine eigene, unverwechselbare Qualität.

 

 

Olga Flor: Die Königin ist tot (Zsolnay 2012)
Einführung: Christine Vescoli
Hofmannplatz 2, Lana

I versi di Roberta Dapunt, che alternano parole e silenzi in modo così semplice e così sapiente, sono sempre un dialogo col sacro, un sacro che si manifesta nei misteri del quotidiano. E il primo mistero di cui si tratta in questo libro è la demenza, il malato di Alzheimer, una forma di Altro inconoscibile, sospeso in un luogo apparentemente metafisico, ma nello stesso tempo persona, corpo, snodo di concentrazioni affettive. Ecco dunque il continuo dialogo con Uma, che in ladino significa madre ma che l'autrice usa come nome universale, una chiamata, una sorta di tu che sintetizza esperienze diverse, sue e di tanti. E questo incontro, questo accudimento diventa percorso di conoscenza di qualcosa che non si può conoscere. Un percorso difficile e doloroso che non manca di «beatitudini», una forma di misticismo riflesso dove il vero mistico è il malato, che si può soltanto interrogare senza avere risposte, che si può soltanto accostare con amorosa ritualità. (Mauro Bersani)

 

 

"Dichtung, eine geahnte Füllung der Lücken in der Geschichte"

Achim von Arnim

„Poesie lebt", erklärt der polnische Dichter Ryszard Krynicki, durch die nie versiegenden Transfusionen aus dem Blutkreislauf längst verstorbener Spender. In der Erfüllung dieser Aufgabe sei sie „stärker als die Angst" und ausgestattet mit der „Stimme des Gewissens". Auf solch anspruchsvolle ethische Gestimmtheit soll kein Schatten fallen, wenn man dem wachsamen Gewissen eine andere, schwerer messbare, doch nicht minder bedeutsame Größe zu Seite stellt: jene des Ungewissen. Dieses Ungewisse ist aus poetischen Schöpfungen nicht wegzudenken und es korrespondiert mit dem Schlüsselbegriff, den Peter Handke im Vorwort zu seiner Auswahl aus dem Gedichtwerk des sorbisch-deutschen Schriftstellers Kito Lorenc in den Rang eines diagnostischen Kompasses erhoben hat: der poetischen Ahnung.

Die Literaturtage Lana, die sich im August 2013 zum 28. Mal jähren, nehmen solche mikroskopischen (Binnen-)Differenzierungen poetischer Intuition in Augenschein und entführen in ein „Sprachinselland" (Lorenc), „wo das spezielle Geschichtswissen übergegangen ist in etwas Universelles." Von der Ahnung ist die Rede als poetisches nicht weniger als poetologisches Moment, das in Bild, Klang und Rhythmus überführt und von dort auf unerklärliche, in der Zuwendung zum Inkommensurablen aber durchaus absichtsvolle Weise Evidenz und „Gegenwart" wird, „anders als die Vergegenwärtigungen selbst der lebendigsten Geschichtsschreiber" (P. Handke).
Diesem Anderssein sich auszusetzen, wo sich im witternden Wissen des poetischen Denkens geschichtliches Erkennen artikuliert, könnte die Aufgabe sein. Denn pars pro toto für die Ahnung ist nicht das Ähnliche, sondern dieses Andere, in dem Sein und Sagen, Geschehen und Erzählen so vergegenwärtigt werden, dass Gewahrwerden und Gewähr einer spezifischen Zeitweise der Haltung des Fragens, nicht des Behauptens entsprechen. Sie schuldet sich einer höchst präzisen, dabei intuitiven Empfindung und Wachsamkeit, die auch dafür Sorge trägt, dass ihr Wissen unverwaltbar und unverwendbar ist. Aufregend mag diese Subtilität sein, diffizil die Wahrnehmung und diskret die Sensation, in die Sprache und ihr Gedächtnis Eingang finden.

Was sich also als Ahnung konstituiert, leitet sich, nicht weniger als jede erklärende Geschichtsdarstellung, aus der Erinnerung her und ortet Zeitgenossenschaft ähnlich dem viel zitierten Angelus Novus von Walter Benjamin, von dem es heißt, er habe das Antlitz der Vergangenheit zugewandt, während er unaufhaltsam in die Zukunft treibt, der er den Rücken kehrt. Oder macht das Gedicht gar noch eine Drehung und wendet sich von Zeit zu Zeit von der Geschichte ab, um in ein Geschehen einzusehen, für das allein die ästhetische Erfahrung eine Form bietet? Eine Form des Wissen, die Verbindlichkeit bewahrt, auch wo sie sich so ungehörig zu Logik und Chronik des Diskurses verhält? „Dabei fiel Goldberg von einer Zeit in die andere und er nahm keinen Schaden" schreibt Konrad Beyer in „Der Sechste Sinn".

Auf den skizzierten Bahnen der Ahnung wollen wir, nicht zuletzt mit Hilfe der unermüdlichen Erinnerungsarbeit unserer Gäste, auch der Unbewusstheit des Kindseins und seiner „Jahre, die keiner zählte", näher kommen, „als wir unter alten Eichen spielten / und die Ewigkeit bei uns war", wie die polnische Dichterin Julia Hartwig den verlorenen Zustand beschwört.

Jedoch liegt zwischen dem Erinnernden und der Erinnerten die Erfahrung der Emigration, die in der Begegnung mit der eigenen Herkunft für die Zurückblickende eine noch viel größere Herausforderung darstellt. In den Kindheitsgedichten Ruth Klügers spricht sie sich qualvoll und unbarmherzig aus. Den Anspruch, dass das Singen nicht nur ein Sinnen und Trachten, sondern auch ein Sein sei, erfüllt Ruth Klügers Lyrik auf beklemmende Weise und wird darüber hinaus lesbar als „Ausweis schöpferischer Kraft unter quälenden physischen Bedingungen". (Julia Hartwig über Zbigniew Herbert)

Wenn also die Literatur und speziell das Gedicht Geschichte nicht erklärend oder nacherzählend verhandelt und Geschichtsschreibung gewiss nicht ist - worauf ruht das Zeitdenken des Gedichts? Wo ist sein Übergang in die besprochene Welt? Worauf richtet es seinen Spür-Sinn?

Wollen wir annehmen, dass das Gedicht nicht im Gehege von Aktualitäten verwaltbar und nicht von Zeitgeist umklammert ist. Wollen wir annehmen, dass es vielmehr im sprachlichen Substrat und als literarische Haltung aufzuspüren ist. Dann zeigte das Gedicht in der Zuwendung zum geschichtlichen Geschehen dessen Erzählbarkeit auf, die nicht in der Chronik der Ereignisse und auch nicht in ihrer Erfindung liegt. Aber in der Frage nach der Form, die die Verknüpfung von Ereignis und Erfindung darstellt. Wie immer sie auch Sprung, Bruch oder Aufbruch sein kann in Hinblick auf das Bisherige.
Ob nämlich, wie Eugenio Montale mutmaßt, jeder Generation eine gewisse Anzahl von Wörtern und Situationen beschieden ist, aufzubrauchen bis neue, kommende Dichter den auf sie zuschnellenden Ball des Nie-Dagewesenen aus der Luft auffangen?

 

 

Nicht nur in Zeiten politischer Repression rückt der Begriff der »Haltung« verstärkt ins Blickfeld öffentlicher Kunst- und Literaturbetrachtung. Dabei ist seine Anwendung auf SprachkünstlerInnen in der Regel weit weniger offensichtlich und bedarf einer ganzen Reihe semantischer Abgrenzungen. Ist Haltung, was Texten Halt gibt oder gibt es ohne Haltung ohnehin keine haltbaren Texte? Grundiert Haltung jedes Verhalten? Kann Zurückhaltung Haltung sein? Gibt es allein eine Haltung zu etwas (»Ansicht«) oder gibt es auch eine Haltung »an sich«? Wie wirken biographische Veränderungen oder Faktoren auf die Haltung von Schreibenden, namentlich von Gedicht-Schreibenden ein? In diesem Sinne äußerte etwa T. H. Auden den Verdacht, »engagierte« Positionen könnten in bestimmten Fällen auch besonders raffinierte Ablenkungsmanöver von der eigentlichen Spracharbeit darstellen, während Figuren wie Osip Mandelstam oder Walter Benjamin auf paradigmatische Weise jene Ethik des Poetischen verkörpern, in der Haltungs- Fragen untrennbar mit der Frage-Haltung dichterischen
Denkens tout court verquickt sind. Unweit davon steht auch eine Textpraxis, die sich mit Dichter Ferdinand Schmatz als Haltung des unnachgiebigen Fragens an die Prozesse des Erkennens und Konstruierens von Wirklichkeit versteht.

Im Gespräch mit Elke Erb, Ryszard Krynicki und Ferdinand Schmatz wollen wir den Haltungs-Begriff, zwischen menschlicher Größe und ästhetischem Selbstverständnis, Gesinnung und Eigensinn, Stil (»le style c'est l'homme!?«) und Standfestigkeit, Ideologiekritik und Didaktikfalle (Thomas Kling sprach von Lehrer- Lempelhaftigkeit), erklärend zu erden versuchen.

Den vielgereisten und in diversen literarischen Genres bewanderten Dichter Ferdinand Schmatz beschrieb der Wiener Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler als »sensibel und nicht gefühlsduselig«, »genau und nicht spröde, rätsel haft und nicht unklar, subjektiv und nicht diffus, formbewusst und nicht formalistisch«. Mit seinem jüngsten Gedichtband,quellen (2010), setzt Ferdinand Schmatz seine hypertextuellen Erkundungsgänge in fremde und vertraute Sprachlandschaften fort und bricht als mitreißender »Wildwasserfahrer« (Samuel Moser) zu neuen poetischen Ufern auf. Dabei werden auch »bewährte« Reisegefährten wie Ernst Jandl, Friedrich Hölderlin, Eduard Mörike und Paul Celan mit ins Boot geholt und in ein raum- und zeitübergreifendes Gespräch verwickelt.

Im Juni 2013 wurde Elke Erb der Jandl-Preis zugesprochen. Aus diesem Anlass erschien im Roughbook Verlag eine neue Sammlung von Texten aus den Jahren 2005-2012, herausgegeben von Urs Engeler. Die NZZ schrieb dazu: „Elke Erbs Gedichte sind kleine Sonden, die es erlauben, das Sprachgelände zu erkunden. Nie abgeschlossen sind die Bewegungen dieser Verse, sondern vorläufig im besten Sinne. Im Nu springt hier ein Bild einem Satz bei oder vergegenwärtigt einen Weg der Erkenntnis." In Lana wird Elke Erb aus den gesammelten Gedichten lesen und anschließend übergehen in ein Gespräch mit der jungen weißrussischen Lyrikerin Valzhyna Mort, deren Gedichte sie ins Deutsche übersetzte.

Nach ihrem gefeierten Band Tränenfabrik (2009) legt Valzhyna Mort ihre erste auf Englisch verfasste Gedichtsammlung vor. Sie schreibt ihre von Hunger und Verlust gezeichnete Familiengeschichte fort. Doch stärker als früher, dringlicher, aggressiver setzt sie auf Themen wie Lust, Gewalt, Fremdheit und Einsamkeit. Mit spürbarer Freude am Bearbeiten frischer Sprachmaterie erkundet sie eine in ständiger Verwandlung begriffene Welt, deren harte, strahlende Grenze aus Licht, Wasser, Sand geformt ist. Viele Gedichte umkreisen das Wesen der Sprache, hinterfragen die Autorität jener Instanzen, die entscheiden, wer spricht und wie er das tut.

 

 

 

„Ein junger Prager Dichter von stiller Perfektion" titelte Die Zeit über Petr Borkovec. In der Tat nehmen die Gedichte von Petr Borkovec ihren Ausgangspunkt in unscheinbaren Dingen, verlassenen Räumen, ländlichen Landschaften oder anekdotischen Szenen. In der Weise, wie sie dann aber überführt werden in die Bildhaftigkeit und strenge Form einer ästhetischen Tradition, nehmen sie Erinnerung als Wahrnehmung und Denken, als allegorisches Moment auf.

Ein besonderes Schlaglicht werfen die Literaturtage auf die jüngere Poesie Sloweniens, die von einer kraftvollen und vielstimmigen Vitalität geprägt ist. „Die Slowenen schreiben ihre Geschichte nicht anhand von Kriegshelden, sondern anhand ihrer Dichter," sagt Peter Handke. Einer von ihnen ist der „produktivste Störenfried und wortmächtigste Häretiker in der slowenischen Gegenwartsliteratur" (Michael Braun), Tomaž Šalamun. Selten hat jemand die Dichtung seines Landes dermaßen umgestülpt und jedwede Autorität herausgefordert wie er. 1964 wurde Šalamun als Redakteur der Literaturzeitschrift Perspektive zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt, kam durch internationalen Druck aber nach fünf Tagen frei und wurde über Nacht zum Kulturheld. »In der Folge musste ich meinen Gedichten alles geben, um diesem unverdienten Ruhm gerecht zu werden«, meint der Autor.
Wie sehr seine - längst legendären - frühen Gedichte diesen Anspruch einlösten, davon legen seine Gedichtbände Zeugnis ab.

Dagegen nimmt sich die Lyrik von Lucija Stupica, auch Architektin und Designerin, durch leise, dennoch suggestive Wortmagie und eine außergewöhnliche Artikulation der Intimität aus. Ihre Gedichte sind ungewöhnliche, poetisch gestaltete Räume, durch die ihre Leser streifen: „Die Frau, die aus mir spricht, traut manchmal einem Schneeball, daß er hält und, wie das Licht im Dunklen, schwinden läßt die stillen Fernen."
Durch den Abend führt Fabjan Hafner, Übersetzer, Autor, Literaturwissenschafter und exzellenter Kenner der slowenischen Literatur.

 

 

Kito Lorenc, prominenter Dichter der Sorben in den Sechziger und Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, zählt auch heute noch zu den wichtigsten literarischen Vertretern dieser slawischen Volksgruppe im Osten Deutschlands. Nun ist ein neuer Gedichtband mit einem beeindruckenden Vorwort von Peter Handke, dem begnadeten Leser der Literaturen von Enklaven und Slawen, erschienen. Darin ist zu lesen: „Kito Lorenc erzählt die sorbische Geschichte in seinen Gedichten, wo das spezielle Geschichtswissen übergegangen ist in etwas Universelles, die Ahnung. Und diese Ahnung geht, gedichtweise, das heißt: Weise des Gedichts, wiederum über ins Bild, in die Bilder, in den Klang, in die Klänge, und wird so Gegenwart, anders als die Vergegenwärtigungen selbst der lebendigsten Geschichtsschreiber. Was anders? Wie anders? Keine Antwort, keine Erklärung. Die wird auch gar nicht gebraucht oder, bewahre, benötigt vor, mit oder nachsolchart Gedichten. Diese sind, schlicht und einfach, etwas anderes, so wie es in den Erzählungen Adalbert Stifters [,,,] jedes Mal schlicht und einfach, ohne Kommentar, ohne Wenn und Aber, heißt: ›Das ist (das war, das wird) etwas anderes."

Julia Hartwig, eine der wichtigsten polnischen Dichterinnen, blickt in ihrem lyrischen Spätwerk zurück auf ein reiches, bewegtes Leben. Ihre Erinnerungen an persönliche Erlebnisse und poetische Momente, aber auch an Geschichtskatastrophen und politische Umbrüche fügen sich zu einer ungeschönten, aber niemals bitteren Bilanz fast eines ganzen Jahrhunderts.
Die Auswahl von Gedichten Julia Hartwigs aus den Jahren 2001-2011 möchte einem deutschsprachigen Publikum, dem die Dichterin noch viel zu wenig bekannt ist, erstmals eine poetische Stimme von ganz eigenem Charakter und eigenem Klang präsentieren, die einerseits die historischen Erfahrungen ihrer Generation keinesfalls negiert, andererseits aber auch andere existenzielle Fragen verhandelt. Dabei achtet Julia Hartwig immer auf die poetische Form und hält Distanz zu übermäßigen Emotionen, ohne Widersprüche, Tragik und menschliche Schwächen zu beschönigen oder auszublenden. Das verleiht ihrem Werk eine einzigartige innere Spannung.

Julia Hartwigs Verleger Ryszard Krynicki und ihr deutscher Übersetzer Bernhard Hartmann präsentieren ihren neuesten Gedichtband "Und alles wird erinnert". Die Gedichte werden in einer Rezitation zu Gehör gebracht.

 

Am 4. Juli 1915 wird Christine Lavant als neuntes Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und seiner Frau Anna im Kärntner Lavanttal geboren. Die Familie lebt unter ärmlichen Verhältnissen und die schweren Erkrankungen, an denen Christine Lavant seit frühester Kindheit leidet, begleiten sie, die als Strickerin ihr Geld verdient, das ganze Leben.
Nachdem ihr „alles, was weh tut, schon geschehen ist", wie sie einer Freundin schreiben wird, scheint ihre Lebenskraft von einer untrüglichen Furchtlosigkeit und ihre Schreibkraft von einer Kompromisslosigkeit, die große künstlerische Eindringlichkeit bezeugt.
Es entstehen Erzählungen wie „Das Wechselbälgchen", das berührend und beklemmend die Geschichte von Zitha, der unehelichen Tochter einer Bauernmagd, erzählt; körperlich entstellt und geistig beeinträchtigt, ist sie als Ausgegrenzte in einem Dorf ihrem Schicksal ausgeliefert. Oder die „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus", die scharfsinnig und unbeirrbar konsequent Erfahrungen in der Nervenheilanstalt wiedergeben.
Der Vermittlung von Paula Grogger, einer einflussreichen Freundin, ist es zu verdanken, dass 1948 Gedichte und Erzählungen im bedeutenden Brentano Verlag publiziert werden.
In den 50er Jahren kommt Christine Lavant in Kontakt mit der Künstlerwelt und mit Vertretern der Wiener Avantgarde. Sie pflegt enge Freundschaften in Klagenfurt und Wien und fällt in den Gesellschaften, in denen man lebe „wie die Sterntalerkinder", durch ihren sprühenden Geist und Witz auf. Von einer souveränen, äußerst sensiblen, mitunter schalkhaften Wandlungsfähigkeit zeugen auch die zahlreichen Briefe, die Lavant wie besessen schreibt.
In dieser Zeit wird sie Autorin des O. Müller Verlags in Salzburg, es erscheinen „Wirf ab den Lehm. Gedichte" oder der Erzählband „Nell". 1964 erhielt Christine Lavant zum 2. Mal den Georg-Trakl-Preis und 1970 den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur. 1972 veröffentlicht der Deutsche Taschenbuch Verlag die Bände „Gedichte", „Bettlerschale", „Spindel im Mond" und „Der Pfauenschrei". Begleitet werden die Erfolge jedoch von wiederkehrenden Krankheiten, von einem Schlaganfall und längeren Aufenthalten im Krankenhaus.
Am 7. Juni 1973 stirbt Christine Lavant im Landeskrankenhaus in Wolfsberg.

Klaus Amann ist 1949 geboren und lebt als Professor für Geschichte und Theorie des Literarischen Lebens am Robert-Musil-Institut in Klagenfurt. Zuletzt: „Robert Musil - Literatur und Politik. (Reinbek 2007), „Robert Musil: Klagenfurter Ausgabe (KA)" (2009).

Orsolya Kalász, 1963 in Ungarn geboren, lebt als Lyrikerin und Übersetzerin in Berlin. Zuletzt: „Ich habe keine andere Wahl als einen Garten zu finden: Más választásom nem marad mint találni egy kertet." (2006), „alles was wird, will seinen strauch : Ami volt, még bokor akar lenni" (2007).

Chris Pichler, lebt in Wien und Berlin, spielt an renommierten Bühnen wie u.a. an dem Deutschen Theater Weimar, dem Volkstheater Wien, dem Theater an der Josefstadt oder dem Berliner Ensemble.

Theresia Prammer, geboren 1973 in Wien, lebt als Literaturwissenschafterin und Übersetzerin in Berlin. Zuletzt: „Übersetzen. Überschreiben. Einverleiben - Verlaufsformen poetischer Rede" (Wien, 2009), „Ricostruzioni. Nuovi poeti di Berlino" (Mailand, 2011).

Monika Rinck, 1969 geboren, ist deutsche Lyrikerin und Übersetzerin und lebt in Berlin. Zu den zahlreichen, renommierten Preisen zählt seit jüngstem der Peter-Huchel-Preis 2013. Zuletzt: ICH BIN DER WIND (Berlin, 2011), HONIGPROTOKOLLE (Berlin, 2012).

 

 

Die Reihe „Literaturen", die durch das Jahr 2013 der Bücherwürmer führt, beleuchtet die Frage, in welchem Verhältnis die Literatur zur Geschichte, auch zur Zeitgeschichte, steht und wie sie diese in Erzählung und Poesie verwandelt. Durch Lesungen und Diskussionen gibt die Reihe einen literarischen Blick auf Gesellschaften und Politik der unterschiedlichen Länder frei und reflektiert dabei auch Macht und Ohnmacht, Freiheit und Rolle der Literatur, speziell in Ländern, in denen die demokratischen Rechte und Strukturen nicht immer so gefestigt sind wie in den meisten westeuropäischen Staaten.

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