4. September 2021
Raiffeisenhaus Lana

Der 3. Literaturtag Lana erinnert in einer Hommage mit dem Dichter Norbert Hummelt und der Schriftstellerin Andrea Winkler an die jüngst verstorbene Grande Dame der österreichischen Poesie Friederike Mayröcker.

Mit Zsófia Bán ist eine der schärfsten und zugleich witzigen Stimmen Ungarns zu Gast in Lana. Die Autorin, Essayistin, Literaturprofessorin und -kritikerin geht in ihren kurzen Texten dem hintergründigen Ziel nach, die Leerstellen von Geschichte aufzuzeigen und wie diese aus der Perspektive der Unterdrückten umgeschrieben werden können.

Den Abschluss des 36. Literaturfestivals Lana macht der Autor Mischa Mangel mit seinem Debütroman „Ein Spalt Luft“. Erinnerungslosigkeit wird darin zum Kern der Verstörung, die in der Suche nach einer verschütteten Vergangenheit zwar nicht erhellt, aber poetisch verwandelt werden kann.

11.00: Die seufzenden Gärten“. Erinnerung an Friedericke Mayröcker (1924 – 2021)
Mit Norbert Hummelt, Andrea Winkler und Christine Vescoli

Als im Juni dieses Jahres Friedericke Mayröcker 97-jährig in ihrer Heimatstadt Wien starb, verlor die Literatur eine der größten Dichterinnen ihrer Generation, in der Schreiblust und Selbstvergessenheit, Erzählen und Erfinden in eins fiel. Beseelt von einem unbeirrbaren und unverbesserlichen Hedonismus der Poesie, von schelmischer Phantasie und freischwebender Klugheit hinterließ sie ein dichtes Werk, das Prosa, Lyrik und Hörspiele umfasst.
Die Hommage an Friederike Mayröcker erinnert mit Norbert Hummelt, Andrea Winkler und Christine Vescoli an eine in ihrer Lebensfreude unbestechliche Dichterin.

18.00 Uhr
„Venom – A Diva in Exile“ (Film, 2016, Von Péter Forgács und Zsófia Bán, 29 Min.)

Zsófia Bán: „Weiter atmen“ (Aus dem Ungarischen von Térezia Móra. Suhrkamp Verlag 2020)
Einführung und Moderation: Esther Kinsky

„Venom – A Diva in Exile“ (2018), ein Film von Péter Forgács, basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Zsófia Bán über Vergangenheit, Liebe, Verluste und Schlangen. Darin greift die Autorin eine wenig bekannte Episode aus der verworrenen und traumatischen Geschichte Ungarns vor und nach dem Zweiten Weltkrieg auf. In deren Mittelpunkt steht Katalin Karádyn, Filmstar und Sängerin. Báns Stimme aus dem Off erzählt ihre fiktive Geschichte. Die parallelen Welten des Textes, der Musik von János Másik und der bewegten Bilder bereichern sich gegenseitig und ergeben eine Komposition, die Fragen zu Raum, Zeit sowie privater und kollektiver Geschichte anspricht. Aus Erzählungen und privaten Filmen entsteht eine stimmungsvolle Collage, die die Zeit der 1950er Jahre in Brasilien einfängt, als Báns Vater Botschafter in Brasilien war und auch Karády gerade dort ankam.
Der Alltag der Filme, die Erinnerungen und das fremde Land werden mit der Identitätskrise von Katalin Karádyn und deren Emigration zusammen geführt. Die ikonische Diva der Horthy-Ära wurde in Kriegszeiten der Spionage beschuldigt, inhaftiert, gefoltert und 1944 in ihrem Heimatland mit Radio- und Theaterverbot belegt. Nach ihrer Freilassung rettete sie Juden am Donauufer vor der sicheren Hinrichtung. Ihr Geliebter verschwand während des Krieges und kehrte nie wieder nach Hause zurück. Mit gebrochenem Herzen, ausgegrenzt und mit Auftrittsverbot im neumodischen kommunistischen Staat, ging sie 1951 für immer ins Exil und verbrachte fünfzehn Jahre in São Paulo, wo sie nie wieder in einem Film oder auf der Bühne auftreten konnte. Später zog sie nach New York, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1990 lebte.

Im zuletzt erschienen Erzählband „Weiter atmen“ (Suhrkamp 2020) stellt Zsófia Bán wiederum klug, emphatisch, subtil und provokant Figuren vor, die immer wieder ihre wache Aufmerksamkeit haben. Ob sie von einer syrischen Flüchtlingsfamilie erzählt, die an der ungarischen Grenze strandet, von Rimbaud und denen, die ihn erforschen, von Liebenden, Kranken und Kindern, von Paris, Rio de Janeiro oder Ungarn – Zsófia Bán erschafft mit wenigen Sätzen, Filmschnitten Figuren, Bilder, innere Landschaften von ungekannter Tiefenschärfe.Erzählungen von assoziativer Phantasie und lakonischer Kühnheit.

Moderation: Esther Kinsky

20.00 Uhr: Mischa Mangel: Ein Spalt Luft (Suhrkamp 20201)

Ein Buch im Dunkeln der Nicht-Erinnerung: Kurz nachdem er geboren wurde, leidet seine Mutter zum ersten Mal an einer Psychose. Sie zieht sich mit dem Kleinkind immer mehr von der Außenwelt zurück, kappt alle Kontakte zu Freunden und Familie, verlässt die Zweizimmerwohnung nur noch selten. Währenddessen kämpft sein Vater für das alleinige Sorgerecht. Als der Sohn schließlich in dessen neue Familie aufgenommen wird, bricht der Kontakt zur Mutter ab. Fast zwanzig Jahre später ist er deshalb auf die Zeugnisse anderer angewiesen – Gerichtsakten, Tonbandaufnahmen, Erzählungen und Erinnerungen der Familie –, um doch noch zu erfahren, was damals geschehen ist. Er malt sich aus, wie diese Zeit gewesen sein könnte, und wird dabei von einer surrealen, albtraumhaften Welt eingeholt.
In Ein Spalt Luft erzählt Mischa Mangel einfühlsam vom Leben eines jungen Mannes, der seine eigene Geschichte sowie die seiner Familie umkreist. Dabei montiert er verschiedene Stimmen: die bürokratische Sprache psychologischer Gutachten und Studien, Märchen, Träume, psychotische Tiraden, erzählerische und poetische Sequenzen – eine kunstvolle Collage, ein vielstimmiges literarisches Debüt.

Moderation: Christine Vescoli

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