Der autobiografische Roman von Michel Matveev (1892-1969) „Die Gehetzten" erzählt von einer Flucht ohne Ende und von einem Strafgericht, das über Menschen angehalten wird, deren Verbrechen es ist Juden zu sein. Es ist der Beginn eines der russischen Pogrome von 1919, denen eine Familie entkommt, bevor sie in die Fänge der rumänischen Sigurantza, der Vorgängerin der Securitate, gerät. Ihre Verzweiflung in den Haftanstalten und Asylen, die anschließende Irrfahrt über das Mittelmeer und ihr Elend in Paris erzählt der Autor aus eigenem Erleben in einer Form, die an biblische Texte ebenso wie an Kafkas Weltsicht erinnert: Die Figuren bleiben anonym, sind einem unkontrollierbaren Geschehen ausgeliefert, das sie mit einer tödlich-absurden Mechanik zermalmt. Ein großer, verstörender Klagegesang.

 

David Albahari zählt die NZZ mit vielen anderen „zu den Großen der Weltliteratur". In der Tradition Kafkas erstellt er Welten aus fiktionaler Wahrheit und Lüge. „Schreiben ist eine Art schönes Irresein", sagt der im Belgrader Judenviertel Zemun aufgewachsene Autor, der 1994 nach Kanada auswanderte, als ihm das politische Klima Serbiens zu eng wurde.
Erst im freiwillig gewählten Exil konnten seine wichtigsten Bücher entstehen: „Mutterland", die Familiengeschichte seiner Mutter, in der Sprache, Identität und Vertreibung thematisiert werden; „Götz und Meyer" über zwei SS-Offiziere, die zu willigen Vollstreckern der Todesmaschinerie werden.
Die Geschichte der Juden im ehemaligen Jugoslawien grundiert alle Bücher Albaharis, auch den Roman „Die Ohrfeige", ein grandioser Monolog und philosophisches Meisterstück, das den Belgrader Stadtteil Zemun in eine Welt voller geheimnisvoller Zeichen verwandelt. 


In dem im August auf Deutsch erscheinenden Roman „Der Bruder" gerät durch einen Brief alles schlagartig aus den Fugen. Wer ist sein Verfasser, fragt sich Filip, der sich einen Verlierer nennt. Ist der Absender ein Betrüger oder wirklich der in Argentinien verschollene Bruder, von dem Filip bisher nichts ahnte? Ein Treffen im „Brioni" soll dieses Rätsel lösen. Doch Filips einstige Stammkneipe ist - ebenso wie bald sein ganzes Leben - nicht mehr wiederzuerkennen.
Albahari beschreibt, wie sich der Balkan verändert hat und doch erschreckend gleich geblieben ist. Eine schmerzhafte Parabel und fulminante literarische Identitätssuche voller schwarzem Humor.

 

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