22. August 2018
Schallerhof in der Vill, Lana
Es geht darum, die Literatur eingehend, mittels nicht von ihr geschaffener Kriterien zu prüfen; das bedeutet: die Verse im Angesicht der Gewehrläufe zu spannen, und sie nicht mit dem Bleistift, sondern, zum Beispiel, dem Messer, zu bewerten. (Sergio Raimondi)

 

Die Frage nach dem politischen Gedicht trägt Sonja von Brocke am 3. Literaturtag des Festivals an „das Situative, Leibliche“ heran, „das den Schreibprozess wie die dichterische Sprache prägt“ und setzt sich zur Aufgabe „einen spezifischen Weg zu suchen im Gewimmel der Wort- und Weltzusammenhänge, hierfür offen, unfixiert –  keineswegs aber mitgerissen, einverstanden. Sprünge, Abzweige sind auch Antworten auf unerträgliche Richtungen.“

„Wer nicht spielt, weiß nichts vom Widerstand“ sagt Oskar Pastior, einer der originellsten Vertreter der Experimentellen Lyrik, der das dichterische Wort hemmungslos lustvoll, aber keineswegs reibungslos mit der Welt in Beziehung setzte. Ulf Stolterfoht, ganz in dessen Tradition, über Freiheit und Verantwortung des Gedichts: Wenn Richard Wagner 2010 über das Werk Oskar Pastiors urteilt, dass es „sprachspielerisch ist, artistisch ist, großartig in dieser Weise, aber moralisch eigentlich abwesend“, dann bedient er damit ein Vorurteil, das weit über Person und Werk Pastiors hinausgeht, das vielmehr auf die gesamte experimentelle Literatur in der Nachfolge von Oulipo und Wiener Gruppe zielt, und dieses Vorurteil geht ungefähr so: wer sich dem literarischen Realismus verweigert und stattdessen mit der Sprache spielt, der ist notwendigerweise unzuverlässig und entzieht sich jeder moralischen Verantwortung, für das, was er tut. Über diese Behauptung, über das Verhältnis von Poesie und Moral soll es gehen, und über die politische Dimension des Unverständlichen womöglich auch.

Sergio Raimondi zählt zu großen Erneuerern der argentinischen Lyrik. Sein Gedichtband „Poesía civil“ (2001; dt. „Zivilpoesie“, Reinecke&Voss, 2017) ist eine wichtige Referenz für die lateinamerikanische Literatur. Er nimmt ökonomische, ökologische, politische und gesellschaftliche sowie kulturelle Realitäten unter die Lupe, sucht diese auf lokale wie globale Risiken, Kontinuitäten wie Brüche ab. Die „Poesía civil“ stellt eine Art investigativer Dichtung dar, in deren Verse Statistiken, Gesetzestexte und Verordnungen aus alter und neuer Zeit ebenso Eingang finden wie Evokationen von Industriekomplexen und Hafenanlagen. So wird den historischen Ursprüngen dessen nachgegangen, was die Texte, was uns gegenwärtig angeht. Raimondi richtet sein Augenmerk auf die enge Verknüpfung von Natur und Kultur, fragt nach den Gebrauchs- und Produktionsspuren derselben. Zugleich forscht er in seinen Texten den Bedingungen des Schreibens, der Herstellung des poetischen Wortes nach. Dabei tritt er auch in Dialog mit zahlreichen klassischen wie zeitgenössischen Dichtern.

Mi, 22. August 2018

18.00:      Sonja vom Brocke: „Hier und dort. Zum verwickelten Gedicht“

19.00:      Ulf Stolterfoht: „Regel und Verantwortung – über ein vermeintliches Problem der experimentellen Lyrik“

Gespräch mit Sonja vom Brocke und Ulf Stolterfoht

20.30:      Sergio Raimondi: „Zivilpoesie“ (Aus dem Argentinischen von Timo Berger, in erweiterter Neuauflage, Reinecke & Voss 2017) und „Für ein kommentiertes Wörterbuch“ (Aus dem Argentinischen von Timo Berger, Berenberg 2012)

Einführung und Gespräch: Ulf Stolterfoht

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