1988, im Jahr der ersten Preisvergabe, gab es die Mauer noch, und den Preis einem Ostberliner Autor zu verleihen, war das Entlegendste, was damals vorstellbar war. Erster Preisträger war Bert Papenfuß-Grorek aus Berlin. Im Jahre 1990 ging der Preis an den ungarischen Dichter Laszlo Garaczi, 1992 an die junge Dichterin Marion Picker aus Bonn, 1994 an die Schriftstellerin Gundi Feyrer, die jetzt in Madrid lebt. Bislang letzter Preisträger war 1996 der tschuwaschische Lyriker Gennadij Ajgi aus Moskau.

Seit der ersten Preisvergabe hat sich der Literaturbetrieb grundlegend gewandelt: unter dem steten Einfluß nicht nur der amerikanischen Weltwirtschaft haben sich auch die deutschen Verlage – unaufgefordert – in eine Haltung manövriert, die es inskünftig kaum noch zuzulassen scheint, daß nur zum Beispiel alle wichtigen Autoren einer Generation entsprechend repräsentiert und verlegt würden. Bis auf einige wenige, die sich entweder mit den betrieblichen Gegebenheiten arrangieren oder sonstwie irgend eine Macht respektive ökonomische Unabhängigkeit besitzen, gelingt es den besseren und absehbar auf längere Zeit wichtigeren Autoren kaum mehr, ihre Werke adäquat zu placieren. Beispiele gibt es viele. Dieser Umstand scheint zwingend, den Preis aktuell in die Richtung zu drehen, die er eigentlich immer schon hatte: Kulturpolitik gegen die Rücksicht auf Moden, Trends und akademische Diskussionen, – und Zeichen setzend allemal.

Die Preisstifter haben sich daher entschlossen, anläßlich der ersten 10 Jahre Kaser-Preis und für die sechste Verleihung eine Dichterin auszuzeichnen, die unbestreitbare Qualität als Lyrikerin – eine der wenigen überragenden ihrer Generation – und gegenwärtig kaum Chancen auf Publizität und Möglichkeiten besitzt, in einem auch nur kleinen oder mittleren Verlag zu publizieren. So schaut es nämlich immer mehr aus: entweder ein Autor läßt sich durch Agenten vertraglich an bestimmte Inhalte oder Genres verpflichten, oder er vollzieht diese implizite Zensur bereits selbsttätig im Kopf – oder er hat, lebensweltlich gesehen, das Nachsehen.

Deshalb wird der Preis einer renommierten wie betrieblich beiseite geschobenen Lyrikerin zugesprochen, nämlich der in Berlin lebenden Elke Erb. Die Laudatio hält Marcel Beyer.

Worauf sollte ein Autor, eine Autorin hoffen, wenn eine ganze Generation – jene N. C. Kasers –, jetzt älter geworden, praktisch keine Chance auf gebührende Veröffentlichung hat? Die Mauern der Politik haben wir hinter uns gelassen, vor uns liegen die Mauern der Ökonomie.

Elke Erb

„Schreiben ist Atmen. Man kommt auf Dauer nicht damit aus, immer irgendwelchen Ersatz zu leben… Poesie ist für mich die bündigste und gründlichste Form der Erkenntnis.“

Wolken darüber. ich weiß nur das eine

Ich gehe neben dem Rad.
Der Wagen ist höher als ich.
Er fährt eine hohe Fracht.

Dahinter die Giebel stehn
zart mit der Luft.

Sie schließen die Dächer.

So steigt es rechts von mir weiter.
Dann endet es, aber rechts vorn
ragt der Kastanienbaum.

Ein Landweg, im Dorf, eine
Dorfstraße, unsere.

Die Fuhre fährt hinaus.
Der Fuhrmann auf seinem Kutschbock?
Blickt lustig. Die Ochsen blicken wie Ochsen.

Ich blicke ernst.
Wer entgegen kommt, sieht es.

Ich bin eine Achtjährige.
Der Fuhrmann – im Alter des Fuhrmanns.
Die Ochsen sind ihr Teil Ochsen.

Neben meiner Schläfe rechts
das Trapez der hölzernen Wagenwand.

Links – nichts, der Garten; entfernt,
wo er endet, das Elternhaus.

Ich gehe mit der Fracht.
Der Fuhrmann blickt verschmitzt.
Unter dem Mützenschirm

die ewigen Lachfältchen.

Ich bleibe neben dem Rad,
als sei ich es, die ab und zu
achtsam die Zügel bewegt.

Unter den Schwingen, was ist.
Ein sachter Flug.

30.11.1997 / 23.1.1998

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