"Eine Erinnerung und eine Erfahrung grundieren diese Arbeit. Als die Arbeitshände meines Vaters, die Hände eines Kleinbauern, die Hemdknöpfchen nicht mehr knöpfen konnten, da ging mehr verloren als die bloße Feinmotorik der Hände. Dieses Unvermögen wurde von meinem Vater gelebt als ein Verlust von Würde. Haltung, die sein Leben geprägt hatte, trug nun nicht mehr in diesem Mangel.

Und als die rechte Hand meiner Mutter durch einen Ictus zum lahmen, fremden Glied des eigenen Körpers wurde, trat sie in ein ambivalentes Verhältnis zu sich selbst. Hand und Hirnhand betraten da den letzten Lebensabschnitt. In welchen Ordnungen steht also diese Hand, welche Verschattungen fallen auf sie, wenn im Ausfall dieser Hand der Mensch sich selbst nur mehr als Mangelwesen lebt? Es bedurfte meinerseits eines Nachdenkens dieser Hand, einer Rekonstruktion ihres Erscheinens. Und es galt, auch unsichtbare Hände in ihre Sichtbarkeit zu führen.

Der Band widmet sich in sechs Abschnitten unterschiedlichen Verschattungen der Hand. Diese Verschattungen ergeben sich an den Übergängen von der linken zur rechten Hand als den Schreibhänden, sie zeigen sich in der Wendefigur der Hand, in der rhetorischen Figur des Chiasmus. Sie greifen in die Konstituierung von literarischen Genres ein und fundieren noch entscheidende Fragen nach dem Geschlecht und dem Gesetz. Die unterschiedlichen Übergänge markieren Gesten der Hand, als deren zentrale sich die Gabe der Hand herausstellt.

Der erste Abschnitt versucht, in einem historischen Rekonstruktionsversuch, unterschiedlich unsichtbaren Händen nachzugehen, wie sie sich in Ökonomie, Literatur und bildender Kunst als Problemstellung seit der Renaissance als verschattete zeigen.

Im zweiten Abschnitt werden die linke und die rechte Hand bei Jean Paul zur Diskussion gestellt. Diese Verspannungen markieren Schreibprozesse im Vorgang des Pfropfens, stellen die Frage nach Genre und Gesetz des Schreibens, werden konstitutiv in der Terminologie von Geld- und Wechselgeschäften.

Der dritte Übergang widmet sich den Schreibhänden Walter Benjamins, die sich in einer linken und einer rechten Hand dem Leseakt darbieten als Figuren der Destruktion und der Konstruktion. Und das vierte Kapitel nimmt diese beiden Hände noch einmal auf und zeigt an ihnen Figuren der Entfaltung in die flache Hand. Abschnitt V geht in einem ersten Schritt dem Denken der Hand Jacques Derridas nach, das vom Denken der Hand bei Martin Heidegger ausgeht. In einem zweiten Schritt wird diesem Denken im Werk Rainer Maria Rilkes nachgegangen. Der abschließende Abschnitt VI ist dem Gestus der Hand im Denken der Hand bei Paul Celan gewidmet, das sich vornehmlich im Gestus des Gebens artikuliert und das die Hand auch im Übergang zu Klaue und Kralle zeigt, im Übergang des Werks zum Machwerk der Hände." Elmar Locher

 

 

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