Dem russischen Dichter tschuwachischer Muttersprache auf den Vorschlag von Felix Philipp Ingold der 5. N.C. Kaser Lyrikpreis verliehen. Im Rahmen der Kulturtage Lana 1996 findet die Feier auf der Fahlburg statt.

Der 1934 geborene Ajgi war im literarischen Leben Russlands eine aussergewöhnliche Figur. Er ist Tschuwasche, gehört somit zu einem kleinen turksprachigen Volk aus dem Raum zwischen Nischni-Nowgorod und Kazan. Als Ajgi 1953 mit neunzehn Jahren zum Studium am Literaturinstitut nach Moskau kam, wollte er noch tschuwaschischer Dichter werden. Erst Jahre später bringt die enge Beziehung zu Pasternak den Wendepunkt: Dieser riet ihm, zum Russischen überzugehen. Die Hetzjagd auf Pasternak zwingt ihn, das Studium zu unterbrechen. Die anhaltenden Repressalien treiben ihn in den literarischen Untergrund, an Publikation ist für Jahrzehnte nicht mehr zu denken. Ajgi lebte einige Jahre von einer Museumsmitarbeit, vorher und nachher aber auch über längere Zeiten ganz unbehaust und in äusserster Armut. Mit unendlicher Zähigkeit schafft er es immerhin, umfangreiche Anthologien mit Übersetzungen westlicher Lyrik ins Tschuwaschische zu realisieren.
Daneben schreibt er an seinen Gedichten, als müsste er darin die Welt neu erfinden. Er orientiert sich an der russischen Avantgarde (Malewitsch, Chlebnikow, Majakowski), zunehmend aber auch an der westlichen (ganz besonders französischen) Lyrik von Baudelaire bis René Char. Während in Russland die Generation der «Sechziger» den politischen Spielraum der nachstalinschen Epochen auslotet, geht ausgerechnet er, der Unpolitische, keinen der für eine Veröffentlichung notwendigen Kompromisse ein.

Suvalki-Wiegenlied

sie ist untergegangen
(kupole kupolele)

die liebe sonne –– lèliuo:

aliejum kaledà! ––

(leise: hier fällt
in den gesang ein –– Diemedis:

Baum Gottes) ––

kupole kupolele! ––

es schläft –– im kleinen bett
die tochter mein –– lèliuo! ––

aliejum kaledà

1984

Auftauchen einer Kirche

o
himmels blau
und
feld –– ein silberfädchen –– feld
(und viel
des goldes
viel)
entlang –– die spannung!
und
durch die festigkeit der helle
empor
1981

Aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold

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