"Dichtung, eine geahnte Füllung der Lücken in der Geschichte"

Achim von Arnim


„Poesie lebt", erklärt der polnische Dichter Ryszard Krynicki, durch die nie versiegenden Transfusionen aus dem Blutkreislauf längst verstorbener Spender. In der Erfüllung dieser Aufgabe sei sie „stärker als die Angst" und ausgestattet mit der „Stimme des Gewissens". Auf solch anspruchsvolle ethische Gestimmtheit soll kein Schatten fallen, wenn man dem wachsamen Gewissen eine andere, schwerer messbare, doch nicht minder bedeutsame Größe zu Seite stellt: jene des Ungewissen. Dieses Ungewisse ist aus poetischen Schöpfungen nicht wegzudenken und es korrespondiert mit dem Schlüsselbegriff, den Peter Handke im Vorwort zu seiner Auswahl aus dem Gedichtwerk des sorbisch-deutschen Schriftstellers Kito Lorenc in den Rang eines diagnostischen Kompasses erhoben hat: der poetischen Ahnung.

Die Literaturtage Lana, die sich im August 2013 zum 28. Mal jähren, nehmen solche mikroskopischen (Binnen-)Differenzierungen poetischer Intuition in Augenschein und entführen in ein „Sprachinselland" (Lorenc), „wo das spezielle Geschichtswissen übergegangen ist in etwas Universelles." Von der Ahnung ist die Rede als poetisches nicht weniger als poetologisches Moment, das in Bild, Klang und Rhythmus überführt und von dort auf unerklärliche, in der Zuwendung zum Inkommensurablen aber durchaus absichtsvolle Weise Evidenz und „Gegenwart" wird, „anders als die Vergegenwärtigungen selbst der lebendigsten Geschichtsschreiber" (P. Handke).
Diesem Anderssein sich auszusetzen, wo sich im witternden Wissen des poetischen Denkens geschichtliches Erkennen artikuliert, könnte die Aufgabe sein. Denn pars pro toto für die Ahnung ist nicht das Ähnliche, sondern dieses Andere, in dem Sein und Sagen, Geschehen und Erzählen so vergegenwärtigt werden, dass Gewahrwerden und Gewähr einer spezifischen Zeitweise der Haltung des Fragens, nicht des Behauptens entsprechen. Sie schuldet sich einer höchst präzisen, dabei intuitiven Empfindung und Wachsamkeit, die auch dafür Sorge trägt, dass ihr Wissen unverwaltbar und unverwendbar ist. Aufregend mag diese Subtilität sein, diffizil die Wahrnehmung und diskret die Sensation, in die Sprache und ihr Gedächtnis Eingang finden.

Was sich also als Ahnung konstituiert, leitet sich, nicht weniger als jede erklärende Geschichtsdarstellung, aus der Erinnerung her und ortet Zeitgenossenschaft ähnlich dem viel zitierten Angelus Novus von Walter Benjamin, von dem es heißt, er habe das Antlitz der Vergangenheit zugewandt, während er unaufhaltsam in die Zukunft treibt, der er den Rücken kehrt. Oder macht das Gedicht gar noch eine Drehung und wendet sich von Zeit zu Zeit von der Geschichte ab, um in ein Geschehen einzusehen, für das allein die ästhetische Erfahrung eine Form bietet? Eine Form des Wissen, die Verbindlichkeit bewahrt, auch wo sie sich so ungehörig zu Logik und Chronik des Diskurses verhält? „Dabei fiel Goldberg von einer Zeit in die andere und er nahm keinen Schaden" schreibt Konrad Beyer in „Der Sechste Sinn".

Auf den skizzierten Bahnen der Ahnung wollen wir, nicht zuletzt mit Hilfe der unermüdlichen Erinnerungsarbeit unserer Gäste, auch der Unbewusstheit des Kindseins und seiner „Jahre, die keiner zählte", näher kommen, „als wir unter alten Eichen spielten / und die Ewigkeit bei uns war", wie die polnische Dichterin Julia Hartwig den verlorenen Zustand beschwört.

Jedoch liegt zwischen dem Erinnernden und der Erinnerten die Erfahrung der Emigration, die in der Begegnung mit der eigenen Herkunft für die Zurückblickende eine noch viel größere Herausforderung darstellt. In den Kindheitsgedichten Ruth Klügers spricht sie sich qualvoll und unbarmherzig aus. Den Anspruch, dass das Singen nicht nur ein Sinnen und Trachten, sondern auch ein Sein sei, erfüllt Ruth Klügers Lyrik auf beklemmende Weise und wird darüber hinaus lesbar als „Ausweis schöpferischer Kraft unter quälenden physischen Bedingungen". (Julia Hartwig über Zbigniew Herbert)

Wenn also die Literatur und speziell das Gedicht Geschichte nicht erklärend oder nacherzählend verhandelt und Geschichtsschreibung gewiss nicht ist - worauf ruht das Zeitdenken des Gedichts? Wo ist sein Übergang in die besprochene Welt? Worauf richtet es seinen Spür-Sinn?

Wollen wir annehmen, dass das Gedicht nicht im Gehege von Aktualitäten verwaltbar und nicht von Zeitgeist umklammert ist. Wollen wir annehmen, dass es vielmehr im sprachlichen Substrat und als literarische Haltung aufzuspüren ist. Dann zeigte das Gedicht in der Zuwendung zum geschichtlichen Geschehen dessen Erzählbarkeit auf, die nicht in der Chronik der Ereignisse und auch nicht in ihrer Erfindung liegt. Aber in der Frage nach der Form, die die Verknüpfung von Ereignis und Erfindung darstellt. Wie immer sie auch Sprung, Bruch oder Aufbruch sein kann in Hinblick auf das Bisherige.
Ob nämlich, wie Eugenio Montale mutmaßt, jeder Generation eine gewisse Anzahl von Wörtern und Situationen beschieden ist, aufzubrauchen bis neue, kommende Dichter den auf sie zuschnellenden Ball des Nie-Dagewesenen aus der Luft auffangen?

 

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