Die „Kulturtage Lana" finden in diesem Spätsommer 2011 zum 26. Mal statt. Sie setzen die Blickrichtung der vergangenen Jahre fort und nehmen demnach den politischen Bezug von Literatur und Sprache auf, der ihre Ästhetik nie an eine pure Autonomie bindet, sondern immer an den Menschen, der durch sie spricht - oder durch den Sprache und Literatur sprechen.

Die „Kulturtage Lana 2011" fragen nach den Leerstellen, die vornehmlich kommunistische Utopien im 20. Jahrhundert hinterlassen haben; sie fragen aber auch nach den Lücken, die einer Zeit zerschlagener und desillusionierter Weltbilder bleiben und die frei werden für die Erprobung neuer poetischer oder existentieller Entwürfe.

Grundstein der diesjährigen Literaturtage ist eine Hommage an den großen serbokroatischen Schriftsteller Danilo Kiš (1935 - 1989). Er war Sohn einer Montenegrinerin und eines jüdischen Vaters, der in Auschwitz umgekommen oder verschwunden war. Das Werk Danilo Kis` gründet in den Erfahrungen von Faschismus und Holocaust, von Stalinismus und dem Jugoslawien vor dem Fall der Berliner Mauer. Eine beschädigte Kindheit sowie die Absurdität von totalitären Systemen, von Krieg und Terror im Nacken, schafft Danilo Kiš eine Literatur, die exemplarisch zum Appell und Gegenentwurf totalitärer Macht wird. Bestürzend komplex, grausam und schön verdichtet sie Faktizität und Fiktion, Politisches und Poetisches, Tragödie und Ironie, ist höchst skrupulöse Annäherung an die Geschichte als Gegenwart. Jeder Ideologie Feind, hält sie sich auch jeder ästhetischen fern und bezieht daraus nicht zuletzt ihr sprachliches Bewusstsein.

Aus solcher Betrachtung leitet sich eine wesentliche Frage der diesjährigen „Kulturtage Lana" ab: Von welcher Beschaffenheit ist Sprache, wenn sie zum totalitären Missbrauch ebenso tauglich ist wie zum Mittel der Befreiung und unzerstörbaren Hoffnung?
Und was wiederum bedeutet sie für das Sprechen von Minderheiten, für das Sprechen in einer anderen Sprache, für das Sprechen mit dem Blick des Fremden, sofern Fremdheit immer auch existenzielle Bruchstellen mit einschließt?

Besonders sensibel, aber auch besonders gefährlich sind solche Fragen nach der Bedeutung von Sprache und deren Herrschaft in Rand- und Grenzgebieten oder in Ländern, die von vielen Sprachen und vielen Völkern geprägt sind. Exemplarisch dafür war das Jugoslawien von Danilo Kiš, dessen Zusammenbruch er in mahnender Warnung vor dem Krieg vorausgesehen hatte, exemplarisch dafür ist die Vojvodina, in der Deutsche, Ungarn, Juden, Serben, Rumänen, Slowaken zusammenlebten, exemplarisch dafür ist das Siebenbürgen Rumäniens, das von Deutschen, Ungarn und Rumänen besiedelt war, exemplarisch dafür ist Lviv (Lemberg) in der Ukraine, wo über Jahrhunderte Polen, Juden, Deutsche, Ukrainer und Russen lebten.

Die „Kulturtage Lana" versammeln mit Juri Andruchowytsch aus Lviv (Ukraine), mit dem Serben Dragan Aleksic aus der Vojvodina, mit Lászlo Végel als Angehöriger der ungarischen Minderheit der Vojvodina, mit György Dragoman, ursprünglich der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen angehörig, sowie mit Ernest Wichner, ursprünglich Angehöriger der deutschen Minderheit in Siebenbürgen Autoren europäischer Randgebiete, die zeigen, wie Utopien glücklicher Zusammenleben zerschlagen werden und in Gewalt verkehren, sobald politische und ideologische Kontrolle greift und ungewisse Identitäten nicht duldet.

Nun kann Sprache, auch literarische, unbeschädigt und unbeschadet, auch unpolitisch oder utopisch nie sein. Doch birgt sie gerade in der erprobten Berührung mit anderen Sprachen und in den Bezügen zur Erinnerung an das Gegebene immer wieder die Möglichkeiten, die Lücken, Irrläufe oder Ungewissheiten, die ein Höchstmaß an Realitätsgehalt besitzen, zu denken.
Die „Kulturtage Lana" laden mit mehrsprachigen Literaturen dazu ein!

 

 

PROGRAMM


Sonntag, 28.08.2011

20.00 Uhr Eröffnung
Begrüßungen: Dr. Armin Gatterer (Amt für deutsche Kultur), Dr. Harald Stauder (Bürgermeister von Lana), Prof. Elmar Locher (Präsident der Bücherwürmer Lana);
Klaus Hartig und Christine Vescoli (Kuratoren)

Jury Andruchowytsch: Perversion (Suhrkamp 2011)
Gespräch: Jury Andruchowytsch mit Klaus Hartig und Christine Vescoli

Buffet

 

Montag, 29.08.11

18.00 Uhr Enzyklopädie der Toten
In memoriam Danilo Kiš. Hommage an den serbokroatischen Dichter
mit Ilma Rakusa

19.00 Uhr: Lesung aus dem Gesamtwerk von Danilo Kiš

Pause und Buffet

20.00 Uhr: Gespräch: Ilma Rakusa, Jury Andruchowytsch, Lászlo Végel, Dragan Aleksić

21.00 Uhr: Film: „Fövenyóra /Sanduhr" von Szabolcs Tólnai (90 ´, Ungarn 2007)

 

Dienstag, 30.08.11

19.00 Uhr
Lászlo Végel: Bekenntnisse eines Zuhälters (Matthes & Seitz 2009)
Übersetzung und Gespräch: Lacy Kornitzer

20.00 Uhr
Dragan Aleksić: Vorvorgestern, Geschichten, die vom Glück handeln (Matthes & Seitz 2011)
Übersetzung und Gespräch: Mirjana und Klaus Wittmann

21.30: Gespräch: „Heimweh nach (Mittel)Europa" mit Lászlo Végel, Dragan Aleksić und Mirjana und Klaus Wittmann


Mittwoch, 31. 08. 2011

19.00 Uhr
Lyrik aus Rumänien mit Rita Chirian, Iulian Tanase und Ernest Wichner

21.00 Uhr
György Dragomán: Der weiße König (Suhrkamp 2010)
Übersetzung: Laszlo Kornitzer

22.00 „Aus nichts schafft Gott, wir schaffen aus Ruinen" Literarische Standortbestimmungen in Südosteuropa mit Laszlo Kornitzer, György Dragomán und Ernest Wichner

 

 

 

 

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