24. August 2020; 20.00 Uhr
Raiffeisenhaus, Andreas-Hofer-Straße 9, Lana

Erinnerung vergisst, will vergessen und ist wählerisch. Sie verschiebt, überlagert, überschreibt und überblendet. Sie verändert, verzerrt und verformt, sie bejubelt und sie schlägt kaputt, sie verhakt sich und verebbt, entschlüpft und verdeckt. Sie hüpft und stürzt ein, taucht auf und bringt zum Einsturz, manchmal, hören wir jüngst, selbst Denkmäler. In dem flimmernden Bewusstseinsakt, der Erinnerung genannt wird, lauert stets der Zweifel an der eigenen Wahrheit. Was sie erzählt, ist nicht allein Geschichte, und wie sie es erzählt, ist Teil des Erzählten.

Worauf also verlassen wir uns, wenn wir fragen, was war, und wenn wir es erzählen? Die 35. Literaturtage Lana gehen seit Jahren der Gedächtniskultur nach und knüpfen daran Fragen des literarischen Erzählens. Wir tun das Swetlana Alexijewitsch, Miron Bialoszewski, Esther Kinsky, Géraldine Schwarz, Magdalena Tulli, Cécile Wajsbrot und Anne Weber.

Swetlana Alexijewitsch: Die letzten Zeugen (Hanser Berlin 2014, Aus dem Russischen von Ganna Maria Braungardt)

Video-Übertragung des Gesprächs zwischen Swetlana Alexijewitsch und Ganna Maria Braungardt.

Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprechen Männer und Frauen, die beim Einmarsch der Deutschen in Weißrussland noch Kinder waren, zum ersten Mal darüber, woran sie sich erinnern. Ihre erschütternden Berichte vom Krieg machen „Die letzten Zeugen“ zu einem der eindringlichsten Antikriegsbücher überhaupt. Oft sind diese Erinnerungen nur Bruchstücke, und doch haben diese Kinder Dinge gesehen und erlitten, die niemand, am allerwenigsten ein Kind, sehen und erleiden dürfte. Alexijewitsch erweist sich einmal mehr als begnadete Zuhörerin und große Chronistin, die es versteht, den Erfahrungen von Menschen in Extremsituationen, im Ausnahmezustand einen einzigartigen Resonanzraum zu verschaffen.

Swetlana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen »Roman in Stimmen«. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, und sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem National Book Critics Circle Award (2006), dem polnischen Ryszard-Kapuściński-Preis (2011), dem mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2011). 2015 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur.

„Warum haben sie auf ihr Gesicht geschossen? Mama war so schön.“

Gespräch mit Alexijewitsch, geführt von Ganna Maria Braungardt, Fragen von Christine Vescoli

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