16. September 2022; 20.00
St. Markus-Kirche, Laas

Komposition von Herbert Grassl mit dem Ensembles Chromosom im Auftrag von Literatur Lana.

H. C. Artmann (1921 – 2000) schreibt die Epigrammata 1956/57 im Sprachbild und Wortkörper des Barock. Ein Epigramm war ursprünglich in Griechenland als eine Aufschrift auf einem Grabdenkmal an eine Person gerichtet. In den ersten 11 Epigrammen wird die Vergänglichkeit in der Figur des Todes aufgerufen, das 12. Epigramm spricht den Wunsch aus, dass das lyrische Ich zum lorbeerhain anstatt zur catacombe will. Das 13. als Scharnierepigramm ruft die wald stamm creaturen an, dass sie neues Leben geben möchten. Von Epigramm 14 bis Epigramm 25 werden dann der Frühling und die Liebe besungen als die Auferstehung der Schäfferei, in der das mythische Arkadien als vergangenes utopisch in die Zukunft weist. Indem H. C. Artmann sich des Barock bedient, greift er Tendenzen des lyrischen Sprechens der fünfziger Jahre auf, zugleich entzieht er sich aber diesen. Nimmt man zwei maßgeblich gewordene Publikationen dieser Jahre Die gestundete Zeit (1954) von Ingeborg Bachmann und Botschaften des Regens (1956) von Günter Eich, dann erscheint die Zeit als begrenzte, endzeitgestimmte, den Erfahrungen des Krieges geschuldet: Es kommen härtere Tage / die gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. Und die Botschaften des Regens künden Unheil: Gleich wird Regen kommen, nimm die Wäsche herein. H. C. Artmann nimmt die Befürchtungen und Ängste der langen Nachkriegsjahre auf, spricht sie aber verfremdend im weit zurückliegenden Idiom des Barock, auf die Schäferdichtung sich zurücksprechend. Artmanns Verse sind, in unsere Zeit gesprochen, aktueller denn je.

Diese 25 Epigramme liefern eine Fülle von Bezugspunkten zur Musik. Schon im ersten Stück spielt
„der todt auf seiner aschn cither“ und dann hört man „zwölf trauer töne steigen…“. Im 2. Vers heißt es „man spielte dir den tantz / hier steht der musikant…“oder im 15. Vers: „der lentz hebt seinen lauff / mit staar & stiglitz an / statt seuffzer steigen lieder…“.
Aber der Dichter führt uns auch zu Gefühlen von Angst, Trauer, Wehmut: „lebt wol / citronenbäum / & ihr / orangegezweige / es neigt mein augenlicht / sich abendlich zur neige“. Gefühle und seelische Zustände, deren Ausdruck und Intensität sich durch Musik einprägsam verstärken lassen.
Aggressive Anklagen: „o todt / du vogel greiff / wie gläntzen deine clauen…“ wechseln von Frühlingsidylle: „o lentz / du salbeoel / du balsam winter wunden /“ zu Abendstimmung „ steig auff / du runder mond / du klarer schäffersiegel /“.
Aber eine eigene musikalische Deutung oder Auslegung der Texte ist hier fehl am Platz. Wie ein Reiter auf einem wilden Ross ohne Zügel wird man durch diese wundersame Seelenlandschaft befördert.

Die Interpreten des Ensembles Chromoson, bestehend aus 2 Musikern 2 Musikerinnen führen uns mit dem Sänger durch das Bilderlabyrinth von H.C. Artmann. Die eingesetzten Musikinstrumente sind in dieser Komposition heterogen, aber durch die Vielfalt der Klangmöglichkeiten wird dennoch eine facettenreiche Begleitung des Sängers ermöglicht. Allein die Blockflötistin ist mit eigener Stimme, 2 Sopraninoflöten (gleichzeitig), mit Sopran- Tenorflöte und Paetzolt (Kontrabassflöte) beschäftigt. Auch das Schlagzeug wird, neben traditionellen Instrumenten, mit diversen Klangobjekten aus Glas, Blech und Holz erweitert. Auch der Sänger trägt hin und wieder zur Verstärkung des Ensembles bei.

Mit:

Anne – Suse Enßle, Blockflöten
Philipp Lamprecht, Schlagzeug
Maria Mogas Gensana, Akkordeon
Dieter Nel, Violoncello
Wilfried Zelinka, Bassbariton

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