3. September 2019
Lana, Schallerhof in der Vill

Die Balkone in den Nachbarsländern sind anders. (Ilse Aichinger)

„Ich mag das Wort Heimat nicht,“ sagt Herta Müller und schreibt: „Wenn ich mich zu Hause fühle, brauche ich keine ‚Heimat’. Und wenn ich mich nicht zu Hause fühle, auch nicht”.

Wenn die Nobelpreisträgerin die Literaturtage Lana 2019 eröffnet, kommt mit dem Begriff gleich ein ganzes Feld voll überreizter und ebenso müder Widersprüche ins Rutschen. Wort und Gefühl driften da auseinander, haben nichts miteinander zu tun. Steht der rumänisch-deutschen Autorin das Wort „Heimat“ ins Haus, wird es ungemütlich.

Wird es zum Thema der 34. Literaturtage Lana, tut sich ein vermintes Gebiet auf und wird, übersät von Bildern und Un-Bildern, schnell enges Gehege, „Niemandsland, Verwilderung, gestörtes Gelände alter Geschichten“ (Esther Kinsky). Unentwegt bewegt es dabei ein Denken und Gefühl, in dem Topos, Mythos, Utopie und Ideologie eng zusammen- und ineinanderwirken und für „Heimat“ Realität, Fiktion oder Phantasma entwerfen. Dabei vermögen sie, bei all seinen Entwicklungen und Windungen, dem Wort eine verlässliche Beständigkeit zu geben, die sich so verhält, als wäre sie dem Wort und seinem Wert schon immer, von Natur oder einem intrinsischen Bedürfnis heraus, mitgegeben und nicht gerade Teil seiner von langer Hand eingeschriebenen Bedeutung. Wer immer aber von „Heimat“ spricht, greift auf alte Bilder zurück und betritt nie geschichtslosen Boden.

Was macht das Wort so verfänglich, dass es manchen nur in seiner Negation erträglich ist? Und was macht ein Gefühl dafür so empfänglich – das eines Glücks ebenso wie das des Schreckens – , dass es damit eine Sinnsuche anstiftet? Was tut dieses Wort im Kopf?

Es gibt den Begriff „Heimat“ nur im Deutschen und er ist kaum zu übersetzen in eine andere Sprache. Belastet v.a. durch seinen Gebrauch durch die Nazis, haftet ihm die Bedeutung des Völkischen ebenso wie das Heil des Exklusiven immer noch an. Darin wird er zu einem klebrigen Brei, in dem Patrioten aller Länder rühren und „Heimat“ als selbstverständliches und voraussetzbares Gut für einen Teil der Bevölkerung annehmen.

Genauso aber trifft es auch zu, dass das Wort für eine Suche steht oder für eine Erinnerung an etwas, das es einmal gab und vielleicht auch nie, oder an das, was wir nicht loswerden, und dass eine Heimsuche, mitunter in der Frage nach der Sprache und Schrift, die Frage nach uns selber ist, nach etwas Vergessenem oder nach Verlorenem und wir wollen damit „die Zeit einholen, in der wir nicht da waren“ (Melinda Nadj-Abonji).

Vielleicht liegt darin das Sehnsuchtsmoment und nicht allein eine Zeit, sondern „Heimat ist, wo noch niemand war.“ Ernst Bloch beschrieb damit den besseren Ort, den wir erst erreichen müssen, und stellt damit die Frage nach etwas, was erst zu finden und herzustellen ist als das, was „Heimat“ heißen könnte.

2019 jähren sich 3 historische Ereignisse, die für Südtirol eine bedeutende Rolle gespielt und das Land wesentlich geprägt haben. Mit dem Vertrag von St. Germain 1919 wurde Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg der Siegermacht Italien zugesprochen. 1939 unterzeichneten Hitler und Mussolini ein Optionsabkommen, mit dem sich Deutschsüdtirolerinnen und Ladiner für Italien oder für das Deutsche Reich entscheiden mussten. Und schließlich fand vor 50 Jahren der Paketabschluss des sog. „Autonomiestatuts“ statt, das die Grundlage des Minderheitenschutzes in Südtirol ist.
Wie „Heimat“ dabei zum politischen Spielball wurde und das Grenzland bis heute hin auch ideologisch zu bestimmen versucht, ist eine der Fragen dieses dreifachen Gedenkjahres.
In Lana wollen wir sie literarisch stellen und laden Sie herzlich dazu ein.

Wir freuen uns auf die 34. Literaturtage Lana und auf Ihr Kommen.

 

PROGRAMM

Dienstag, 3. September 2019: Eröffnung 
20.00: Begrüßung: LR Philipp Achammer, BM Dr. Harald Stauder, Präsident Prof. Elmar Locher

Herta Müller: „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ (Hanser Verlag 2019)

Gespräch mit Ernest Wichner

Ausstellung: „Aubergine mit Scheibenwischer. Die Zeichnungen von Oskar Pastior“
Von Heidede Becker und Lutz Dittrich

Mittwoch, 4. September 2019

18.00: Roberta Dapunt: Voce del verbo essere umano

19.00: Melinda Nadj-Abonji: Niemandsland

Gespräch: Christine Vescoli

20.00: Zoltán Danyi: Der Kadaverräumer (Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. Suhrkamp

Verlag 2018)

Gespräch: Melinda Nadj-Abonji

 

Donnerstag, 5. September 2019

18.00: Esther Kinsky: Wiege der Fremde

Gespräch: Christine Vescoli

20.00: Martin Pollack: Die Frau ohne Grab (Hanser Verlag 2019)

Einführung und Gespräch: Erich Klein

Freitag, 6. September 2019

18.00: Joseph Zoderer: Apropos Heimat

Gespräch: Elmar Locher

20.00: Hanns Zischler: Homers Wind in den Segeln

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