Kulturtage Lana 2010

24.08.2010, 20:00

 

Literatur und Gedächtnis

Phantasmen der Erinnerung

 

24.08. - 27.08.2010

Schallerhof in der Vill
Raffeingasse 2, Lana

 

„Phantasmen der Erinnerung"

Es steht in den letzten Jahren die Frage nach der Erinnerung in besonderer Aufmerksamkeit der Literatur Lana und wenn sie sich mit der Arbeit an einer Archäologie der Phantasie (2008) verbindet oder mit dem Gedanken der Fiktion des Faktischen (2009), wenn sie in dem Maße, in dem Erinnerung als letzte Restitution an jedwede Erfahrung bleibt, jederzeit auch wieder Verwandlung in neuen Sinn ist, dann versuchen Veranstaltungen wie die Kulturtage Lana dieser Doppelung, der mitunter eine ambivalente, eine zerrissene Figur eingeschrieben ist, nahezukommen. Dieser Versuch der Annäherung gilt dem ästhetischen wie dem wissenschaftlichen Sinn, in dem sich Vergangenheit neu herstellt und darstellt oder in dem sie sich mittels des Gedächtnisspeichers der Sprache neu rekonstruiert. Freilich: Literarisches wie wissenschaftliches Sprechen sucht dabei - beglückt und vertrackt, herrisch und knechtisch an Sprache gebunden - stets das bestmögliche Einverständnis zwischen einem Geschehen und einem Verstehen und ist vielleicht so weit einer erhellenden Erkenntnis fähig , als es eben dieses Verhältnis denkt und dabei nichts Geringeres eingeht als bestenfalls eine neue Wirklichkeit.
Mit Lesungen, Begegnungen und Vorträgen sei in Lana also nach Möglichkeiten gesucht, innerhalb der Gedächtnis- und Memoriakultur, welche Kunst, Literatur und Wissenschaft letzthin in verstärkter Weise bestimmen, einen speziellen Beitrag zu leisten.
Die Kulturtage 2010 tun dies mit einer wissenschaftlichen Tagung und mit Lesungen deutschsprachiger Autoren, die dem Thema der Erinnerung an jüngste europäische Vergangenheiten ein je spezielles historisches Gepräge geben: Besonders begrüßt sei der diesjährige Georg-Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl, der in einem Romanwerk „von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet", wie es in der Begründung der Jury heißt. Ein Stück europäische, speziell deutsche Geschichte der Kriege und Diktaturen umreißt auch Barbara Honigmann unentwegt in einem sehr diffizilen und feinfühligen literarischen Werk, aus dem sie in Lana lesen wird. Und Josef Winkler, Georg-Büchner-Preisträger von 2008, ruft unaufhörlich und obsessiv Phantasmen aus einer Welt der Rituale und des Todes auf, wie sie dann etwa bei Joseph Zoderer in einer Ambivalenz von rabiater und diskreter Teilnahme Wunden spezieller Regionalgeschichte aufreißen.

Die Tagung Italienischer Faschismus und deutschsprachiger Katholizismus versteht sich nicht bloß als Gegenmarkierung zu einer „Erinnerungskultur revisionistischer Normalität in einem Land ohne historisches Gedächtnis", wie eine der Thesen Aram Mattiolis, des Luzerner Historikers, lautet und als Gegenmarkierung zu den europaweit neu erwachenden besorgniserregenden Rechtsbewegungen mit fremdenfeindlichen Programmen ins Feld geführt wird. Vielmehr versucht die Tagung, der eigenen Erinnerungskultur und der eigenen Vergangenheit nachzuspüren. Im Zentrum stehen denn auch Themenstellungen, die die Südtiroler-Öffentlichkeit immer wieder in Wellenbewegungen heimsuchen, wie z.B. auch die Frage der Ossarien und der faschistischen Erinnerungskultur insgesamt. Einzelne Referenten haben zu diesen Themenstellungen gewichtige Werke vorgelegt, so z.B. G. Steinacher und A. Mattioli mit ihrem Band Für den Faschismus bauen. Architektur und Städtebau im Italien Mussolinis. Die Tagung versucht dann das komplexe Verhältnis zwischen italienischem Faschismus und deutschem Katholizismus näher unter die Lupe zu nehmen: ein Verhältnis, das gerade auch für unser Land von zentraler Bedeutung war. Ein besonderes Augenmerk fällt dann auch auf die Frage des Rom-Mythos, der gerade auch in der Zeitschrift Der Brenner in den Antagonisten Theodor Haecker und Carl Dallago zu gegensätzlichen Positionen gefunden hat.

 

 

PROGRAMM:

DIENSTAG, 24.08.2010

20:00
Eröffnung

Begrüßung Dr. Karin Dalla Torre, Bürgermeister Dr. Harald Stauder,
Präsident Prof. Elmar Locher

Lesung: Josef Winkler: Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot (2008)

Einführung und Gespräch: Klaus Kastberger

Buffet


MITTWOCH, 25.08.2010

09:00: A. Mattioli: Berlusconis Geschichtsrevisionismus

10:30: A. Bauerkämper: Italienischer Faschismus und deutscher Nationalsozialismus. Ein Vergleich

11:30: O. Blaschke: Italienischer Faschismus, katholischer und nationalsozialistischer Antisemitismus

14:30: S. Diebner: Italienisch-faschistische Kirchenkunst

15:30: W. Kreutz: Italienisch-faschistische Filme, unter besonderer Berücksichtigung Luis Trenkers

18:00 Buffet

19:00: Barbara Honigmann: „Ein Kapitel aus meinem Leben" (Hanser 2004)

Einführung und Gespräch: Sabine Mayr

20:30: Reinhard Jirgl: Die Stille (Hanser 2009)

Einführung und Gespräch: Christine Vescoli


DONNERSTAG, 26.08.2010

09:00: H. Obermair: Der englische Historiker John S. Stephens, der italienische Faschismus und Südtirol

10:30: E. Locher: „Der Brenner", unter besonderer Berücksichtigung Carl Dallagos

11:30: Th. Schulze: Südtirol im Blick deutscher Katholiken nach 1918

14:30: W. Mogge: Der italienische Faschismus in deutschsprachigen Zeitschriften der katholischen Jugendbewegung

15:30: G. Czapla: Katholisch und faschistisch. Die Mostra Augustea della Romanità und ihr Widerhall in Tagebuch- und Reiseliteratur

17:00: R. Faber: Identität und Differenz faschistischer und katholischer Rom-Mythologie


20:00 Joseph Zoderer: Schmerz der Gewöhnung - Schmerz der Erinnerung

Einführung und Gespräch: Elmar Locher


FREITAG, 28.08.10

09:00: M. Ries: Der italienische Faschismus und der schweizerische Katholizismus

10:30: K. Gabriel: Die Enzyklika „Quadragesimo anno" in Deutschland, Italien und Österreich

11:30: G. Steinacher: Die katholische Kirche in Italien und die Fluchthilfe für Holocaust-Täter

14:30: J. P. Mautner: Das Verhältnis der katholischen Kirche Österreichs zum autoritären Ständestaat vor dem Hintergrund des italienischen Faschismus

15:30: O. Weiss: Zwischen Österreichertum und Nationalsozialismus. Katholische Akademikermilieus im Ständestaat

17:00: H. Embacher: „Ein Toter führt uns an." Der autoritäre Ständestaat als österreichische Version des Faschismus?