30. August - 2. September
Schallerhof in der Vill, Raffeingasse 2, Lana

"That I lost my center / fighting the world" (E. P. Cantos)

2017 jährt sich zum 45. Mal der Todestag des Dichters Ezra Pound. Neben James Joyce, William Faulkner oder Ernest Hemingway gehört der Vordenker poetischer Avantgarden zu den wichtigsten englischsprachigen Stimmen und zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Selbst profunder Kenner der Literaturen der Welt, hat er mit seinen „Cantos“ Literaturgeschichte geschrieben.      

1885 in Hailey, Idaho, geboren, war Ezra Pound mit einem großen und genauso irritierenden Geist begabt. Er wuchs in den Vereinigten Staaten von Amerika auf, zog 1909 nach Europa und war in Kontakt mit herausragenden Künstlern seiner Zeit; er studierte die alten Ägypter, ließ sich auf griechische und lateinische Texte ein und erkundete die Welt der chinesischen Schriftzeichen; er war vertraut mit den Weltreligionen und Mythologien und machte die Lektüre der Literatur des Mittelalters und der Renaissance fruchtbar für den modernen Umgang mit Sprachmaterial; er erkundete die Philosophie des Geldes und verfasste Zeilen, die in ihrer Rätselhaftigkeit einen einzigartigen Glanz ausstrahlen.

Was aber die politischen Entwicklung Europas zwischen 1920 und 1945 betraf, war dieser hochintelligente Schriftsteller und Interpret literarischer Verhältnisse ohne vernünftige Erkenntnis und ohne Verstand. Und nachdem er, der stets in kühnstem Maß nach Schönheit strebte, sich in heillose Irrtümern verstrickte, war er selbst ein Gebrochener.

Die 32. Literaturtage Lana sind diesem Dichter voller Widersprüche und Verstiegenheiten gewidmet, der Jahre seines späten Lebens bei seiner Tochter Mary de Rachewiltz auf der Brunnenburg verbrachte und dort die letzten sechs Cantos schrieb. Beeindruckt von seiner Komplexität, die sowohl eines enigmatischen wie rabiaten Eigensinns nicht entbehrte, setzt sich die literarische Nachwelt mit Ezra Pound bis heute auseinander und nagt an den Unvereinbarkeiten zwischen beispielhafter Dichtung und seiner nicht von der Hand zu weisenden politischen Verblendung. Pound hinterlässt Faszination und Ratlosigkeit.

Das traditionsreiche Festival von Lana geht den Spuren Ezra Pounds in Deutschland, Amerika und Italien nach, ohne in die Gemeinplätze der Rezeption einzustimmen. Auf dem Programm stehen literarische Annäherungen, theoretische und kritische Beiträge, kommentierte Lesungen sowie Gespräche und persönliche Erinnerungen. Ein Besuch auf der Brunnenburg ergänzt die Literaturtage von Lana, bevor diese einen letzten Einblick in Pounds Archiv historischer Filmdokumente und bekannt gewordener Dichtergespräche gewähren.

In unterschiedlichsten, aus Anlass der Literaturtage Lana entstandenen Beiträgen und Interpretationen wenden sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer exklusiv der Lektüre von Pound zu. Marcel Beyer, Georg-Büchner-Preisträger 2016, wird die Eröffnungsrede halten, auf die man gespannt sein darf, wenn man weiß, wie sehr sich der experimentierfreudige Dichter an der faschistischen Vergangenheit abarbeitet und in seinen Werken und Gesprächsbeiträgen stets von einem politischen Denken geleitet ist.

Nicht weniger Durs Grünbein, der in der DDR aufgewachsen ist und seit langem zu den prägenden Figuren der deutschen Gegenwartslyrik zählt. Die Frage, die ihn vor allem anderen beschäftigt: Muss man sich entscheiden, über wen man nachdenkt, über den Dichter oder über den politischen Propagandisten?

Wie weit darf die Hommage reichen und wo muss die Kritik einhaken? Anhand einiger Gedichte würdigt er den Innovationsreichtum Pounds, der in modernsten Verfahren die Dialektik zwischen Alt und Neu erprobt, und verliert dabei das Unerhörte historischer Schwierigkeiten nie aus den Augen.

Abgesagt hat die Amerikanerin Ellen Hinsey, die in ihrer Dichtung wie in ihren Essays den nahezu ungeheuren Versuch unternimmt, auf die Frage nach der Gewalt und dem Schrecken eine Erkenntnis zu erlangen, und dabei auf historische Momente zurückgreift. Der Anglizist James Dowthwaite wird an ihrer statt die poetologische Annäherung an Ezra Pound versuchen und dabei

Mit Joseph Vogl, dem anerkannten Literaturwissenschaftler und Philosophen, greifen die Literaturtage Lana den Aspekt der Geldtheorie bei Pound auf. Luzide in seinen Analysen der Natur kapitalistischer Ökonomien und ihres Mythos´, blickt Joseph Vogl im Gespräch mit Elmar Locher auf das Konzept einer natürlichen Wirtschaftsordnung, das Ezra Pound in einem demokratischen Sinn und in der Idee eines möglichen „paradiso terrestre“ zu fundieren suchte. Ihren Ausdruck fand es jedoch in einer erbitterten, unverhohlen antisemitischen Kritik am Bankwesen und Wucher.

Massimo Bacigalupo, Amerikanist und bedeutender Vermittler englischsprachiger Literatur, wird Pounds italienische Jahre beleuchten und sie mit der Lektüre der „Cantos“ verknüpfen. Dabei wird er auf den speziellen gesellschaftlichen und politischen Hintergrund eingehen, den er, selbst aus dem befreundeten Familienkreis Pounds in Rapallo stammend, aus nächster Nähe kennt.

Die Personalunion aus philologischer Betrachtung und persönlicher Sichtweise werden von Pounds Nachkommen selbst, seiner Tochter Mary de Rachewiltz sowie seinem Enkel Siegfried de Rachewiltz, durch ihr Mitwirken ermöglichen. Während Mary de Rachewiltz, Dichterin und Übersetzerin, aus dem Werk und Leben ihres Vaters erzählt, zeichnet Siegfried de Rachewiltz für eine Ausstellung verantwortlich, die am Abend der Eröffnung erstmals gezeigt wird und dem Nachleben des Dichters gewidmet ist. Eine Büste von Ezra Pound, die der Künstler Stefan Fabi angefertigt hat, begleitet die Literaturtage Lana 2017 auf dem Schallerhof.

„Wenn der Sinn haftet an einem Grashalm / wird ein Ameisenbein dich retten.“

Theresia Prammer und Christine Vescoli

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