18.00
András Visky: Die Aussiedlung (Roman. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Suhrkamp 2025)
Moderation und Übersetzung: Cornelius Hell und Timea Tankó
20.00
Béla Tarr: Die Werckmeisterschen Harmonien (Spielfilm mit Lrs Rudolph, Peter Fitz, Hanna Schygulla u.a. Ungarn/Italien/Deutschland/Frankreich 2000, 35 mm, 145 Min)
András, der Erzähler, jüngstes von sieben Kindern, liebt seine tapfere Mutter Júlia über alles – wo sie ist, lauert das Glück, egal, was geschieht. Vier Jahre lang zieht sie mit ihren Kindern in der ostrumänischen Steppe umher – sie wurden »ausgesiedelt«, nachdem der Vater, ein Pastor, zu 22 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war. Sie richten sich in Erdhöhlen ein und in verlassenen Dörfern, beaufsichtigt von den Behörden. Sippenhaft. »Ich merke mir alles und werde über alles schreiben, wenn die Zeit gekommen ist, sage ich zu unserer Mutter, um sie zu trösten, als ich sie beim Weinen ertappe, schreiben verwende ich als Synonym für rächen, ohne zu wissen, was ich sage.« Jahrzehnte später findet Visky den gleichmütigen, zuweilen heiteren Ton, die leuchtenden Bilder und die Form: 822 durchnummerierte Minikapitel, die Atemzügen gleichen.
Der Entschluss, umeinander zu kämpfen, »solange die Seele mich trägt«, verbindet die Eltern, tiefgläubige, einander leidenschaftlich liebende Menschen, deren Haltung sich ihren Kindern unauslöschlich einprägt. Der Gewalt des kommunistischen Staates setzen sie ihr NEIN entgegen. Wie sich die Phantasie mit der Liebe verbündet: gegen die Wirklichkeit und gegen die Versuchung, böse zu werden – das ist so noch nie erzählt worden. „Ein solches Buch habe noch nie gelesen. Es ist eine Sensation.“ (Herta Müller)
András Visky, Jahrgang 1957, ist ein namhafter ungarischer Dramatiker und Regisseur, der in Cluj-Napoca lebt und arbeitet. Nach Jahrzehnten, in denen er Theaterstücke, Gedichte und Essays schrieb, veröffentlichte er 2022 seinen ersten und einzigen Roman Die Aussiedlung. Dieses Buch erregte allergrößtes Aufsehen in Ungarn und liegt dort mittlerweile in der fünften Auflage vor.
Cornelius Hell, 1956 geboren, übersetzt aus dem Litauischen und lebt als Literaturkritiker und Autor in Wien. Er verfasste mehrere Bücher und viele Sendungen für den ORF und den BR und erhielt u.a. den Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung 2018 sowie den Preis für Publizistik der Stadt Wien 2024. Zuletzt: Lesezeichen & Lebenszeiten (Streifzüge durch Bücher und Biografien, Sonderzahl, 2025).
20.00:
Béla Tarr: Die Werckmeisterschen Harmonien (Spielfilm mit Lrs Rudolph, Peter Fitz, Hanna Schygulla u.a. Ungarn/Italien/Deutschland/Frankreich 2000, 35 mm, 145 Min)
Regisseur Béla Tarr erarbeitete diesen Film nach einer Romanvorlage Romans von László Krasznahorkai „Melancholie des Widerstands“.
Die Temperaturen liegen 20 Grad unter Null, doch es liegt kein Schnee in der tristen ungarischen Kleinstadt. Aus der ganzen Region strömen Menschenmassen wie im Wahn in das Städtchen, um im gastierenden Zirkus die Hauptattraktion zu bewundern: einen toten Wal. Auch der junge Außenseiter Valuska macht sich mit seinem einzigen Freund György auf den Weg, um das Monster zu bestaunen. Die schneelose Kälte und die ungewohnte Menschenmasse bringen das Städtchen bald an den Rand des Chaos’. Angestaute Aggressionen werden frei, eine destruktive emotionale Woge überrollt die Menschen, ob beteiligt oder unbeteiligt, und verwandelt den Ort in ein apokalyptisches Szenario. Einzig die Freundschaft der beiden Männer lässt in diesem Spektakel noch an Hoffnung und Menschenwürde glauben.
„‚Werckmeister Harmóniák‘, gedreht in einem prächtigen Schwarz-weiß, ist auch in diesen Augenblicken ein Kino der Langsamkeit, des Atmens, der Fermaten: Jede Geste hat Zeit, zu ihrem Abschluss zu kommen und mit einer anderen verknüpft zu werden. Tarr stellt die Zeit nicht still, er gibt ihr einen menschlichen Takt. Das ist mehr, als man nach dem Motto hoffen dürfte, das über László Krasznahorkais Roman ‚Melancholie des Widerstands‘ steht, der Tarr als Vorlage gedient hat: ‚Es vergeht, aber es geht nicht vorüber.'“ (Tagesspiegel)