11.00
Matinee mit Anja Utler, Milena Marković und Stanisław Kalina Jaglarz
18.00
Eva Geulen: Über den Mut
20.00
Inger Christensen: alfabet / alphabet
Mit Alberta von Poelnitz und Julia Wieninger
Anja Utlers Gedichtband »Es beginnt der Tag« dokumentiert das Buch eine tiefe geistige und emotionale Krise. Im Fokus steht das sich über einen längeren Zeitraum entfaltende Gefühl der Trauer als das prägende Gefühl einer Zeit, in der die Menschen sich in zunehmender Schärfe dem Verlust von Lebewesen, von Bewohnbarkeit und Gerechtigkeit aussetzen und ausgesetzt sehen. Immer wieder setzt der Trauerrefrain beim Tagesanbruch an, um zu zeigen, wie das einmal Geschehene weiterwirkt und sich in alle neu versuchten Anfänge einschreibt.
In langsamen Schritten nähert sich der Text dem Auslöser des Trauerprozesses der Autorin: Russlands großflächigem Angriff auf die Ukraine. Ihrer poetischen Resonanz auf Leid und Zerstörungswillen stellt Anja Utler einen analytischen Essay zur Seite.
Milena Marković gehört zu jenen Autorinnen, deren Schreiben von einer harten Direktheit und emotionalen Tiefe zeugt, etwa in »Kinder«, ihren autobiografisch geprägten Roman über Kindheit, Familie und Erwachsenwerden in Gestalt eines Langgedichts. „Seien Mehrschichtigkeit aus lakonischen Bekenntnissen, Klagen, Spott, liedhaften Passagen und filmhaften Bewusstseinsströmen macht Markovićs Buch literarisch reich und emotional präzise zugleich“, heißt es in der Begründung zum jüngst vergebenen internationalen Lyrikpreis Münster.
Darin schlägt sie einen großen Bogen von ersten Kindheitserinnerungen aus den frühen 80er Jahren bis in die Gegenwart – dem Zusammenleben mit dem mental zurückgebliebenen Sohn und der dement gewordenen Mutter in Belgrad – und versammelt, was ihr aus ihrem Leben wichtig ist, jene Momente und Erfahrungen, die sie geprägt haben: Kindheitstraumata, Badefreuden am Meer, Drogen und die Leidenschaft für schöne Männer.
Das, was seit Arthur Rimbaud gemeinhin als »dichterische Zerrissenheit« begriffen wird, ist bei Stanisław Kalina Jaglarz (*1991 in Katowice) nicht bloß ein poetisches Motiv, sondern schier tägliche dichterische Erfahrung in radikal zeitgenössischer Zuspitzung. Der Lyriker schreibt den Topos des inneren Zwiespalts des Ich nicht einfach fort, sondern verschiebt ihn: aus der metaphysischen Dimension in eine queere, körperliche, die sich vor dem Horizont der unabschließbaren Selbstsuche und der beständigen Auseinandersetzung mit Persönlichkeitsentwürfen gleichermaßen existentiell wie schöpferisch ausnimmt. Zwischen Verwandlung und Widerspruch, zugeschriebener und gelebter Identität emanzipiert sich das sprachgewaltige Werk einer neuen lyrischen Stimme, die inmitten der allenfalls vorgeblich idyllischen Landschaft der polnischen Provinz mit ihren Wunden, einer konfliktären Physis und dem Anderssein ringt. (Dagmara Kraus)
Stanisław Kalina Jaglarz ist eine der wichtigsten Stimmen des Landes, wo er als Star gefeiert wird. Zwei Gedichtbände liegen von ihm vor: gościć sójki (etwa: Eichelhäher beherbergen, 2022) und zajęczy żar (etwa: Hasenglut, 2024). Mit seinem Debüt war er für den renommierten Silesius-Preis nominiert, gleich zweimal (2023 und 2025) stand er auf der Shortlist des noch renommierteren Wisława-Szymborska-Preises. Sein zweiter Band, der zugleich Liebeslied, Lobgesang und Totenklage ist, erhielt den Orpheus-Preis für den besten Gedichtband.
18.00 Uhr
Eva Geulen: Über den Mut
Moderation:
Mit Kants Übersetzung von sapere aude als „Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ wird Mut nicht nur zu einem Leitbild der Aufklärung, sondern erweist sich zunehmend als eine Bedingung moderner Existenz, die sich gegen eine unzuverlässige Welt behaupten muss. Aus dem Mut des Einzelnen wurden modern die Risikogesellschaft (Ulrich Beck), das “unternehmerische Selbst” (Andreas Reckwitz) und jüngst “high agency” (George Mack). Bis in die Ratgeber- und Therapieliteratur hinein wird Mut dabei als Stärke verstanden. Aber es gibt auch Denktraditionen, die andere Antworten auf die Frage geben, was Mut ist und heute bedeuten könnte. Besondere Aufmerksamkeit verdient Hannah Arendt, für die der Mut die politische Kardinaltugend war.
Eva Geulen ist seit 2015 Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung sowie Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2003 bis 2012 hatte sie den Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bonn und anschließend bis 2015 an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. inne. Seit 2025 ist sie Sekretarin der Geisteswissenschaftlichen Klasse sowie Mitglied von Vorstand und Rat der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Sie ist eine Hauptherausgeberin der kritischen Arendt-Gesamtausgabe. Zu ihren Publikationen zählen Aus dem Leben der Form. Goethes Morphologie und die Nager sowie Das Ende der Kunst. Lesarten eines Gerüchts nach Hegel.
20.00 Uhr
Inger Christensen: alfabet / alphabet
Es lesen Alberta von Poelnitz und Julia Wieninger
Von der dänischen Dichterin Inger Christensen, oft nominiert für den Nobelpreis und mehrmals Gast in Lana, stammt das große und berühmte Langgedicht „alfabet/ alphabet“, ins Deutsche übersetzt von Hanns Göschl, erscheinen im bibliophilen Kleinheinrich Verlag.
Es ist ein musikalisches Anwachsen von Wörtern und Sprache, ein poetischer Versuch, die Sichtbarkeit dessen einzufangen, was existiert und in einem undurchschaubaren Zusammenhang die Welt konstituiert. Aufgezählt werden Dinge, die auf die Welt verweisen, Aprikosenbäume, Melonen und Schnee, aber auch Dioxin und Wasserstoff, die Atombombe und der Tod. In der Struktur, die auch in der Natur ablesbar ist, etwa in der Ordnung, in der Blätter auf Stengel wachsen oder die Samenkörner in Sonnenblumen liegen, in der wiederkehrenden Formel „gibt es“ lässt Inger Christensen Zeile für Zeile die Welt entstehen und sich ausbreiten, vergleichbar der Theorie von Big Bang, einer „Bewegung, die andauern wird, bis die Ausbreitung so groß ist, daß alles zu verschwinden und wieder zu nichts oder fast nichts zu werden scheint.“
So wächst auch das Gedicht, versichert sich hymnisch genauso wie melancholisch der durch den Menschen bedrohten und jederzeit zur Auslöschung freigegebenen Existenz.
Die beiden Schauspielerinnen Julia Wieninger und Alberta von Poelnitz, die zusammen mit Ilse Ritter das Alphabet am Deutschen Schauspielhaus Hamburg inszeniert haben, lesen in Lana das Jahrhundertgedicht zum Abschluss der Literaturtage.
Julia Wieninger, Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. 1991 – 1996 Engagement am Burgtheater Wien, dann am Schauspiel Bonn, am Deutschen Theater in Berlin, am Staatstheater Wiesbaden, am Düsseldorfer Schauspielhaus und bei den Salzburger Festspielen, Ensemblemitglied am Schauspiel Köln, seit 2013 gehört sie zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses Hamburg. Julia Wininger arbeitet mit Claus Peymann, Hans Hollmann, Karin Henkel, Katie Mitchell u.v.a. Zu den zahlriechen Preisen zählt zuletzt der Gordana-Kosanovic-SchauspielerInnenpreis.
Alberta von Poelnitz, geboren 2000 in Köln, ist in Wien aufgewachsen und machte ihren Abschluss an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Sie ist Stipendiatin des deutschen Volkes und dreht seit einigen Jahren immer wieder auch für Film und Fernsehen. Sie t2024 ist sie Ensemblemitglied im Deutschen Schauspielhaus Hamburg.



