Samstag, 6. Juni 2026
Palais Mamming, Meran

Seit über vier Jahren Jahren überzieht Wladimir Putin die Ukraine mit einem grausamen Krieg, der kein Ende nehmen will. Der Angriff Russlands auf das Nachbarland brachte Gewalt und Zerstörung über ein freies Volk ,das seitdem um sein Recht und sein Überleben kämpft.
Literatur Lana widmet am 6. Juni der Ukraine einen literarischen und historischen Abend im Palais Mamming:
Mit Sofia Andruchowytsch, Olena Huseinova, Halyna Kruk, Karl Schlögel und Maria Weissenböck.

Karl Schlögel, renommierter Historiker der osteuropäischen Geschichte, v.a. der russischen und ukrainischen Moderne, Essayist und Träger des Friedenspreises 2025, steht seit vielen Jahren wach auf der Seite der Ukraine und verfolgt mit scharfem Blick und empathischem Gewissen, was dort geschieht. „Auszuhalten, durchzuhalten, der unsäglichen Erschöpfung zum Trotz – das ist die Revolution der Würde in Permanenz“, sagte er in der Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche. „Uns Europäern bleibt, so unwahrscheinlich es klingen mag: von den Ukrainern lernen, heißt furchtlos und tapfer sein, vielleicht auch siegen lernen.“
Darüber und über sein jüngstes Buch „Auf der Sandbank der Zeit. Der Historiker als Chronist der Gegenwart“ wird er um 18.00 mit Hans Heiss sprechen.

© Peter-Andreas Hassiepen

2025 war die ukrainische Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch einen Monat lang Stipendiatin von Literatur Lana. Nun wird sie in Meran vorgestellt und kuratiert den Abend mit den ukrainischen Dichterinnen Halyna Kruk und Olena Huseinova sowie der Übersetzerin Maria Weissenböck.

Dazu schreibt sie: „Um sich selbst zu sehen und zu realisieren, was vor sich geht, muss man manchmal einen genauen Blick auf jemand anderen werfen. Um die eigene Geschichte hören zu können, muss man jemand anderes Geschichte hören. Ein Gefühl für die eigene Heimat zu entwickeln ist viel einfacher, wenn man eine Distanz überwindet und an unbekannte Orte gelangt.
In Zeiten wie diesen verändern sich die Gesetze der Physik (und werden zugleich noch offenkundiger): Eine überwundene geografische Distanz vermag es, eine Distanz im Herzen zu verkleinern.
Olena Huseinovas Stimme ist wie eine Lampe bei einem Blackout, ein Licht, das einfach nicht ausgehen will und mehr erhellt, als die Dunkelheit verbirgt:
„sie spricht so ruhig mit ihrem Sohn
als könnte der Himmel nicht explodieren“
Die Sprache von Halyna Kruk entblößt den Prozess, wie sich der Krieg nicht nur auf den Tod auswirkt, sondern auch auf die Art und Weise, in der Küche Brot zu schneiden:
„am schlimmsten ist
dass man nach dem Alarm
weiter Suppe kochen muss“

„wir kaufen Brot und Milch
als gäbe es ein Morgen“

Die Sprache von Olena Huseinovas und Halyna Kruks Lyrik legt Dinge an den Tag, vor denen man sich verstecken und vor denen man davonlaufen will, auf denen der Blick nicht verweilen kann. Zugleich aber vermag es ihre Sprache, zart und fürsorglich zu umarmen, sie ist wie Umgebung und Licht, die diesen Blick ermöglichen.
„der Krieg vermindert den Abstand von Mensch zu Mensch
von der Geburt zum Tod“.

Auch die Stimmen der Frauen, die wir heute hier hören, vermindert den Abstand von Mensch zu Mensch – aber ganz anders als der Krieg: nicht durch Verneinung und Verachtung des Menschlichen, nicht durch Übergriffe auf die menschliche Verletzlichkeit, sondern durch das Benennen dieser Verletzlichkeit, durch Bestätigung und Anwesenheit.“

Sophia Andruchowytsch by Alexander Chekmenev1

Sofia Andruchowytsch ist Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin aus Kiew. Neben ihrem Debütroman „Der Papierjunge“ (2014) ist bisher die Amadoka- Trilogie erschienen, in der Ukraine bereits vor dem Krieg: „Die Geschichte von Romana“, „Die Geschichte von Uljana“, und „Die Geschichte von Sofia“, auf Deutsch im Residenz Verlag in der Übersetzung von Maria Weissenböck. Eine Archivarin versucht darin anhand persönlicher Erinnerungen, die Geschichte der Ukraine von der Stalin-Zeit bis zur Gegenwart zu rekonstruieren.

Halina Kruk © privat

Halyna Kruk ist Dichterin, Prosaautorin, Übersetzerin, Kritikerin und Literaturwissenschaftlerin. 2001 promovierte Kruk in ukrainischer Literatur, inzwischen hat sie eine Professur für Literaturwissenschaft an der Universität von Lwiw inne. Ihre neuesten Gedichtbände in englischer Übersetzung sind «A Crash Course in Molotov Cocktails» (2023) und «Lost in Living» (2024). 2024 erschien ein Sammelband der Poesie von Halyna Kruk, und die erste Auflage von 3000 Stück war in drei Monaten ausverkauft. Das war ihr siebter Gedichtband, und sie hat mittlerweile weltweite Anerkennung gefunden, nicht zuletzt in Kanada und in den USA, wo sie im Jahr 2024 auf die Shortlist des renommierten Griffin Poetry Prize kam. „Crashkurs in Molotowcocktails“ heißt ihr erster eigenständiger Lyrikband auf Deutsch, und mehr als die Hälfte seiner Gedichte stammen aus den Jahren 2014 bis 2025. 2022 hielt die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Dichterin die beeindruckende Rede beim Poesiefestival in Berlin.
Sie ist Mitglied im ukrainischen Schriftstellerverband und war Vizepräsidentin des ukrainischen PEN.

Olena Huseinova

Olena Huseinova ist Dichterin und Journalistin. Im Jahr 2004 erschienen ihre Gedichte in der bedeutenden ukrainischen Zeitschrift „Suchasnist“ (Moderne). Im Jahr 2005 gewann Olena den zweiten Preis beim renommierten Literaturwettbewerb für junge Autoren „Smoloskyp“. Olenas erster Gedichtband, „Vidkrytyi Raider“ (Offener Reiter), erschien 2012 und wurde auf der ukrainischen Buchmesse „Book Arsenal“ unter die Top 10 gewählt sowie beim Lemberger Verlegerforum unter die Top 20. Im Jahr 2014 schuf die ukrainische Künstlerin Dasha Kuzmich auf der Grundlage von Olenas Text das Videogedicht „Like Cherries“, das den ersten Preis beim internationalen Festival für Videopoesie „Cyclops“ gewann.
Olenas zweiter Gedichtband „Superheroi“ (Superhelden), gestaltet vom Kunststudio Agrafka, erschien 2016. Die ukrainische Buchmesse „Book Arsenal“ wählte es zum besten illustrierten Buch des Jahres. 2017 präsentierte Olena ihre Gedichte beim internationalen Literaturfestival „Authors’ Reading Month“. Derzeit arbeitet sie als Autorin und Radiomoderatorin beim ukrainischen Radiosender „Culture“.
Ihre Gedichte wurden ins Englische, Polnische, Tschechische, Litauische und Russische übersetzt.

PROGRAMM:

Palais Mamming, Meran
6. Juni 2026

„Jemand anderes Geschichte“.
Literarische Stimmen aus der Ukraine und was wir von dem Land im Krieg lernen können.

18.00:
Karl Schlögel: „Auf der Sandbank der Zeit. Der Historiker als Chronist der Gegenwart“
Moderation: Hans Heiss

20.00:
Sofia Andruchowytsch, Olena Huseinova und Halyna Kruk
Moderation: Maria Weissenböck

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