1978 starb N. C. Kaser, der eine Dichtung von untrüglich kompromissloser und risikofreudiger Kraft schuf und damit weitab von Anerkennung und Establishment stand. 10 Jahre nach seinem Tod wurde von Paul Flora, Markus Vallazza und Paul Valtiner sowie den Bücherwürmern in Lana ein Lyrikpreis ins Leben gerufen und er wurde nach dem Dichter von schillernder Sprachwut und nahezu überhitzter Sensibilität benannt.
Fast 30 Jahre nach der ersten Vergabe hat das Anliegen des N.C. Kaser-Lyrikpreises nichts an Notwendigkeit verloren: „es bockt mein herz" hatte Kaser geschrieben und so hält der Preis von Lana Ausschau nach einer Dichtung, die Anspruch auf politischen oder gesellschaftlichen Widerspruch erhebt und ihn einlöst durch ein präzises Formbewusstsein für neue ästhetische Möglichkeiten. Das tut sie bei aller Experimentierfreude dadurch, dass sie, wie Cezanne meinte, nicht genug in die Tradition zurück blickt, um daraus innovative Wege einzuschlagen.
2014 ist der 13. N. C. Kaser-Lyrikpreis dem englischen Dichter TOM RAWORTH (*1938) zugesprochen worden und am 10. Juni 2015 wird er im Mountain Resort Vigilius gefeiert. Gefeiert wird damit eine Dichtung von ungeheurem Einfallsreichtum und abenteuerlicher Sinnschöpfung, von einer erfrischenden Unberechenbarkeit und einem hellwachen Klang- und Sinnbewusstsein. Kühn ist solche Dichtung, furchtlos und rücksichtslos. Das rührt daher, dass Tom Raworth jedem Habitus und Getue, in dem sich Macht gibt, die Stirn bietet und dass er jeden sprachlichen und gesellschaftlichen Mustern den Boden entzieht, die beanspruchen, herrschaftlich Wissen zu verwalten und am Ende doch der Uniformierung oder Ungleichheit dienen.
Dabei entzieht sich Tom Raworth selbst einer Zuschreibung oder Etikettierung, Gruppierung oder Bewegung. Aber er weiß, dass und wie Dichtung justament in ihrem Verfahren die Sicht auf Welt wiedergibt und darin Haltung und Inhalt ist. So setzt Raworth auf die Kraft des poetischen Spiels und bringt in der Verve von Witz und Negation, „in der dichte des gestrüpps aus wort & gegenrede" (N.C. Kaser) jenen Widerstand hervor, der den Alltag in seiner überraschenden Gegenwärtigkeit des Verschiedenen besingt und die Gesellschaft in ihren Mechanismen von Macht desavouiert.
Wie aktuell Tom Raworth auch für junge Dichterinnen und Dichter ist, zeigt die Vorgruppe, die den Teppich für den Preisträger auf dem Vigiljoch auslegt: Maria Ch. Hilber, Louis Schropp, Gerd Sulzenbacher, Matthias Vieider und Jörg Zemmler erweisen in vielfältiger, überraschender und phantasievoller poetischer Weise dem englischen Dichter ihre Reverenz und vergessen dabei auch N.C. Kaser nicht.

Im Vigilius Mountain Resort wird Tom Raworth gefeiert; Tom Leonard, Preisträger von 2012, hält die Laudatio und Ulf Stolterfoht begleitet die Lesung auf Deutsch. Er hat für die Preisverleihung neuere Gedichte von Tom Raworth ins Deutsche übersetzt. Ursula Ganahl Flora wird den Preis übergeben, der von der Familie Flora, dem Österreichischen Bundesministerium und der Marktgemeinde Lana finanziert wird.

Eine Nachlese aus Lana, das Adligat "Poesie von den Rändern her", zeigt erstmals Gedichte von Tom Leonard und Tom Raworth in deutscher Übersetzung von Ulf Stolterfoht und Josef Oberhollenzer und erscheint zum Anlass der Preisvergabe auf dem Vigiljoch.

 

 

 

Tom Raworth, 1938 in Bexleyheath geboren und in Welling aufgewachsen, lebt als Dichter und Künstler in Brighton. Früh richtete er seine literarische Aufmerksamkeit auf die britische und auf die amerikanische Dichtung der New York School rund um Allen Ginsberg oder LeRoi Jones, Robert Creely oder John Ashbery. Beeinflusst zudem von Dada und dem Surrealismus, fand er zu einem experimentellen Formbewusstsein, das wesentlich von politischer Stoßrichtung bestimmt war. Es entstanden über 40 Gedichtbände, darunter „Ace", 1982, „Writing", 1982, „Catacoustics", 1991, oder „West Wind", 1984; „Visible Shivers", 1987, „Eternal Sections", 1993, „Survival", 1994, später „Clean & Well Lit", 1996, „Meadow", 1999, „Caller and Other Pieces", 2007, „Let Baby Fall", 2008, und „Windmills in Falmes", 2010.
Tom Raworth arbeitet auch an Performances, Collagen und Videos. Auf Deutsch erschien 2009 der Gedichtband „Logbuch" mit Übersetzungen von Ulf Stolterfoht.

 

Tom Leonard wurde 1944 in Glasgow geboren und lebt heute noch dort. Seine Lyrik hat in der Form und Tradition Anteil an der Experimentellen Avantgarde der 1980er Jahre. Er schrieb darüber hinaus politische Satiren, Literaturkritiken, er verfasste eine Biographie über den Dichter Jamed Thomson und gab 1990 die Anthologie „Radical Renfrew" zu Dichtern Westirlands heraus. Zuletzt: „outside the narrative: poems 1965-2009", 2009; „Being a Human Being and other poems", 2006; „access to the silence: poems and posters 1984-2004", 2004. 2012 erhielt Tom Leonard den N.C. Kaser-Lyrikpreis.

 

Ulf Stolterfoht wurde 1963 in Stuttgart geboren und lebt als Übersetzer, Dichter und Editor der BRUETERICH PRESS in Berlin. 1998 debütierte er mit dem Gedichtband „fachsprachen I - IX", dem insgesamt drei weitere Bände unter dem gleichnamigen programmatischen Titel folgten. Weiters erschienen u.a. die Gedichtbände „das nomentano-manifest", 2009, „ammengepräche", 2010, „handapparat heslach", 2011, „wider die wiesel", 2013, und zuletzt „neu-jerusalem", 2015.

 

 

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