Ann Cotten und Valentino Zeichen

09.04.2010, 20:00

 

Ann Cotten und Valentino Zeichen

„Pratiche d' imballaggio"

 

Einführungen: Roberto Galaverni und Christine Vescoli

 

Freitag, 9. April 2010, 20.00 Uhr

ar/ge kunst Galerie Museum

Museumstr. 29, Bozen

 

 

 

Ann Cotten

 

Pflock in der Landschaft, sei lyrisch

für die Wiese, nimm Fäden und sing in der Brise,

nenne Brise, was Sturm ist, nenne Brise,

was ein großer Ventilator ist, einen großen

Zwischenraum mit Wind zu füllen,

um alles zu sein, nur nicht ein Pflock.

 

 

 

Valentino Zeichen

 

La poesia

 

Come un ricorrente duplicato di Big Bang

simula la nascita dell'universo

a sua differenza possibile figlia d'ignoti.

Ella ha madre sebbene svagata,

espulsa in un baleno dall'ispirata origine e

subito estranea all'istantanea matrice creativa.

La poesia: annodate interiora.

Si dipana nella prosaicità della lingua

e lascia scorgere allettanti Aleph

dall'inafferrabile momentaneità;

gli accostamenti accidentali

fra le lingue ancora brulicanti

l'apparentano agli invertebrati,

i nodi vengono al pettine dello stile e

il poeta deve alla sua perizia di fisiologo

il taglio dei versi.

Senza offendere le sinapsi semantiche

riconduce a capo i misurati segmenti

comparabili agli esagrammi

delle divinazioni Ching.

Ogni volta che la mimesi creativa ricomincia

si ripropone il dilemma: il mondo

deve supporsi creato in versi

come ventilano le scritture oppure

si tratta di opera in prosa evoluzionistica?

Nel dubbio aporistico

applichiamo alle creazione

l'analisi stilistica.

 

„Ann Cotten ist unbequem. Und das meint nun gerade nicht »unbequem« im landläufigen Sinn von aufsässig, protestierend, originell, sondern schlicht: Das Bequeme interessiert sie nicht, nicht das Gelungene, nicht der Kunstverstand. Sie weiß, sie macht es einfach, weil es so sein muß. Nicht um etwas auszudrücken, was irgendwo in ihrem Innern schlummern würde, sondern, um Welt zu befragen und zu gestalten."

Guido Graf, WDR3, Gutenbergs Welt

 

"Valentino Zeichen è come un libertino minimale, estroso viaggiatore sei-settecentesco, mai catturato in normalità istituzionali o ideologiche, con una sua morale tutta costruita e gestita da se stesso (proprio come quella degli antichi libertini). Fidando solo sul proprio io, sulla propria biografica atipicità, su questo suo essere 'a parte', egli prende di mira il tempo e la storia, i modi del loro coniugarsi nel presente, le tracce infinite che essi depositano sui frammenti della sua vita e di coloro in cui si imbatte, sulle cose e sulle apparenze che ci circondano. Egli ha attraversato la Roma del secondo Novecento precipitandone da altrove, dal proprio universo fiumano e, in fondo, mitteleuropeo: irregolarità storica e geografica, proiezione obliqua da un'origine che non c'è più, diversione partita da un'Italia che più Italia non è, con quel cognome Zeichen, che in tedesco significa 'segno'... "

Giulio Ferroni, Introduzione alle Poesie 1963-2003, Milano 2004

 

 

 

Eine etwas unorthodoxe, vielleicht auch verquere Dichterpaarung geht der literarische Abend mit der vielseitigen Wortkünstlerin, Performerin und streitbaren Literaturtheoretikerin Ann Cotten (* 1982) aus Berlin und mit dem seit den 50ern in Rom lebenden, im slowenischen Fiume geborenen Valentino Zeichen ein. Beiden Dichtern ist eine je unkonventionelle, eine durchwegs widerständige Art eigen, die sich bei Ann Cotten in unerwarteten Auftritten der Performance zeigt oder darin, wie sie gegen Selbstverständlichkeiten von vermeintlichem Verstehen klug anrennt. Poetisch dreist und theoretisch versiert bedient sich Ann Cotten unverfroren experimenteller und linguistischer Ansätze und scheut es nicht, durchaus waghalsig Grundlagenforschung von Erkenntnisprozessen zu unternehmen. Unterhaltsam ist dabei allemal Ann Cottens Fähigkeit der ostentativen Performance, die mit Rhythmen, Tönen und Lauten eines Musikers spielt.

Valentino Zeichen, dessen jüngstes Buch, Neomarziale (Mondadori, 2006), eine ironisch-epigrammatische Auseinandersetzung mit dem wahlverwandten Dichter Martial ist, ist der vagabundische Bohème der italienischen Dichter, der römische Flaneur, der noble Bettelpoet, der auf Lebensversicherungen und feste Anstellung ebenso pfeift  wie auf ein sicheres Dach über dem Kopf und einen sicheren Sitz im Leben. Ohne sich jeglicher Ideologie unterzuordnen, hat Valentino Zeichen seine Position stets allein aufgrund seiner literarischen  Experimentierfreude und Leistungen festigen können. Die autarke Poesie Zeichens, die, von der Rezitation herkommend, stets das Sprachspiel beherzigt, sucht den „Balanceakt zwischen metaphysischer Ironie und frivoler Weltgewandtheit, exhibitionistischem Scharfsinn und wütenden Wahrheiten" (Niva Lorenzini). So sieht man Zeichen auch als den „einfallsreichsten und unregelmäßigsten italienischen Schriftsteller" (Klappentext von Ogni cosa a ogni cosa ha detto addio), der auf bestem Wege ist, ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht im deutschen Sprachraum geltend zu machen.