„Alles ist Gewalt im Kleist'schen Kosmos: Als wären die Menschen zu zerbrechliche Gefäße für die Gefühle, die auf sie einstürzen, fallen sie in Ohnmacht. Sie sind von Sinnen, weil es für sie unmöglich ist, das über sie verhängte Schicksal zu verstehen. " (Ronald Pohl)
1976 verfilmte der französische Nouvelle Vague-Meister Eric Rohmer Kleists wundersame Novelle „Die Marquise von O...." mit den deutschen Schauspielerstars Edith Clever, Bruno Ganz und Otto Sander.
Heinrich von Kleist erzählt darin die Geschichte einer verwitweten Marquise, die - scheinbar - ohne ihr Wissen von einem russischen Offizier geschwängert und von ihren Eltern des Hauses verwiesen wird. Sie nimmt die Umstände zum Anlass, aus der Enge gesellschaftlicher Konventionen auszubrechen, und bedient sich dabei eines modernen Instruments: Sie gibt eine Anzeige in der Zeitung auf, um den Vater ihres Kindes zu finden.
Als Erzähler hat Kleist die Vergewaltigungsszene in einem Gedankenstrich zusammengefasst und stattdessen in Symbolen des Kampfes und des Krieges ausphantasiert. Dadurch bleibt auf der inhaltlichen Ebene in der Schwebe, was es eigentlich mit der Ohnmacht der Marquise auf sich hat. Kleist spielt mit dem voyeuristischen Interesse, das der Text schon bei zeitgenössischen Lesern ausgelöst hat und das auch Eric Rohmer zum Ausgangspunkt für seine Verfilmung gemacht hat.
Eric Rohmer:
„In der „Marquise von O...." gibt es eine moralische Situation, die mir gefällt, auch wenn sie etwas völlig anderes ist als die in meinen „Contes moraux". Was ich an Hitchcock am meisten liebe, ist seine ausgeprägteste Seite, seine Dostojewski-Seite. Und Kleist kündigt Dostojewski schon an. Die dramatische, ja melodramatische Situation in der „Marquise von O...." ist moralisch gesehen ebenso reich wie die „Brüder Karamasow". [...] Außerdem liebt Kleist das Absurde. Er hat einen extrem kalten Humor. In der „Marquise von O...." gibt es unterschwelligen Humor, den ich ebenfalls zeigen möchte. Ich will vermeiden, das komisch zu machen, was im 18. Jahrhundert nicht als komisch galt; die Emphase und die Larmoyanz. Auf der anderen Seite aber möchte ich Komik haben und auf eine ironische, sehr kleistsche Art die Geschichte von damals wieder modern machen, so dass das Altmodische niemanden mehr stört und die Gags nur so sprudeln: Denn es gibt auch etwas von Buster Keaton in der „Marquise von O....". (Frankfurter Rundschau, 23. 9.1975)
„Ach, es ist meine angebohrne Unart,
nie den Augenblick ergreifen zu können, u immer an einem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin, und in einer Zeit, die vorbei ist, oder noch nicht da ist." Heinrich von Kleist an Adolphine von Werdeck; Paris, 29. Juli 1801. Vor 200 Jahren starb am 21. November am Kleinen Wannsee bei Berlin der deutsche Dichter Heinrich von Kleist. 34jährig setzte er durch den in „unaussprechlicher Heiterkeit" inszenierten Freitod mit Henriette Vogel seinem Leben ein Ende. Wie kaum ein anderer ist er der Dichter, der, stets bedroht durch das Moment der Brüchigkeit, die zerrissene Privatheit der menschlichen Existenz in die Sprache trägt und daraus Sätze schlägt, unbegreiflich wie die Verstörungen, die ein Leben unerwartet bereit hält. Sein Leben ist gekennzeichnet durch Unruhe und Unrast. Kleist gehört dem mächtigen märkischen Adel an und lebt doch nie in geordneten Verhältnissen. Er ist Leutnant, königlicher Beamter und Krisenspezialist und legt doch alle gesellschaftlichen Projekte wieder nieder. Er entwickelt Ideen zu einer neuen Militär- und Finanzreform ebenso wie pädagogische Entwürfe für eine Sozialreform; er entwirft ein U-Boot und eine Bombenpost, träumt von einem Leben als Bauer, als Tischler, als Schriftsteller, ist leidenschaftlicher deutscher Patriot und Gefangener in Frankreich; ist Student der Mathematik, Physik und Philosophie und Herausgeber und Redakteur wichtiger Journale seiner Zeit. Wer so unstetig, ist auch stets fremd. Wie sein rast- und ratloses „Ach -" trägt er die Befremdetheit mit sich, unberührt dessen, was ein Wissen um Glück oder Gut zu sichern vermöchte. Unheimisch ist Kleist die Heimat Preußen, die er immer wieder verlässt, nicht weniger als es die vielen Teile Europas sind, die er nomadisch bereist, und nicht weniger als die menschlichen Bindungen, von denen er Unmenschliches erwartet und daran scheitert. Früh zum Waisen geworden, hängt er sich im Leben an seine Halbschwester Ulrike, die ihn auch finanziell immer wieder unterstützt, standesgemäß mit Wilhelmine von Zenge verlobt, verbindet ihn eine innige (homoerotische) Freundschaft zu Ludwig von Brockes, beenden wird er sein Leben mit der bereits schwerkranken Freundin Henriette Vogel. Zeitlebens völlig unzeitgemäß und unverstanden, vergeblich nach Anerkennung und Einverständnis suchend, gezeichnet durch künstlerische und persönliche Extreme, gehört er heute zu den Großen der deutschen Literatur, wo er weder der Klassik noch der Romantik eindeutig zuzuordnen ist. Liest man jedoch Kleist, so liest man, wie radikal er die Moderne vorwegnimmt, wie gründlich er sich zu ihrem Vordenker macht und wie unumwunden er, verwundet von der „gebrechlichen Einrichtung der Welt", sie am Zwiespalt zwischen Fühlen und Wissen, an der Inkongruenz von Individuum und Allgemeinheit entwirft. Sehnend und zweifelnd verzweifelt er an dem, was Realität sein könnte oder sollte - und setzt sie dann in enormem Formbewusstsein und Originalitätspotenzial so eindringlich wie keiner sonst in pure Sprache um: als gewaltige Satzarchitektur, als Leerstelle und Bruch, oder als den berühmten Gedankenstrich in der „Marquise von O...". Es wandern die Sätze Kleists so beständig an die Grenzen des Verstehbaren, riskieren kühn ihre eigene Haltbarkeit und machen bloß deutlich, wie wenig verstehbar und haltbar die Welt ist, im Wissen nicht, im Fühlen nicht, und auch nicht im Handeln.