Artur Becker

20.11.2008, 20:00

 

„Wodka und Messer. Lied vom ertrinken.“ (Verlag Weissbooks 2008)


Einführung: Verlagsleiter Rainer Weiss


Kultur.Lana, Hofmannplatz 2

Artur Becker

Artur Becker, geboren 1968 als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland, heute in Verden an der Aller. Romancier, Lyriker und Essayist.
Seine letzten Veröffentlichungen: Die Zeit der Stinte (dtv, 2006), Das Herz von Chopin (Hoffmann und Campe, 2006).

Pressestimmen:

»Es liegt so viel in Artur Beckers neuem Roman: Witz, amüsante Überzogenheit, Tragik – ebenso wie die Macht der Erinnerung, die oft genug zu groß wird und die Gegenwart in Gefahr bringt. Manchmal droht der Roman auch überzukippen, allein quantitativ mit 460 Seiten den Maßstab zu verlieren. Doch Beckers Sprache - ihre Dynamik, ihre Greifbarkeit - lassen den Leser nicht los, den Leser, der einiges lernt, nicht zuletzt über das Land Polen der letzten 50 Jahre. Und darüber ist Einiges zu erzählen«
(Vladimir Balzer, Deutschlandradio, 11. 09.08)


»Beckers ›magischer Realismus‹ von dunkel-romantischen Zügen bereitet nach bewältigtem Einstieg viel Vergnügen.«
(Marcus Hladek, Frankfurter Neue Presse, 11.09.08)


»Es entsteht ein von großer Fabulierkunst geprägter Roman, der in seiner Breite und Viel- schichtigkeit eine Vielzahl an großen Themen aufgreift und im Sinne der Handlung verarbeitet. Eine gute Geschichte zu schreiben, das sei überhaupt das Wesentliche, so Artur Becker. Andreas Öhler, Moderator des gelungenen Abends im Presseclub, bringt sein Fazit auf den Punkt: ›Das Buch hat nur ein Problem: es endet.‹ «
(Beke Heeren-Pradt, Wiesbadener Tagblatt, 19.09.08)


470 kurzweilige Seiten lang erzählt. Artur Becker – wie viel davon seine eigene Geschichte ist, bleibt offen, wie viel erstunken und erlogen ist, ebenso. Aber das ist eigentlich völlig gleichgültig. Was für ein Roman! (Sortimenter Brief, Barbara Brunner)

„Ich bin verdammt dazu, mich ständig zu erinnern. Meine Heimat liegt in der Erinnerung. In der Suche nach dem verlorenen Paradies. Und es ist schwer, vor allem wenn man belletristische Bücher schreibt, der Melancholie und Sehnsucht zu entgehen: Die beiden Gefühlsorgien haben in der Literatur nichts zu suchen – einerseits. Andererseits müssen sie ständig beschrieben werden, weil sie unsere Liebe ausmachen. Wer als Autor diesen Gefühlsspagat schafft, ohne sich ein Bein zu brechen, kann durchaus dem menschlichen Dasein Göttliches, Unvergängliches oder gar Vollkommenes - bei all unseren Fehlern, lächerlichen Fehlern - abgewinnen. [….] Ich schreibe über das, was ich kenne. Die Fiktion, die ich aufbaue, ist eine große Lüge. Sie ist lediglich ein literarisch-handwerkliches Mittel, um dem Leser den Zugang zu meinen Geschichten zu erleichtern. Und ich kämpfe dagegen, dass wir uns Menschen nur als Mitglieder einer Nation begreifen. Das Stammesbewusstsein hat ausgedient. In erster Linie sind wir kosmische Wesen, die den Planeten Erde bewohnen und für ihn große Verantwortung tragen. Wir leben im Universum – nicht nur in Deutschland oder Kasachstan. Spätestens mit dem Tod wird uns Göttliches und Teuflisches klar – damit auch die Tatsache, dass wir alle aus ein und derselben Quelle kommen. Die Religionen – mögen sie uns belehren, beeinflussen oder im Schach halten – müssen allmählich einsehen, dass wir alle sechs Milliarden Planetenbewohner gemeinsamen Ursprung haben, und auch wenn man ihn nur auf den Urknall, bei dem angeblich alles entstand, reduzieren würde.

Artur Becker in einem Gespräch mit Stefan Voit: Zu Gast bei den 22. Weidener Literaturtagen. Der neue Tag, Weiden, Nr. 87, 13./14. April 2006

Texte:

Kuba Dernicki ist ein glücklicher Mensch. Er hat Arbeit und Familie und lebt seit vielen Jahren im Paradies, in Deutschland. Doch eines Tages treibt ihn eine starke Sehnsucht zurück nach Polen, in die alte Heimat, an die Stätten seiner Kindheit, an den Dadajsee. In eine wunderschöne Landschaft, bevölkert von überaus eigenwilligen Menschen, die mit List, Humor und Wodka überleben. Und die sich Geschichten erzählen, in denen die Toten, auch wenn sie nicht katholisch sind, wiederauferstehen. Wie Marta, Kubas junge Geliebte, die vor vielen Jahren auf der Flucht vor kommunistischen Häschern im eiskalten Dadajsee ertrunken ist und die in der Hoteldirektorin Justyna Star (einer Doppelgängerin?) weiterlebt, schön und begehrlich, wie damals. Kein Wunder, daß Kuba sich in Justyna verliebt und daß von nun an ein ganzes Dorf verrückt spielt, der Bürgermeister Król wie der alte Pfarrer Kazimierz, die einäugige Tante Ala wie Wojtek, ihr Galan. Und in deren Mitte taumelt Kuba, den ein sprechendes Messer begleitet, von Augenblick zu Augenblick, hinein ins Herz der Erinnerung. Wodka und Messer ist ein Heimatroman, ein Liebesroman, ein kunterbuntes Buch, über dem der polnische Himmel leuchtet, „sternhagelvoll wie die Männer von Bartoszyce, wie die Fische im Dadajsee.“



Prolog

Das Mohnblumenfeld und die Vogelscheuche

Du unser stacheliger See, der du immer Sommer und Winter heißt … So einfach ist das, wenn man in dir ertrinkt – mein junges verängstigtes Herz ist durstiger und stärker, als ich es je vermutet habe, dachte Marta und spürte, wie sich ihre Lunge und dann ihr Bauch mit dem Wasser füllten, mitten in der Nacht, mitten im Winter, an ihrem letzten Silvester. Jetzt weißt du es, dachte sie noch, das Fegefeuer ist in Wirklichkeit kalt, denn du hattest nur Durst, gewaltigen heißen Sommerdurst, und nun ist alles gut und vorbei … Du wirst nie wieder das Wasser des Fegefeuers trinken müssen, dein Durst ist gelöscht ... Öffne noch einmal die Augen – dein Liebster kann dich nicht mehr sehen … Es gibt sieben Todsünden, aber keine einzige ist tödlich und keine einzige hast du begangen, und trotzdem musst du jetzt sterben, obwohl du noch so viel zu sagen hättest – du wolltest deinem Liebsten noch so viel sagen, ihm deinen letzten Traum, ihm noch eine Nacht schenken, und er kann dich nicht mehr hören, aber sprich weiter, erzähl ihm ein letztes Mal eine Geschichte: Gestern träumte ich wieder, mein Liebster, ich sei eine Vogelscheuche, stünde inmitten von Mohnblumen im roten Schwimmbecken bis zu den Hüften … Den Himmel sah ich kaum unter meinem Filzhut …. Löcher in der Hose hatte ich keine, was für ein Wunder! Keine Löcher im Sakko und in meinem Hemd! Ich stand so viele Nächte und Tage, die kein Ende nahmen … Mit schwerem Kopf wachte ich auf, mutlos, entmündigt, durch was und wen? Mit schweren Augen setzte ich mich an den Tisch, dann auf die Fensterbank und träumte weiter, wovon? Keiner sagt, wovon, vielleicht von einem alten Haus am Waldrand – von einer Hütte, wie sie in den Bergen zu finden ist … Dann sah ich dich, mein Liebster, vor diesem Haus, der Schornstein rauchte nicht und da wusste ich, wie gut es eine Vogelscheuche hat … Sie lebt nicht, greift nicht an, schaut aber sehr genau, wer vorbeigeht, wer sie ohne Abschiedsworte stehen lässt in Mohnblumen auf einem alten Feld … Die abendlichen Spaziergänger sagen nicht zu ihr: „Wir sind gekommen, um dich auf den Tod vorzubereiten.“ Die abendlichen Spaziergänger schweigen, und die Vogelscheuche muss sich Tag für Tag selbst die Frage stellen: „Ist es schon soweit? Und welchen Tod meint ihr?“