Nicht nur in Zeiten politischer Repression rückt der Begriff der »Haltung« verstärkt ins Blickfeld öffentlicher Kunst- und Literaturbetrachtung. Dabei ist seine Anwendung auf SprachkünstlerInnen in der Regel weit weniger offensichtlich und bedarf einer ganzen Reihe semantischer Abgrenzungen. Ist Haltung, was Texten Halt gibt oder gibt es ohne Haltung ohnehin keine haltbaren Texte? Grundiert Haltung jedes Verhalten? Kann Zurückhaltung Haltung sein? Gibt es allein eine Haltung zu etwas (»Ansicht«) oder gibt es auch eine Haltung »an sich«? Wie wirken biographische Veränderungen oder Faktoren auf die Haltung von Schreibenden, namentlich von Gedicht-Schreibenden ein? In diesem Sinne äußerte etwa T. H. Auden den Verdacht, »engagierte« Positionen könnten in bestimmten Fällen auch besonders raffinierte Ablenkungsmanöver von der eigentlichen Spracharbeit darstellen, während Figuren wie Osip Mandelstam oder Walter Benjamin auf paradigmatische Weise jene Ethik des Poetischen verkörpern, in der Haltungs- Fragen untrennbar mit der Frage-Haltung dichterischen
Denkens tout court verquickt sind. Unweit davon steht auch eine Textpraxis, die sich mit Dichter Ferdinand Schmatz als Haltung des unnachgiebigen Fragens an die Prozesse des Erkennens und Konstruierens von Wirklichkeit versteht.

Im Gespräch mit Elke Erb, Ryszard Krynicki und Ferdinand Schmatz wollen wir den Haltungs-Begriff, zwischen menschlicher Größe und ästhetischem Selbstverständnis, Gesinnung und Eigensinn, Stil (»le style c'est l'homme!?«) und Standfestigkeit, Ideologiekritik und Didaktikfalle (Thomas Kling sprach von Lehrer- Lempelhaftigkeit), erklärend zu erden versuchen.

Den vielgereisten und in diversen literarischen Genres bewanderten Dichter Ferdinand Schmatz beschrieb der Wiener Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler als »sensibel und nicht gefühlsduselig«, »genau und nicht spröde, rätsel haft und nicht unklar, subjektiv und nicht diffus, formbewusst und nicht formalistisch«. Mit seinem jüngsten Gedichtband,quellen (2010), setzt Ferdinand Schmatz seine hypertextuellen Erkundungsgänge in fremde und vertraute Sprachlandschaften fort und bricht als mitreißender »Wildwasserfahrer« (Samuel Moser) zu neuen poetischen Ufern auf. Dabei werden auch »bewährte« Reisegefährten wie Ernst Jandl, Friedrich Hölderlin, Eduard Mörike und Paul Celan mit ins Boot geholt und in ein raum- und zeitübergreifendes Gespräch verwickelt.

Im Juni 2013 wurde Elke Erb der Jandl-Preis zugesprochen. Aus diesem Anlass erschien im Roughbook Verlag eine neue Sammlung von Texten aus den Jahren 2005-2012, herausgegeben von Urs Engeler. Die NZZ schrieb dazu: „Elke Erbs Gedichte sind kleine Sonden, die es erlauben, das Sprachgelände zu erkunden. Nie abgeschlossen sind die Bewegungen dieser Verse, sondern vorläufig im besten Sinne. Im Nu springt hier ein Bild einem Satz bei oder vergegenwärtigt einen Weg der Erkenntnis." In Lana wird Elke Erb aus den gesammelten Gedichten lesen und anschließend übergehen in ein Gespräch mit der jungen weißrussischen Lyrikerin Valzhyna Mort, deren Gedichte sie ins Deutsche übersetzte.

Nach ihrem gefeierten Band Tränenfabrik (2009) legt Valzhyna Mort ihre erste auf Englisch verfasste Gedichtsammlung vor. Sie schreibt ihre von Hunger und Verlust gezeichnete Familiengeschichte fort. Doch stärker als früher, dringlicher, aggressiver setzt sie auf Themen wie Lust, Gewalt, Fremdheit und Einsamkeit. Mit spürbarer Freude am Bearbeiten frischer Sprachmaterie erkundet sie eine in ständiger Verwandlung begriffene Welt, deren harte, strahlende Grenze aus Licht, Wasser, Sand geformt ist. Viele Gedichte umkreisen das Wesen der Sprache, hinterfragen die Autorität jener Instanzen, die entscheiden, wer spricht und wie er das tut.

 

 

 

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