Egon Ammann: »Ich bin, was mir geschieht«
Ein Freundes-Wort zu Georges-Arthur Goldschmidt

Georges-Arthur Goldschmidt: „Ein Wiederkommen" (S. Fischer Verlag 2012)

Gespräch zwischen Georges-Arthur Goldschmidt und Egon Ammann

Georges-Arthur Goldschmidt wurde 1928 als Sohn einer jüdischen, zum Protestantismus konvertierten Familie in Hamburg geboren. Wenige Monate vor dem Novemberpogrom wurde er zusammen mit seinem Bruder nach Frankreich verschickt und von 1939 bis 1945 in einem Waisenhaus in Megève versteckt. Den 18. Mai 1938 holt er immer wieder hervor: Es ist der Tag, als das Gesicht der Eltern hinter dem Zugfenster verschwindet; der Tag, als der Zug ihn und seinen großen Weidenkoffer unwiderruflich nach Frankreich bringt. Seit diesem Tag wurde aus dem, der nichts wusste über seinen Ursprung, ein Grenzgänger, ein ewig Reisender zwischen zwei Sprachen, zwei Kulturen. Abgeschottet und einsam wie er ist, wurden Leben und Literatur für ihn sehr bald eines.

Im Frühjahr 2012 erschien im S. Fisher Verlag die grandiose Erzählung „Ein Wiederkommen". Sie gibt die Erfahrung des unwiederbringlichen Verlusts von Heimat, die Erfahrung von Überleben, von Vertreibung und Exil beeindruckend wieder und enthält Sätze, die, wie Herta Müller schreibt, „ins Unerlaubte funkeln" und das so, „dass einem das Herz in den Kopf pocht".

Paris ist seine neue Heimat. Endlich das Gefühl, aufgenommen zu sein. Aber vergessen hat Arthur Kellerlicht nichts: Erst zehnjährig wird er des Landes verwiesen, verurteilt, weil er als Jude geboren ist. Rettung findet er in einem Internat in den Savoyen, wo die Züchtigung zum Alltag gehört. Und weil sich der Heranwachsende des Lebens unwürdig fühlt, ist es nur richtig, dass er bestraft wird: für das Lesen unerlaubter Bücher, für das Entdecken des eigenen Körpers, ganz einfach dafür, dass es ihn gibt, dass er überlebt hat. Kein Schreiben ist so existenziell wie das von Georges-Arthur Goldschmidt. Seine Romane und Essays sind einer der schönsten Existenzbeweise.

Georges-Arthur Goldschmidt lebt heute als Schriftsteller und Übersetzer in Paris. Für seine Bücher wurde er u. a. mit dem Bremer Literaturpreis, dem Nelly-Sachs-Preis und dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet. Zuletzt sind von ihm ›Freud wartet auf das Wort‹, ›Die Befreiung‹ und ›Meistens wohnt der den man sucht nebenan. Kafka lesen‹ erschienen.

Egon Ammann führte zusammen mit seiner Frau Marie-Luise Flammersfeld von 1981 bis 2009 den renommierten Ammann Verlag, der große Gegenwartsliteratur (Adolf Muschg, Gerhard Meier, Les Murray, Adonis) und Klassiker (Mandelstam, Dostojewski, Pessoa, Kavafis) vertrat und wichtige Werkeditionen publizierte.
Egon Ammann war langjähriger Verleger, ist exzellenter Kenner und Freund von Georges-Arthur Goldschmidt.

 

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