Als 1989 Danilo Kiš, der sich selbst als den „letzten jugoslawischen Schriftsteller" bezeichnete, starb, hinterließ er ein Gesamtwerk, das heute Teil der klassischen Moderne ist. Zusammen mit Milan Kundera und György Konrad zählt er zu den drei großen K der osteuropäischen Literatur des 20. Jahrhunderts, dessen leidvolle Geschichte er exemplarisch vertritt. 

Kiš wurde 1935 in Novi Sad als Sohn einer Montenegrinin und eines ungarischen Juden geboren. Er musste erleben, wie sein Vater und eine Reihe anderer Verwandter in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Nach dem Krieg floh seine Mutter mit dem Jungen nach Ungarn, 1947 kehrte Danilo Kiš mit Mutter und Schwester nach Montenegro zurück. Kiš studierte in Belgrad Literaturwissenschaft und wurde Übersetzer, Publizist, Herausgeber, Dramaturg und Lektor. Seit Anfang der 60er Jahre erschienen eigene literarische Werke.
Da Kiš jegliche totalitären Denk- und Machtstrukturen offen ablehnte und außerdem nach neuen ästhetischen und moralischen Idealen suchte, blieb Kiš weitgehend unverstanden. Sein Versuch einer poetischen Symbiose von Literatur, Ethik und Politik vor dem Hintergrund der jüdischen Herkunft rückt ihn in die Nähe der Wertsysteme des mitteleuropäischen Romans, etwa bei Broch, Musil und Kafka. Immer wieder warnte er vor dem Nationalismus, der für ihn nichts anderes als "kollektive und individuelle Paranoia" und eine "Ideologie der Banalität" darstellte.
Nach den zermürbenden politischen Kontroversen um den zeitkritischen Roman "Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch" (1976, dt. 1983) verließ Danilo Kiš 1979 sein Vaterland und siedelte sich in Frankreich an. In Paris führte er die kritische Befragung der Authentizität von Geschichtsschreibung und den Versuch der Annäherung an Vergangenheit durch Erinnerungsarbeit bis an sein Lebensende fort.

Danilo Kiš zeugt von einer radikalen literarischen Auseinandersetzung mit jeglichen Formen von Diktatur. Terror und Lüge, Verstellung und List - in verstörenden und bisweilen komischen Bildern setzt Kiš die Gegensätze in Szene, den totalitären Gebrauch von Sprache und die unzerstörbare Hoffnung auf eine Befreiung durch sie. „Lebte er noch, wäre er heute das Gewissen aller demokratisch Gesinnten des Balkans. Denn keiner hat so früh und so eindringlich vor den Gefahren des Nationalismus gewarnt«, schreibt Ilma Rakusa.

Danilo Kiš, geboren 1935 in Subotica, starb 1989 in Paris. Auf Deutsch erschien u.a. Enzyklopädie der Toten (1989), Sanduhr (1988), Frühe Leiden (1989), Die Dachkammer (1990), Homo poeticus (Gespräche und Essays 1994), Die Heimatlose (1996) und Anatomiestunde (1998).


Ilma Rakusa, geboren in der Slowakei als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen, lebt als Lehrbeauftragte in Zürich, sie ist auch als Übersetzerin, Publizistin und Schriftstellerin tätig. Zuletzt (u.a.): Garten, Züge. Eine Erzählung und 10 Gedichte (2006); Mehr Meer. Erinnerungspassagen (2009).


Szabolcs Tolnai, geboren 1971 in Subotica, Ungarn, lebt in Palic (Vojvodina). Zahlreiche Filme und Auszeichnungen, u.a.: „Az ifjúság himnusza/The Anthem of the Youth" (2001); „Face Down" (2002), „Egy ismeretien naplója/Diary od Unknow Man" (2003), „Fövenyóra/The Hourglass (2007).

 

© Literatur Lana, Verein der Bücherwürmer,  Impressum, Privacy, P.Iva: 91000470210