Maria Zinfert

Aus W.G. Sebald: Schwindel. Gefühle. / Vierter Teil: Ritorno in Patria

Als nach einer weiteren halben Wegstunde das Tobel zu Ende ging und der Wiesengrund von Krummenbach
sich auftat, blieb ich lang unter den letzten Bäumen stehen und schaute mir, aus dem Dunkel heraus, das wunderbare weißgraue Schneien an, von dessen Lautlosigkeit die wenige fahle Farbe in den nassen, verlassenen Feldern vollends ausgelöscht wurde. Unweit des Waldrands steht die Krummenbacher Kapelle,
die so klein ist, daß mehr als ein Dutzend auf einmal darin gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Ich setzte mich eine Zeitlang hinein in dieses gemauerte Gehäuse. Draußen vor dem winzigen Fenster trieben die Schneeflocken vorbei, und bald kam es mir vor, als befände ich mich in einem Kahn auf der Fahrt und überquerte ein großes Wasser. Der feuchte Kalkgeruch verwandelte
sich in Seeluft; ich spürte den Zug des Fahrtwinds an der Stirn und das Schwanken des Bodens unter meinen Füßen und überließ mich der Vorstellung einer Schiffsreise aus dem überschwemmten Gebirge hinaus. Am meisten aber sind mir aus der Krummenbacher Kapelle, abgesehen von der Verwandlung des Gemäuers in ein hölzernes Schiffchen, die Kreuzwegstationen in Erinnerung geblieben, die von einer ungeschickten Hand um die Mitte des 18. Jahrhunderts gemalt worden sein mußten und von denen die Hälfte bereits von Schimmel überlaufen und zerfressen war. Selbst auf den einigermaßen erhaltenen ließ sich nur weniges mit Genauigkeit erkennen — schmerz- und wutverzerrte Gesichter, verrenkte Körperteile,
ein zum Schlag ausholender Arm. Die dunkel gehaltenen Kleider waren bis zur Unkenntlichkeit übergegangen in den gleichfalls unkenntlich gewordenen Hintergrund. So vermeinte man bei dem, was überhaupt noch zu sehen war, eine Art Geisterkampf verschiedener, frei in der Düsternis des Zerfalls schwebender Gesichter und Hände vor sich zu haben.

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