Wir haben ein Land aus Worten

Machmoud Darwisch


Dass die Bücherwürmer gerne über Grenzen schauen, ist bekannt: In den vergangenen Jahren haben wir uns intensiv mit den Literaturen des historischen Mitteleuropa auseinandergesetzt. Daneben waren Autorinnen und Autoren aus Russland und Polen, aus dem Iran, aus Norwegen, Schweden und Schottland, aus den baltischen Staaten und aus Australien bei uns zu Gast. Die Veranstaltung zur arabischen Poesie der Gegenwart ist nun eine Premiere: Zum ersten Mal rücken die arabisch sprechenden Länder im Nahen Osten und im nördlichen Afrika in unser Blickfeld. Die Lyrik ist dort das traditionsreichste literarische Genre und pulsiert heute vor Kraft und Leben. Sie ist unbequem, existenziell und experimentierfreudig - und entspricht ganz und gar nicht dem Klischee eines exotischen, geheimnisvollen und trägen „Orients", den der in Jerusalem geborene Literaturwissenschaftler Edward Said in seinem 1978 publizierten Buch „Orientalismus" als Erfindung des Westens denunziert hatte.
Mit unserem Augenmerk betreten wir einen scheinbar unübersichtlichen Sprachraum, der, obwohl geographisch an Europa angrenzend, für uns eine terra incognita ist. Wir begeben uns mit der Veranstaltung am 30. und 31. Mai also in unbekanntes Land, das wir, nach der Diktion des großen Dichters Machmoud Darwisch, entlang seiner Worte und Literaturen ermessen wollen. Nur wer die Erzählungen seiner Nachbarn kennt, kann mit diesen dauerhaft in Frieden leben: Diese Begegnung mit arabischer Poesie, die zweisprachige Lesungen mit Gesprächen über die Gedichte und ihre Einbettung in einen poetologischen und gesellschaftlichen Kontext verzahnt, will dazu beizutragen, die Gegenküsten des Mittelmeers neu zu verklammern, damit Sprache übersetzen und offen zirkulieren kann.
Dabei ist angesichts der hinter entsperrten Türflügeln sich ausbreitenden Landschaften das Nach-denken über die eigene Geschichte und Identität möglich. „Identität ist grenzenloses Sichöffnen. Denn man ist nicht einfach dadurch man selbst, indem man einen besonderen Namen trägt, eine andere Sprache spricht, einer anderen Nation angehört. Nicht das, was man war, macht einen zu einem selbst, sondern das, was man noch werden kann. Identität ist entweder ein offener Entwicklungsprozess oder nichts weiter als ein Gefängnis", schreibt der aus Syrien stammende Dichter Adonis. „Werden" statt „Sein", so lässt sich diese radikale Position zusammenfassen, die in einem im Umbruch sich befindenden politischen und kulturellen Umfeld auf das Vielstimmige, mit einander Verflochtene, Veränderliche und Unvollkommene setzt - nicht nur in der arabischen Welt. (Klaus Hartig und Christine Vescoli)

 

 

 

„Die Erde erfindet ihre Wurzeln" - Arabische Lyrik heute


Nach nunmehr drei stürmischen Jahren der politischen, sozialen und kulturellen Umwälzungen, die von einer raschen Abfolge einschneidender Ereignisse geprägt waren, ist - mit Ausnahme der tragischen Situation Syriens - wieder etwas mehr Alltäglichkeit in die arabischen Gesellschaften eingekehrt. 2011 und 2012 stand noch die Aktion im Vordergrund, Kunst und Literatur waren den Notwendigkeiten des Augenblicks unterworfen und setzten sich intensiv mit politischen Fragen, Entwicklungsszenarien und dem schwierigen Erbe der jüngeren Geschichte auseinander. Auch wenn diese Tendenz und der Kampf für Wandel weiterhin anhalten, um die Veränderungen fortzusetzen und neue gesellschaftliche Strukturen zu schaffen, ist es an der Zeit, mit und in der Sprache zu einer Form der Nachdenklichkeit (zurück) zu finden.
Gerade in Phasen der Unruhe und Ruhelosigkeit vermag Lyrik mehr als andere Kunstformen, die Menschen zum Innehalten zu bewegen und Momente der Kontemplation und des Dialogs mit sich selbst zu initiieren. Wenn auch die zeitgenössische arabische Dichtung unter den aktuellen Bedingungen häufiger als zuvor revolutionäre Töne anschlug, eröffnet sie auch einen Sprachraum, in dem Zuhören, Reflexion und Sinnlichkeit wieder möglich werden.
Zugleich ist die arabische Lyrikszene heute vielfältiger als je zuvor. Einen Ausschnitt aus dieser Vielfalt zeigen die vier Dichterinnen und Dichter, die zu Gast bei Literatur Lana aus ihren aktuellen Werken lesen und über das Spannungsverhältnis von Literatur und Gesellschaft diskutieren. Während die Ägypterin Iman Mersal, 1998 nach Nordamerika emigriert, in ihrer von Sentimentalität bereinigten Dichtung „Ersatzgeografien" erschafft und von einem ortspolygamen Verhältnis zur Sprache spricht, hat Mazen Marouf als Palästinenser vielfältige und ambivalente Exilerfahrungen in sein Schreiben einfließen lassen. Nora Amin, die als Regisseurin, Schauspielerin und Tänzerin arbeitet und im Jahr 2000 eine unabhängige Theatergruppe (La Musica) gründete, setzt sich in ihren Gedichten auf eine uns herausfordernde Weise mit Körperlichkeit, sozialen Zwängen, Politik und Wahnsinn auseinander. Spätestens seit der Auszeichnung seines Lyrikbandes „Die Gabe der Leere" durch den renommierten marokkanischen Buchpreis gilt der 1948 in Fes geborene Lyriker Mohammed Bennis mit seinem umfangreichen lyrischen, essayistischen und literaturwissenschaftlichen Werk als einer der poetologisch innovativsten Dichter der Gegenwart.
Welche Formen und Themen die arabische Lyrik heute beleben, welche Aufbrüche drei Jahre nach dem ‚Arabischen Frühling‘ in der Literatur stattfinden und welche lyrischen Wege frei von ideologischen Denkmustern Autorinnen und Autoren beschreiten, das will der Schwerpunkt Arabische Gegenwartslyrik im Mai erkunden. (Stephan Milich)

 

 

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