Als der N.C. Kaser-Lyrikpreis von Lana 1988 in Gedenken an den 1978 verstorbenen Südtiroler Dichter ins Leben gerufen wurde, verband er sich unter der Patronage von Oswald Egger und eines befreundeten Dichterkreises wesentlich mit dem Projekt einer „Akademie für Sprache". Darin sollte zusammen laufen, was sich aus einem experimentierfreudigen Feld der literarischen Korrelationen und Korrespondenzen herleitete und in Wort und Tat einer sprachlichen Hofhaltung Eingang fand, Es stand so die Begegnung der Autoren nicht weniger als das Gedicht im Mittelpunkt der literarischen Auseinandersetzung. Für den Kaser-Lyrikpreis hieß preisgeben dem entsprechend „entlassen ins Umgebende" und das hieß, einen Zusammenhang und Zusammenhalt durch ein „Stelldichein" der Dichter zu artikulieren. So wurden Literaturen prämiert, die die Aufmerksamkeit dichterischer Ohren, nicht geschäftiger Juroren, auf sich zogen und sich in einem sprachreflexiv orientierten Kontext häufig durch eine Ästhetik des poetischen, experimentellen oder auch kritischen Sprachdenkens auszeichneten. Dazu gehörte etwa die Lyrik von Bert Papenfuß-Gorek, Gundi Feyrer, Gennadij Ajgi, Elke Erb, Petr Borkovec oder Barbara Köhler.
In seiner 12. Ausgabe fiel die Entscheidung nun zum zweiten Mal durch den letzten Preisträger. Mit diesem Vergabemodus wird das Prinzip des Lanener Preises traditionell weiter geführt, demnach die Entscheidung dem Urteil und Verständnis der Dichter in die Hand gegeben wird. Wo der Preis früher einmal „ins Umgebende entlassen wurde", stößt er nun vollends ins Offene und führt jeweils neu über Sprachen und Grenzen hinaus. Mit jedem Preisträger werden auf diese Weise unabsehbare und unberechenbare Vorstöße der literarischen Erkundung unternommen und überraschend kommt der Preis mit Ungeahntem wieder ins Land.
Indem sich dennoch immer wieder Beziehungslinien legen, Nachbarschaften eröffnen und Kreise schließen, wird eine Geschichte des Preises erkennbar. Sie zeichnet sich durch ein genaues Hinhören auf die Möglichkeiten von Sprache jenseits der Macht von Gemeinplätzen aus und sucht immer wieder das Unaufdringliche und Leise auf, auch dort, wo es spröde oder rebellisch daher zu kommen scheint wie bei N.C. Kaser - oder bei Tom Leonard, dem im Dialekt von Glasgow schreibenden Dichter und zwölften N.C. Kaser-Lyrikpreisträger, der mit einer literarischen Haltung und poetischen Kraft einer existentiellen Unwirtlichkeit zum Namensgeber des Preises zurückkehrt.
Von den Gedichten Tom Leonards gab es bisher keine deutsche Version. Mit dem 12. N.C.Kaser-Lyrikpreis wurden sie zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt: Ulf Stolterfoht legt sie im Hochdeutschen vor und Joseph Oberhollenzer transportiert die im Dialekt von Glasgow geschriebenen Gedichte so in den Töldra-Dialekt, dass sie in einer melodiösen und rhythmischen Strenge eine Kraft voll poetisch reduktiver Wehmut entwickeln.zweiter juni

es dämmert schon und meine frau kommt ins bett
sie hat sich einen film über charlie parker angeschaut

und die luft im schlafzimmer ist unbewegt während sie sich auszieht
und das licht ist drüben am rand des vorhangs hinter ihrem kopf

und sie berichtet mir sein körper sei mit 34 fertig gewesen vom saufen und den drogen
und ich beschließe wach zu sein und hol mir in der küche ein glas wasser

und im norden der himmel ist durchscheinend wie ein see
durchscheinend wie ein see obwohl's erst drei uhr morgens ist

und als ich zurück bin halten wir uns an der hand wie wir es manchmal tun
bis der erste einschläft und langsam losläßt und heute nacht ist es sonya

und ich zieh meine hand zurück liege auf dem rücken und schaue zur decke
ich bin jetzt 51 jahre alt neun monate und neun bis zehn tage

 

 

 

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