In diesem Jahr finden die Literaturtage von Lana zum 30. Mal statt; sie feiern also ein Jubiläum und mehr noch eine Geschichte, die sich einstellt mit dem Lauf der Dinge und der Jahre und da, plötzlich, nach einem Anfang und einer Folge erzählbar wird. Die Folge entspricht freilich weniger einem Programm, keinem Plan oder Etikett. Eher ist sie ein Prozess, in dem ein Ereignis ein nächstes nach sich zieht oder ein Gespräch ein weiteres in Gang setzt und es von Mal zu Mal fortsetzt, selbst wenn es einen Faden verliert oder die Wiederholung von Fragen übt, selbst wenn es an kein Ende kommt oder über Lücken springt.
Jedoch hat das literarische Gespräch, das Lana über die Jahre unterhält, stets versucht, die poetischen Möglichkeiten von Sprache im Blick zu behalten, und hat dabei in vielen Spielarten erprobt, welche Erfahrungen so ein Sprechen eröffnet, wenn es Grammatik und Gestalt der Realität moduliert. Oder, als immer wieder gewagtes Abenteuer der Gegenwart, dem Traum eine Wirklichkeit verleiht, der Wirklichkeit den Traum hinzufügt. „Dass Erde faktisch Himmel ist - Ganz gleich ob‘s Himmel gibt." (Emily Dickinson)
Lana hat diesem Realitätssinn der Sprache kontinuierlich nachgespürt, hat wachsam darauf geachtet, welches Denken sie manifestiert und welche Welt sie in Szene setzt. „Daß die Wortwörtlichkeit der Sprache alles ist, was wir haben, und daß wir uns dagegen wehren müssen mit allem, was wir haben." (Paulus Böhmer)
Wer auf diese Weise in ein Verhältnis zu Sprache tritt, sucht sie auf in ihrer ganzen Fülle und ganzen Stille. Aber er stellt sie auch kontinuierlich auf die Probe und in Zweifel und hütet sich davor, Welt erklären oder nachstellen zu wollen oder sie zu beschreiben, wo Welt die Worte zurückweist. „Jenseits des Ichs des Künstlers erstreckt sich eine schwere, dunkle, aber reale Welt. Man darf nicht aufhören zu glauben, dass wir diese Welt in Worte fassen, ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen können." (Zbigniew Herbert)
Dass ein Festhalten am Wort, wie es die Literatur trotz allem versucht, so schwer zu bewahren ist, macht es noch kostbarer und notwendiger, den Worten ihren Platz zu geben. Das hat Lana immer wieder getan. Dass auch das Umgekehrte gilt, dass nämlich die poetische Sprache, zur Rede gestellt, sich immer als Welt zu entfalten weiß, auch das war mit jedem Gastspiel in Lana aufs Neue zu erleben.

Nun wollen die Literaturtage Lana beschwingt ihre Geschichte fortsetzen: In einem vielstimmigen poetischen Reigen, in Erzählungen und Gesprächen und ganz besonders in einem Fest, das Gäste, Freunde, Dichterinnen und Bücherwürmer zusammen führt.
Und wem zu so viel lustvollem Revuepassierenlassen etwa ein Wandern einfällt, der schließe sich Oswald Egger an, der das Festival vor einer halben Ewigkeit ins Leben rief und nun zu einer Exkursion in das Nonstal lädt. Dort, wo Fuchs und Hase, Herkunft und Zukunft einander gute Nacht sagen, mag vielleicht noch etwas zu erfahren sein über das Singen der Sprachen jenseits der Lieder und über die Fundamente jener „Wiesenfabrik", mit der vor 30 Jahren alles begann. (Christine Vescoli und Theresia Prammer)

 


Paulus Böhmer
, 1936 in Berlin geboren, studierte Jura, Architektur und Germanistik, arbeitete u.a. als Stauden- und Ziergraszüchter, Reizwarenlieferant, Lektor und Werbetexter, von 1985 - 2001 leitete er das Hessische Literaturbüro in Frankfurt a.M. und war auch als Maler tätig. 2015 mit dem Peter Huchel Preis ausgezeichnet, ist er ein Solitär der deutschsprachigen Literaturlandschaft. Mit Zum Wasser will alles. Wasser will weg hat er erneut ein echoreiches, hochmusikalisches Weltgedicht geschrieben, in dem sich Naturgeschichte, Zeitgeschichte und eigene Lebensgeschichte zu einem großen Gesang verbinden. Schmerz trifft auf Lust, Erinnerung auf Beschwörung, Sexus auf historische Schuld. „Diese Gedichte sind mittig gesetzte flackernde Säulen, hoch rhythmische Bilderströme, die aus der ganzen Summe des Menschlichen, was das Unmenschliche mit einschließt, hervortreten. Hier sind es wieder die Erinnerung an die Shoa, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das Weiterleben, die Entfernung, die Nähe, die um Vorherrschaft ringende Gleichzeitigkeit, die im Gedächtnis herrscht, die das Schreiben in eine Heftigkeit versetzen - wie soll man damit aufhören, wenn man nie sagen kann: Es ist gut. Weil es eben nicht gut ist." (Monika Rinck)


Anneke Brassiga, in ihrem Heimatland vielfach als „Sprachmagierin" gepriesen, wurde in diesem Jahr der wichtigste niederländische Literaturpreis, der P.C. Hooft-Prijs verliehen. Brassiga schreibt Gedichte und Prosa und beschäftigt sich in Praxis und Theorie mit der literarischen Übersetzung (u.a. Broch, Mallarmé, Nabokov und Plath). Brassigas Lyrik ist materialverliebt und beseelt, rhythmisch und assoziativ, sie nimmt Naturphänomene und menschliche Begegnungen zum Ausgangspunkt für ein launisch-freches Freisetzen latenter verbaler Energien. „Dennoch bewegen sich ihre Gedichte nicht einfach in einer rein sprachlich definierten Parallelwelt, sondern wurzeln in der Realität. Der Natur huldigt sie, indem sie auch das Dichten als eine Art Schöpfung erachtet, die etwas ins „seyn" bringt (so der Titel eines ihrer Gedichte), sprich: den Akt der Schöpfung am Material der Sprache selbst nachvollzieht." (Claudia Kramatschek)

 

Daniel Falb, geboren 1977, lebt seit 1998 in Berlin, wo er Physik, Politische Wissenschaften und Philosophie studierte. Er veröffentlichte Gedichte und Essays in Zeitschriften und Anthologien. Nach seinem vielbeachteten Debüt die räumung dieser parks (2003) war BANCOR (2009) sein zweiter Gedichtband. Querstehend zum narrativen Impuls vieler DichterInnen seiner Generation, versuchte Daniel Falb schon in seinem ersten Band die Sprache zum Instrument einer mehr sozialen denn individuellen Irritation zu machen. Dabei geht es vor allem um mediale Reflexe und Diskursordnungen, die eine Gesellschaft in ihrer Gesamtheit bilden. War in seinem zweiten Band Bancor die Sprache noch das Medikament oder Gift, das in den sozialen Körper einfließt, erweitert Falb in seinem neuen Band CEK die poetische Substanzlehre um eine poetische Geographie.

 

István Kemény, 1961 in Budapest geboren, veröffentlichte Lyrikbände, Essays, Kurzgeschichten, Drehbücher und Romane. In seinen neuen Gedichten erweist sich István Kemény einmal mehr als ein ironisch-unergründlicher, aber nie unterkühlter Dichter. Feinfühlig und kapriziös befragen seine Verse Mythen und Klischees der Moderne auf ihren individuellen Gehalt und loten dabei das faszinierende Spektrum einer direkten Rede aus, die bei aller Unmittelbarkeit stets auch metaphysische Belange mitreflektiert. Jungenhafte Phantastik und uneitle Selbstbetrachtung vermischen sich hier zu einer abenteuerlichen Mischung, die nicht nur die Freiheit des Erfindens zum Äußersten treibt. Sie zeigt auch formbewusst, was eine poetische Sprache heute zu leisten vermag, ohne ihr inneres Schweigen zu verraten oder äußere Verantwortung abzugeben.

 

Valerio Magrelli, 1957 in Rom geboren, ist Lyriker, Übersetzer und Essayist sowie Professor für Französische Literatur an der Universität Cassino. Magrellis leichtfüßige, im besten Sinne geistreiche Gedichte nehmen es stets mit den Grenzen des Sichtbaren auf und lesen sich wie Expeditionen in die Zwischenreiche der menschlichen Wahrnehmung. Zur Neigung für Tautologien und Kurzschlüsse poetischer Selbstreflexion gesellt sich im neuen Band Il sangue amaro (2014) das Thema der Krankheit, das sich nicht allein auf das hinfällige Individuum, sondern förmlich auf ein ganzes Vaterland zu beziehen scheint. In bewährt heiterer Form greift Magrelli außerdem die Themen Freundschaft und Elternschaft, Familie und Fortschritt auf. Eine zweisprachige Auswahl der Gedichte Magrellis aus über 30 Jahren ist bei Hanser in Vorbereitung.

 

Monika Rinck, 1969 geboren, lebt als Dichterin und Essayistin in Berlin. Ihr künstlerisches Interesse gilt den skurrilen Zusammenstößen und logischen Verschiebungen des Alltags, den ambivalenten Zeichen und assoziativen Verknüpfungen, die auf die schiefe Bahn der Bedeutung gelangen und ein pikareskes Spiel der Diskurse in Gang setzen. In poetischer Lust begegnet Monika Rinck den paradoxen oder widersprüchlichen Details, sie klaubt versiert in Gebäuden der Theorie und klaut gewieft Versatz- und Bruchstücke aus Medien und Reden. Am einfallsreichen Spiel der leichten Entstellungen und verrückten Verrückungen zeigt sich ein analytisches Interesse für den unberechenbaren Hintersinn menschlicher Belange, das im Witz und Ironie seine Form findet. Für ihr Werk (u.a. Honigprotokolle, 2012, Hasenhass, 2013, Risiko und Idiotie, 2015, Lieder für die letzte Runde, 2015) erhielt sie zahlreiche Preise, jüngst den renommierten Kleist-Preis.

 

 

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