Eine schonungslose literarische und moralische Abrechnung mit dem Italien der letzten 60 Jahre.
Das Bombenattentat von 1992 auf den Mafiaankläger Paolo Borsellino markiert den Endpunkt der langsamen Rückkehr des sizilianischen Schriftstellers Gioacchino Martinez in sein hassgeliebtes heimatliches Palermo. Über den Umweg Paris - wo er seinen exilierten, des Linksterrorismus angeklagten Sohn Mauro besucht - verabschiedet sich der Alte von der Industriemetropole Mailand und siedelt in die Hochburg der politischen Zweideutigkeit und der Mafia zurück. Die Konfrontation mit seinem Sohn und die Vorwürfe der politischen Feigheit geben für den Schriftsteller, der nicht mehr schreibt, den Anstoß zur Überprüfung der eigenen Geschichte: die Mitschuld am Tod des Vaters durch den Verrat an deutsche Soldaten; die Flucht aus Sizilien in den Norden, um die Schuld zu vergessen und die Ehe zu retten, die Unerreichbarkeit seiner geliebten Frau in ihrer Depression.
Consolo erzählt vielstimmig, andeutungsreich und jegliche Hoffnung verweigernd von schuldhafter persönlicher Verstrickung, vom Verlust gemeingültiger Wertehaltungen und vom Niedergang der politischen Eliten im Italien der Nachkriegszeit.
Maria E. Brunner erzählt in „Was wissen die Katzen von Pantelleria" von vier Landschaften und ihren Menschen in Europa: Ihre Momentaufnahmen erzählen vom Krieg am Balkan, Alltag in Sizilien, Selbstgefälligkeit in den Alpen und Wohlstandsdepression in der deutschen Provinz.
Mit Vincenzo Consolo und Maria Brunner stellt der Abend die Frage nach der Bedeutung der Regionen in einem sich wandelnden Europa aus einem südeuropäischen Blickwinkel. Wenn ein mehr und mehr zusammenwachsendes Europa regionale Eigenheiten versinken oder in neuer Vielfalt genauso wie in neuen Verstickungen keimen lässt, teilen auch Regionen wie Sizilien und der Mittelmeerraum solche Disparitäten des Ungleichzeitigen. Vincenzo Consolo weiß in brillanter Weise, dass dem ohne sprachlichen und historischen Gedächtnisspeicher nicht gerecht zu werden ist.
Mit Maria Brunner, Übersetzerin, Literaturwissenschafterin und Autorin aus Südtirol, wird Vincenzo Consolo Lektüren vorstellen und darüber hinaus Identitätskonstruktionen, die sich in einem wandelenden Europa zwischen Widerständigkeit und Autonomiestreben bewegen, beschreiben.