1956 in Krefeld geboren, lebt in Berlin. Studium der Philosophie und Sozialpsychologie. Veröffentlichungen (u.a.): »Die Sünden der Faulheit« (1987); »Stefan Martinez« (1995); »Alle oder keiner« (1999); »Bryant Park« (2002); »Teil der Lösung« (2007). Auszeichnungen und Preise (u.a.): Bertelsmann-Stipendium beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt (1992); Berliner Literaturpreis (1996); Anna-Seghers-Preis (1997); Bremer Literaturpreis (2003); Berliner Literaturpreis (2008) und Spycher: Literaturpreis Leuk (2008).
Programm Symposium "Ästhetische Konzeptionen der Gegenwart"
Der deutschte Autor hat in dem 2007 erschienenen Roman „Teil der Lösung“, einem „Großstadt-Movie mit Thrillerelementen“, erhellende literarische Analysen einer durchrationalisierten und überreglementierten Gesellschaft gegeben. In einer atemberaubenden Liebesgeschichte verbindet Ulrich Peltzer mit der Beobachtung neuer politischer Bewegungen in einer Grammatik der Überwachung, der Realität unserer Zeit. Neben der Lektüre aus dem Roman wird Ulrich Petzer am 4. Juni einen unveröffentlichten Text lesen, der nach dem Feld des Politischen in der Literatur sowie nach den Aufgaben der Kunst fragt und dabei zu so ernüchternen wie befreienden Erkenntnissen gelangt: Kunst hat keinen Auftrag. Und so sehr sie sich vielleicht im Flüchtigen und Verborgenen einer durchkapitalisierten Welt aufhält, umso mehr behauptet sie einen dezidierten Platz und Sinn des Unvernünftigen, des Widersinnigen oder Widersprüchlichen.
Pressestimmen:
Ulrich Peltzer erzählt zum einen eine packende Liebesgeschichte, die Geschichte zweier paralleler Leben, die aber im gleichen Urgrund der Unzufriedenheit wurzeln. Zum anderen fügt sich diese Konstellation zu einem eindringlichen nüchternen Bild vom Auflösungsexzess einer öffentlich behaupteten Ordnung. Die Welt, die Peltzer zeichnet, ist von bedrohlichen Bewegungen umringt. Als sei diese gegenwärtige Welt hineingehalten in ein Nichts, in dem sich die explosiven Kräfte auf einen neune Urknall vorbereiten.
Der Autor schreibt beängstigend sicher, beklemmend wahrhaft an unserer Zeit der Anschläge, der wiederkehrenden Menschenopfer entlang. Wo aus protestierendem Gemüt jeden Moment wieder terroristische Bandenhandlung werden kann. Wo die RAF zum Erinnerungsobjekt der Salons wurde, da lässt Peltzer Menetekel erscheinen. In einem großen, so geheimnisvoll schwebenden wie aufreizend tempogeladenen Thriller über aufgeladene Gegenwart."
(Sabine Stefan, Neues Deutschland, 13.03.2008)
Peltzer verführt den Leser, seine Sätze nicht zu lesen, sondern einzuscannen. Verwirrt hält man inne. Wer spricht hier? Wer zitiert wen? Ist die Zukunft schon vergangen? Das Lesen strengt an, jedes Wort muss neu erfühlt und durchdacht werden. Das Ergenbins aber beglückt. Peltzer ist ein zeitgemäßer hoher Ton gelungen. Sein Sound allein klingt schon wie ein Teil der Lösung.
(Nathalie Wozniak, Märkische Allgemeine Zeitung, 07.03.2008)
Ein Großstadtroman mit Thrillerelementen und zugleich eine Liebesgeschichte. Eine seltene Mischung, ein aussergewöhnliches Buch.
(Bücher, Das unabhängige Magazin zum Lesen, Februar/März 2008)
"Weltbeobachtung als im gehetzten Stakkatostil geschilderte Fahrt über Großstadt-Images, gebrochen durch theoretische Diskurshäppchen aus der Küche von Foucault oder Deleuze. Gewagt? Gelungen!"
(Christian Schachinger, Der Standard, 11. Januar 2008)
Fulminanter hat lange kein Roman begonnen, und überlegener kann man eine Geschichte und ihre Perspektiven nicht miteinander ins Spiel bringen. So fangen große Romane an.
Dies ist ein politischer und ein Liebesroman, und ein Arztroman ist es gewissermaßen auch, denn dahinter steckt die radikale Anamnese eines scharfsinnigen Diagnostikers, und zwar all dessen, woran Zeit und Zeitgenossen kranken. Dabei sorgt das sinnliche Erzählen dafür, dass der Zeitgeist hier als Zeitkörper auftritt, über und über tätowiert. Die Polizei, die Clowns, die Uni-Karrieristen, die Freunde und ehemaligen Freundinnen und mittendrin die beiden Königskinder, die auf unschuldige Weise geheimnislos sind wie Huckleberry Finn - man kann nur staunen, mit welcher Sicherheit es Peltzer gelingt, solche Figuren eindeutig zu zeichnen und sie zugleich vieldeutig im Romangeschehen für Fülle und Realitätspräsenz sorgen zu lassen. (...) Jeder Satz ist hellwach. Die Leuchtkraft, mit der hier der Blick auf Einzelnes, Vereinzeltes gerichtet wird, ist nicht nur Observation, es ist vielmehr Aufmerksamkeit auch als Zuwendung und Angstvermeidung, da doch all das Verlorene und Alleingelassene hier zugleich Aufnahme findet in einem so spürbar komponierten Roman, also Kunstwerk. Ja, Ulrich Peltzer zeigt - und so hat es in der deutschen Literatur lange niemand sich auch nur zugetraut, dass in der zerfallenden Welt die Kunst, die sich als gelungene Form versteht, tatsächlich das Einzige ist, was noch eine Ahnung vom möglichen Zusammenhalt der Phänomene bewahrt.
(Jochen Jung, Die Zeit, 31. Oktober 2007)
Mit Teil der Lösung ist Ulrich Peltzer der große Wurf des Bücherherbstes gelungen: Stadtporträt, Zeitroman, Liebesgeschichte, Politthriller. Dabei entwickelt Peltzer entlang allen theoretischen, mitunter sarkastisch ironischen Dialogen einen überaus spannenden Roman. Ulrich Peltzer ist ein begnadeter, der, gerade weil er psychologisierende Erklärungsversuche meidet, lebendige Porträts von Figuren zeichnet in deren jeweiliger Situation. Mit cineastischem Blick und einer Sprache, die wie permanente Kameraschwenks die Richtung wechselt, versetzt Peltzer seiner Handlung filmische Schnitte: um die Gleichzeitigkeit verschiedener Momente und Lebenswelten zu vergegenwärtigen. Was in Berlin beginnt und in Paris endet, ist so raffiniert erzählt, so dicht an Bildern und Atmosphärn, dass der Leser - je nach Standpunkt - selbst Teil der Lösung oder des Problems wird. (...) Grandios.
(Claudia Ihlefeld, Heilbronner Stimme, 30. Oktober 2007)
Peltzer, der das Schreiben, wie altmodisch, als Erkenntnisinstrument begreift, geht es nicht um Gefühle, sondern um die Diagnose. Er führt Politik und Liebe und nebenbei auch die Generationen glücklich zusammen. Der Text ist nicht zuletzt auch das topographisch genau ausgeleuchtete Porträt einer Stadt, die wie keine andere Zuflucht für Unbehauste ist. In seinem packenden Finale verknüpft Peltzers grosser Zeitroman, der vieles, was in diesem Herbst an deutscher Literatur erschienen ist, weit hinter sich lässt, noch einmal die Felder, um die es ihm zu tun ist. Die Liebe - sie ist auf jeden Fall Teil der Lösung."
(Bettina Schulte, Badische Zeitung, 20. Oktober 2007)
Dieser genaue Beobachter und wunderbare Stilist trifft den Sound unserer Zeit. Teil der Lösung beschreibt mit radikaler Ernsthaftigkeit und poetischer Ironie die groteske Rückkehr des Bürgerlichen und ist Stadtporträt, Zeitroman, Liebesgeschichte und Politthriller in einem.
(Claudia Ihlefeld,Heilbronner Stimme, 14. Dezember 2007)
Ulrich Peltzer hat die Herausforderung des Zeitromans aufs Neue angenommen. Er hat sich sein Erzählgelände Berlin zurückerobert, er stellt sich dem "Ansturm der Dinge" und weiss diesen mit seinem unerhört geschmeidigen Stil zu meistern. Teil der Lösung ist nicht zuletzt ein unbeirrtes Plädoyer für das Individuum und dessen Erkenntnismöglichkeiten.
(Katrin Hillgruber, Bayern 2 Diwan, 24. November 2007)
Ulrich Peltzer hat sich mit seinen hochkomplexen, die aktuellen Bewusstseinsstrukturen reflektierenden Romanen einen großen Namen gemacht, er hat bedeutende Literaturpreise erhalten - auffällig ist aber, dass er auch spannend erzählen und Plots bauen kann. Mit "Teil der Lösung" scheint er auf den ersten Blick sogar an seinen flotten Erstlingsroman "Die Sünden der Faulheit" anzuknüpfen: eine Gegenwartsgeschichte aus Berlin mit Thrillerelementen und einem für deutsche Texte ungewohnten Drive, irgendwo zwischen Don DeLillo und zeitlosen Schwarzweißfilmen angesiedelt.
(...)Peltzer arbeitet mit schnellen Schnitten, mit Filmtechniken, mit knappen Dialogen. Es ist erstaunlich, wie plastisch die Figuren werden, obwohl die Sprache nicht psychologisiert und ausmalt. Genauer hat man das Zeitgefühl, das Lebensgefühl des gegenwärtigen Berlin noch nirgends beschrieben gefunden.
(...)Peltzer beschreibt bei aller Desillusionierung, bei allem Aufweichen alter Fronten das Weiterleben von Erkenntnissuche und Analyse. Ein großer Zeitroman, auf der Höhe der theoretischen Diskurse, gleichzeitig eine packende Krimi- und Liebesgeschichte. (Helmut Böttiger, Deutschlandradio)
Die genaue, nüchterne, aber nie emotionslose Beobachtung zeichnet das ganze Buch aus. Da wird nicht gemütlich erzählt, sondern kalt und hart, mit schnellen Schnitten seziert und analysiert. Teil der Lösung ist eine Art "Berlin Alexanderplatz" von heute: Ein Berliner Stadtroman - und ein literarisch innovativer Versuch, in der Unwirklichkeit und Unwirtlichkeit der Städte einen Raum zu finden, in dem sich privates Glück und politischer Widerstand nicht ausschliessen.
(Martin Halter, Saarbrücker Zeitung, 5. November 2007)
Der Roman spricht nicht nur von der Überwachung, sondern er unternimmt sie auch - Teil der Lösung ist ein Panoptikum, Ulrich Peltzer beobachtet und belauscht sie alle, das ganze Spektrum des Dazwischen. Zwischen den Menschen und den Schauplätzen wechselt Peltzer hin und her, er spinnt ein spannungsvolles Netz von Beziehungen, das bis in die randständigsten Knotenpunkte so genau wie zeitgemäß gezeichnet ist. Oft laufen neben den Dialogen die inneren Monologe der Figuren entlang, so wird die Differenz zwischen Gesagtem und Gedachten sinnfällig. Ohnehin gründet die atmosphärisch großartige Dichte vor allem in der Grammatik, Peltzers Berliner Großstadtsinfonie erklingt oft als Substantiv-Stakkato, mal fehlen die Subjekte, mal mangelt es den Nebensätzen am zugehörigen Hauptsatz. Manifester kann man das reine Dasein wohl kaum in Szene setzen: Das Interesse des Autors gilt dem, was handelt, allein indem es existiert.
(Katrin Schuster, Berliner Zeitung, 01. November 2007)
Texte:
Berlin, Potsdamer Platz, die Welt als elektronisch überwachte Shopping-Mall, Bewegungsfreiheit ist reine Illusion.
Christian Eich, Mitte Dreißig, hält sich mit Gelegenheitsaufträgen über Wasser. Für eine Story, die ihm auf den Nägeln brennt, sicht er Kontakt zu untergetauchten Ehemaligen der Roten Brigaden. In Paris soll ein wichtiger Informant anzutreffen und bereit zum Reden sein.
Zuvor aber passiert ihm: Nele. Die Studentin bewegt sich, von einer geheimnisvollen Wut getrieben, durch die Stadt. Eine Liebe entbrennt, heftig und unberechenbar, die vom Berliner Sommer nach Belleville und direkt ins Zentrum des subversiven Widerstands führt.
Das Tempo steigt, der Druck nimmt zu, und Christian muß sich entscheiden: Entweder du bist Teil des Problems, oder du bist Teil der Lösung.
Subtil verbindet Ulrich Peltzer eine atemberaubende Liebengeschichte mit der Beobachtung neuer politischer Bewegungen in einer Grammatik der Überwachung, der Realität unserer Zeit.
S O N Y C E N T E R
Die Silhouette des Mannes zeichnet sich deutlich vor den Bildschirmen ab. Wie es im Halbdunkel scheint, hat er seinen Kopf leicht in den Nacken gelegt. Rechts von ihm steigt eine dünne Rauchfahne aus dem Aschenbecher auf der Konsole hoch, ein schmuckloses längliches Pult mit zwei Tastenfedern. Mentholzigaretten, eine zerlesene Zeitung. Unter dem Pult stehen die Speichergeräte, Empfänger und verkabelte Rechner, deren grüne Dioden wie brennende Augen aus dem Schatten hervortreten. Es ist still, ein Raum ohne Fenster, in dem man jetzt nur sich selbst und entfernt noch das Rauschen einer Klimaanlage hört. Die Monitore sind stumm, kein Ton, nicht einmal Knistern gruppiert die Szenen zu einem Ganzen: all die Leute im Freien, ihre hierher übertragenen Wege an Schaufenstern und dichtgefüllten Cafèterrassen vorbei zu diesem großen Brunnen mitten auf der überdachten Piazza. Man sieht sie am Rand des Edelstahlbeckens sitzen, müde Blicke in Reiseführer und Hochglanzprospekte aus der Volkswagen Youth.lounge werfen, durch die Sender ihrer Kameras schauen, telefonieren. .....