Am Abend ihrer Vorstellung wird Theresia Prammer nach einer kleinen Dankesrede mit Roberto Chiesi, Direktor des Centro Studi - Archivio Pier Paolo Pasolini, Bologna, einen Abend zum faszinierenden ebenso wie widerspruchsvollen Künstler Pier Paolo Pasolini gestalten:
Neben den kommentierten Gedichtlesungen aus den späteren Zyklen steht dabei der Film „La rabbia di Pasolini" im Zentrum des Abends. Eindringlich wird er zum Portrait des rastlos produzierenden, allerorts nach „neuen Techniken" suchenden Gesamtkünstlers, der so voller Zerrissenheiten war wie einmalig und beachtlich auch da, wo man mit ihm nicht einverstanden war: „Con Pasolini ero d'accordo anche quando avevo torto," sagt Leonardo Scascia.
In einer Zeit, als sich zur Literatur der Film gesellte, experimentierte P.P. Pasolini mit Formen des Films, die von der traditionellen Filmnarration abweichen und eine gänzlich neue Disziplin begründen sollten: eine „Wissenschaft vom Licht", die Dichtung, Revolution und politische Utopie zur Deckung bringen sollte.
Aus 90.000 Metern „Wochenschau"-Material montierte Pasolini einen Dokumentarfilm mit Bildern aus der politischen, sozialen und kulturellen Zeitgeschichte der 50er Jahre, fängt dabei die Könung Elisabeths II ebenso ein wie Auftritte Ava Gardners, Sofia Lorens oder den Tod von Marilyn Monroe, ist gefangen vom Triumph des Banalen, erschüttert von der Indifferenz des herrschenden Einerlei und entflammt etwa von der unerwarteten Schönheit eines Lachens. Dabei verweigert der Kommentator Pasolini seine Anpassung an die Mächte der Weltpolitik und richtet seinen Zorn gegen Erinnerungslosigkeit und falsche Versprechen, vor allem aber gegen den Hass auf „alles, was anders ist, auf alles, was außerhalb der Norm liegt und demzufolge die bürgerliche Ordnung stört".
Theresia Prammer schreibt über P.P. Pasolini:
„Pasolini, die Ikone: Mehr als andere hat dieser Autor, wie Marilyn Monroe, über deren fragile Fama er so einfühlsam spekulierte, das Zeug zum Mythos; sein frühes Ableben scheint nicht zusammenzutreffen mit dem Aussetzen seiner Präsenz. Ein Wiedergänger? Wie Accattone, der im Festgewand bei seiner eigenen Beerdigung auftaucht und ein Gespräch mit den Totengräbern anfängt: begrabt ihn doch ein wenig weiter hinten, da, wo mehr Licht ist, al sole! Und der Mann gehorcht, stößt seine Hacke ein paar Meter weiter rechts in die harte Erde."
„Mein Gott, also was haben Sie denn nun
eigentlich vorzuweisen? ..."
„Ich? - [ein Stottern, leicht liederlich
- ich habe vergessen, das Optalidon einzunehmen, meine Stimme bebt -
die Stimme eines kranken Jungen] -
Ich? Eine verzweifelte Lebendigkeit."
(P.P. Pasolini: Eine verzweifelte Lebendigkeit. Aus dem Italienischen von Theresia Prammer)
Ist eine Institution Kultur- und Kunststätte, findet ihr Tun über die vereinzelten Tätigkeiten und über die punktuellen Ereignisse hinaus statt; solches Tun tradiert Fragen, gewissermaßen unfertig, sofern sie sich nicht an Lösungen binden, die sie aufheben und an ein Ende bringen, sondern vielmehr an Formen, die sie fortsetzen und die übersetzen auf einen folgenden Einzelfall, den Einfall des Singulären. Rückgekoppelt an seinen eigenen Verlauf, spielt sich also im Fortsetzen und Übersetzen das Tun einer Institution ab, die fragend Kunst und ein Denken verhängt. Es ist ein Fortsetzen, gebunden an den Rückhalt des Glücksfalls in der eigenen Geschichte, offen auf Ausblicke und Auslöser hin, die ein weiteres Ereignis und ein nächstes Sprechen nach sich ziehen und etwas bewirken, ohne es auf den Punkt, vielmehr in Bewegung zu bringen.
In diesem Sinne beziehen sich auch die Bereiche, welche die Institution der Literatur Lana tragen, aufeinander und durchqueren sich in ihren Ausrichtungen und Aufmerksamkeiten. Zwei davon sind die Vergaben des internationalen N.C.Kaser-Lyrikpreises und des Literaturstipendiums, das getragen ist von der Marktgemeinde Lana und unterstützt von der Stiftung Südtiroler Sparkasse. Sucht der N.C. Kaser-Preis Lyrik auf, die kulturpolitisch und konventionell unfirmiert poetisches Sprechen erprobt und mitunter auch sehr eigenwillige Wege geht, so will auch mit dem Stipendium in Lana ein Arbeiten gestärkt und gefördert werden, das die Dichtung ins Zentrum stellt und sie literarisch, wissenschaftlich oder übersetzerisch durchdringt und erforscht. Es bekommt also die Poetik einen zentralen Stellenwert, wo ein lyrisches Handeln verhandelt und verortet wird, seine Selbst-Reflexion und sein Gedächtnis in Sprache. Das Literaturstipendium Lana will junge Literaten, die dem dichterischen Denken auf der Spur sind, unterstützen. Durch einen sechswöchigen Aufenthalt in Lana und durch eine Summe von 4.000 € soll ihr Schreiben honoriert und angeregt werden und nicht zuletzt wieder rückwirken auf den Ort und das Tun der Literatur Lana.
Nach Silke Scheuermann und Monika Rinck ist die Übersetzerin und Essayistin THERESIA PRAMMER die dritte Stipendiatin in Lana.
Theresia Prammer (*1973) arbeitet vorwiegend als Übersetzerin aus dem Italienischen und Französischen sowie als Wissenschaftlerin der deutschen und italienischen Literatur; nicht weniger präsentiert sie Lektüren in Kommentaren, Essays oder Autorenvorstellungen, in denen sie Lesarten exemplarisch als ineinander fließende Denkarten der Sprache, des Sprechenden und Lesenden vorführt. Dabei hält sie sich mit einer präzisen Feinsinnigkeit in den Grenzbereichen des poetischen Sprechens auf und hält fortwährend den Blick der Übergänge von Theorie und Poesie, von Deutung und Sinn oder von Begriff und Vorstellung wach. Auf diese Weise lassen die Texte und Übersetzungen von Theresia Prammer immer auch Gedankengänge erkennen, die in ihrer Bewegung einen Erkenntnisprozess herausbilden.
Theresia Prammer lebt in Berlin und Bologna. Studium der Romanistik in Wien. Beiträge und Essays zur Gegenwartslyrik und zur literarischen Übersetzung. Herausgeberin von Anthologien und Dossiers. Übertragungen aus dem Französischen und Italienischen ins Deutsche sowie ins Italienische. Übersetzerpreis der Stadt Wien 1999, Doktorandenprogramm der ÖAW, Doc.Award 2008. Seit Februar 2008 Herausgeberin der Internet-Anthologie „italo.log" (http://www.satt.org/italo-log, zus. mit Roberto Galaverni); wissenschaftliche Beraterin von „Testo a fronte". Buchpublikationen als Autorin: Lesarten der Sprache. Andrea Zanzotto in deutschen Übersetzungen (2005); Übersetzen. Überschreiben. Einverleiben - Verlaufsformen poetischer Rede (2009). Zuletzt hrsg.: Eine Wissenschaft vom Licht. Gedichte 1960-1975. Schreibheft-Dossier zu Pier Paolo Pasolini (2009).