Sabine Gruber

23.09.2011, 20:00

Stillbach oder Die Sehnsucht (C.H. Beck 2011)

Gespräch: Christine Vescoli

Hofmannplatz 2
39011 Lana

 

Wenn das Gefühl, am Leben zu sein, einmal abnimmt, haben wir noch immer den Himmel - einen Augenblick sah Clara ihr Gesicht im Fenster, weil der Zug in einem Tunnel verschwand. Sie erschrak über seine Nacktheit und Großflächigkeit, über seine Einsamkeit unter der spärlichen Beleuchtung des Abteils, dann kehrten die Wolkengesichter zurück, deren Oberfläche und Tiefen von dünnen, hohen Dunstfetzen umrahmt waren, die aussahen wie Haarlocken. In der Talsenke standen die gestutzten Apfelbäume in Reih und Glied, die Äste an Drähten festgebunden, und über ihnen erhob sich der von Buschwerk überzogene rötliche Porphyr.

Wenn ich einmal tot bin, hatte Ines geschrieben, mache ich den Himmel lebendig. Dann werde ich weiß sein oder grau, dunkel, hell, rot oder orange, einmal dick, einmal dünn, streifig, felsenähnlich, milchig-linsenförmig, geschichtet, schleierartig, zerfetzt oder gescheckt, gräten- oder strahlenförmig, ein wirres Bündel von Fäden - ja, dann kannst du mich neu verflechten! - oder ein durchgehendes Tuch - dann kannst du dich darin einwickeln! Ich werde eine Besenwolke sein. Eine Locken- oder Federwolke. Eine dicke Knolle. Deine Wolle. Dann werde ich - Clara legte das Blatt zurück in die Mappe und sah hinaus in die Landschaft, die eine gemeinsame gewesen war, eine Herkunftlandschaft.

 

„Sabine Gruber gehört zu den wichtigsten Talenten der österreichischen Autorengeneration nach Elfriede Jelinek und Marlene Streeruwitz."
Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Sabine Gruber (...) tritt in ihrem neuen Roman eine literarische Erinnerungsreise durch 70 Jahre italienischer, Südtiroler und deutscher Geschichte an, in der sie drei Zeiten, drei Welten und drei Frauenleben geradezu mythisch ineinander verwebt." Der Spiegel

„Sabine Gruber nimmt sich des zwiespältigen Schicksals dieser zwischen der deutschen und der italienischen Diktatur zerriebenen Südtiroler Volksgruppe mit Feingefühl und Akribie an (...). Dieses Schicksal blättert Gruber in raffinierter Langsamkeit, in mehrfacher erzählerischer Verschachtelung auf" Süddeutsche Zeitung

 

Als ihre beste Freundin Ines in Rom plötzlich stirbt, reist Clara Burger aus Stillbach in Südtirol an, um Ines' Haushalt aufzulösen. Dabei entdeckt sie ein Romanmanuskript, das im Rom des Jahres 1978 spielt, dem Jahr der Entführung und Tötung Aldo Moros. Darin beschreibt Ines offenbar ihre eigene Ferienarbeit vor mehr als dreißig Jahren als Zimmermädchen im Hotel Manente, schreibt von Liebe, Verrat und Subversion, erzählt aber die Geschichte ihrer Chefin Emma Manente, die seit 1938 in Rom lebt und zum Leidwesen ihrer Südtiroler Familie einen Italiener geheiratet hat. War sie tatsächlich Johann aus Stillbach versprochen gewesen, der 1944 bei einem Partisanenanschlag in Rom getötet worden war? Und ist der Historiker Paul, den Clara in Rom kennenlernt, der Geliebte von Ines aus jenem Jahr? Wie wirken die Spannungen um Südtirol und seine Zugehörigkeit seit der NS-Zeit und dem Faschismus bis heute nach?
In diesem großen, wunderschön geschriebenen Roman erzählt Sabine Gruber spannend und präzise von der Verflechtung persönlicher und historischer Ereignisse, von Stillbach und von Rom, von Verrat und Verbrechen, von Sehnsucht, Wahrheit und neuer Liebe.