Im Vorwort des neu erschienen Bandes „Diese schönen Tage" beschreibt der Übersetzer Piero Salabè die Dichterin Patrizia Cavalli als eine Poetin in einer „Zeit inzwischen untergegangener gesellschaftlicher Utopien in einer wissenschaftlich erschlossenen, medial-funktionalistischen Epoche". In der Tat fällt die Lyrik von Patrizia Cavalli in einer lakonischen Schwermut und in stillem Einverständnis mit dem zwecklosen Gleichmut der Dinge, die mit dem Lauf der Zeit geschehen, eigenwillig aus der Gegenwart. Sie zielt so kühn und manchmal dreist auf Ursachen von Zusammenhängen ab, wie sie sie in poetischer Kraft wieder aufhebt in den Ernst oder den Scherz einer fundierten Gelassenheit.
Der Kritiker Alfonso Berardinelli schreibt über Patrizia Cavalli:
„Die poetische Sprache der Cavalli ist zu pfeilschnellen Aussagen ebenso befähigt wie zu labyrinthischen, syntaktischen Arabesken. Doch sollte nicht außer Acht gelassen werden, daß die erfrischendsten Resultate dieser Dichtung humoristischer Natur sind. [...] Das Glück muß existieren: So lautet der erste Artikel des Gesetzes, das für Patrizia Cavalli die Welt regiert. Allein daß, in der Regel, dieses Glück eben nicht existiert oder momentan abwesend oder aufgeschoben oder unauffindbar ist."
Und der Philosoph Giorgio Agamben befindet im Vorwort des zweisprachigen Bandes „Diese schönen Tage": „Eine Sprache, die weder Hymne noch Elegie ist, sondern in ihrem schlafwandlerischen Fortschreiten die genauen Umrisse des Seins berührt."
aus: MEINE GEDICHTE WERDEN DIE WELT
NICHT VERÄNDERN
Jemand sagte mir
sicher werden meine Gedichte
die Welt nicht verändern.
Aber sicher, antworte ich,
meine Gedichte werden
die Welt nicht verändern.
Patrizia Cavalli wurde in Todi (Umbrien) geboren und lebt seit 1968 in Rom, wo sie Philosophie studierte. Bei Einaudi erschienen die Bände Le mie poesie non cambieranno il mondo (Turin, 1974), Il cielo (Turin, 1981) und Poesie 1974-1992 (Turin 1992) - der Sammelband, der die vorangegangenen Zyklen sowie den Band L´io singolare proprio mio enthält. Es folgen: Sempre aperto teatro (Turin, 1999), das Langgedicht La Guardiana (Rom, 2005) sowie Pigre divinità e pigra sorte (Turin, 2006). Patrizia Cavalli übertrug Werke Molières und Shakespeares ins Italienische und wurde selbst in zahlreichen Sprachen übertragen sowie mit vielen Preisen ausgezeichnet. Eine Anthologie in deutscher Übersetzung erschien 2009 in der Edition Lyrik Kabinett (Hanser), unter dem Titel Diese schönen Tage. Ausgewählte Gedichte 1974-2006 (übersetzt von Piero Salabè und mit einem Vorwort von Giorgio Agamben).
"Denkwürdige Destillate". Reihe zur deutschen und italienischen Gegenwartslyrik
Südtirol, notorisch-autonome literarische Nicht-Provinz, von deutschsprachigen Autoren dicht besiedelt und auch zahlreich besucht, nimmt auf der Landkarte der poetisch ausgezeichneten Orte einen merklich markanten Platz ein. Indes kaum oder wenig zu Gast waren in den vergangenen Jahren die Protagonisten der zeitgenössischen italienischen Poesieszene. Die Veranstaltungsreihe „Denkwürdige Destillate", die mit diesem Frühjahr wieder aufgenommen wird, hat sich zum Ziel gesetzt diese Lücke zu schließen und in Lesungen, Hommagen, Porträts und Begegnungen der geographisch-sprachlichen Ausgangskonstellation Genüge zu tun, die Aufmerksamkeit also nachhaltig auf poetische Strömungen und Entwicklungen des heutigen Poesieschaffens in Italien zu lenken.
In einem seiner berühmtesten Gedichte hat Eugenio Montale die Sprache - la lingua - anagrammatisch mit dem Aal - l' anguilla - enggeführt: Durch das aal-artige, all-waltende Geschlängel und Gedrängel des Poesiegeschehens auf der Halbinsel möchte die Reihe im Programm der Bücherwürmer von Südtirol in Serpentinen bis nach Sizilien vordringen, um die Koordinaten der neueren italienischen Dichtung aufzusuchen. Waren es in den Begegnungen mit Franco Loi und Antonella Anedda, mit Milo de Angelis oder Fernando Bandini die italienischen Autoren, die einen Weg in das in beiden Sprachen bewanderte Publikum fanden, so ist nun dem Tandem aus italienischen und deutschen Dichterinnen zu vertrauen: Die Reihe „Denkwürdige Destillate" wird, unter diesen Prämissen, im Frühling 2010 an drei verschiedenen Abenden einige der vielschichtigsten und ästhetisch eigenwilligsten Stimmen der deutschen und italienischen Poesieszene in der Galerie Museum in Bozen begrüßen und sprachliche Aggregatzustände wie dichterische Haltungen kühn vermischen.
Den diesjährigen Auftakt macht die römische Dichterin Patrizia Cavalli, die 1974 mit dem, Elsa Morante gewidmeten Band Le mie poesie non cambieranno il mondo debütierte und heute, nach Zyklen wie Sempre aperto teatro (Turin, 1999) oder Pigre divinità e pigra sorte (Turin, 2006) von Philosophen, Kritikern und Leserinnen gleichermaßen geschätzt, die italienische Dichtung der zweiten Jahrhunderthälfte wie kaum eine andere ihrer Generation zu prägen vermochte. Der jüngst erschienene, zweisprachige Auswahlband Diese schönen Tage (Hanser Verlag, Übersetzung: Piero Salabé) ist ein Grund mehr, die Dichterin in Bozen zu begrüßen und mit ihr Bilanz aus über 30 Jahren poetischer Tätigkeit zu ziehen.
Den zweiten Abend (9. 4.) wird die vielseitige Wortkünstlerin, Performerin und streitbare Literaturtheoretikerin Ann Cotten (* 1982) aus Berlin mit dem seit den 50ern in Rom lebenden, im slowenischen Fiume geborenen Valentino Zeichen bestreiten, dessen jüngstes Buch, Neomarziale (Mailand, 2006), eine ironisch-epigrammatische Auseinandersetzung mit dem wahlverwandten Dichter Martial, bei Mondadori erschienen ist. Gemeinsam mit der Dichterin und Romanautorin Marion Poschmann (*1969), deren neuer Band Geistersehen in wenigen Wochen bei Suhrkamp erscheint, liest am 16. 4. der 1945 in Mailand geborene, seit dem Debütband Il Disperso aus der italienischen Poesielandschaft nicht mehr wegzudenkende Dichter, Kritiker und Verlagsbeauftragte Maurizio Cucchi, dessen jüngste Veröffentlichung Vite pulviscolari (Mailand, 2009) zu den wichtigsten Titeln des vergangenen Bücherherbstes gehört.