1950 in Paris geboren, promovierte in Sinologie und lebt als Dichterin, Übersetzerin und Wissenschaftlerin in Südfrankreich. Mit Louis Roquin leitet sie den Verein „Les arts contigus“, der sich mit der Begegnung und Gegenüberstellung diverser künstlerischer Ausdrucksweisen beschäftigt: Literatur, Bildhauerei, Musik, Tanz, Installation. Lange Zeit war sie Mitglied der Gruppe Oulipo. Michèle Métail schreibt, photographiert und stellt ihr Werk in Performance vor. Aktuell auf Französisch erscheint 2009 in ihrem Stammverlag Tarabuste der Band „La route de cinq pieds“. Auf Deutsch veröffentlichte sie Einzelpublikationen bei DAAD (Gehen und Schreiben, 2002) und in der Edition Korrespondenzen (2888 Donauverse, 2006).
1941 in Paris geboren, lebt als Klang- und Bildkomponist und Trompeter in Lasalle in Südfrankreich. Sein Werkverzeichnis beinhaltet mehr als 200 Werke mit Kompositionen für ein Klangumfeld oder für 26 Gongs ebenso wie für diverse Besetzungen. Roquin, der u.a. bei Pierre Schaeffer studiert hat, nähert sich Musik teils über Bild und Text, fertigt Kalligraphien und erfindet Musik für Einbildungskraft, so zuletzt eine „Kosmophonie der unsichtbaren Welten“. Die Konzeption als spielerisches Stück und der graphische Eigenwert sind ihm gleich wichtig.
Zum Buch und zur Performance:
Seit 1973 werden viele Gedichte von Michèle Métaile nicht schriftlich hinterlegt, sondern nur mündlich in Lesungen dem Publikum vorgestellt: Publications orales. Der schriftliche Text gilt dabei als Partitur, der Prozess der mündlichen Widergabe als kreative Endstufe des Schreibens. Ihre Lesetätigkeit beruht auf einer musikalischen Annäherung an die Sprechstimme und berücksichtigt verschiedene Parameter: Vortrag, Stärke und Ton. Diese besondere Eigenart ihres Werkes und ihr zugrunde liegende Überzeugung, dass „der Wurf des Wortes in den Raum die höchste Stufe des Schreibens darstellt“.
Mandibule, Mâchoire (Übersetzung Elfriede Czurda und Thomas Kling) ist ein Versuch, die Spuren der Sprache im Körper, im Atem zu finden; Roquin spielt dazu eine Musik als Mandibule Musique aus trockenen Klängen für seltenes Schlagwerk.
La route de cinq pieds (Übersetzung Ulrike Draesner) ist ein Langgedicht, das auf die zahlreichen Aufenthalte der Autorin in China rekurriert und in einer aus der klassischen chinesischen Lyrik übernommenen Fünf-Silben-Metrik gefertigt ist. Der Text öffnet sich für einen dynamischen Prozess der Wahrnehmung auch in andere Zeichensysteme: Klangaufnahmen und Fotos aus China, aber auch Reaktionen anderer Künstler auf den Text (so hat eben Roquin eine Musik komponiert, die er selbst auf diversen von diesen Reisen mitgebrachten Instrumenten spielt.)
Pressestimmen:
Michèle Métails Verse kennen kein lyrisches Ich, keine Expressivität, keine Stimmungs- und Gefühlsäußerungen. Es sind kombinatorische Exerzitien. Das im unendlichen Sprachfluss angeschwemmte Wortgut wird in monoton strukturierten Versen geborgen, wird sortiert und neu montiert zu Textzeilen, die einmal die Verquertheit dadaistischer Schöpfungen besitzen, einmal den Charme des Wörterbuchs. Die von der "Flechte des Schuppens" zum "Tableau des Visionärs", von "der Respektlosigkeit der Frechheit des Balgs der Blase der Pustel des Pickels" bis zu der "Schönheit des Liebhabers der Leidenschaft der Leichtfertigkeit der Unverschämtheit der Zügellosigkeit mäandernden Wortströme der "Donauverse" sind nur ein Kapitel eines die Grenzen der Rezeptionsfähigkeit sprengenden Projekts von Konzeptkunst, dem es um nichts weniger geht als um die unaufhörliche Zustandsbeschreibung der Sprache - durch sie selbst. (Ö1, 22.01.07)
Aus „Mandibule, Mâchoire“
rachen, mund
ausstossen
atemlos
eines leidens
oder auch
öffnen
um es zu zerstören
zu unterdrücken dieses
blutige, mörderische
nicht erklärte
meistens zwischen
ungestalten stücken
hinterhalt
infolgedessen
in aufgeschmolzenem zustand
dieser zwangsvorstellung
sonst ( nicht)
mit anderen
und auf unbesonnene art
klage
wie sie rauskommt
in sicherer gefahr
rausrutschen lassen
um zu dienen
(auf frischer tat)
gegen missbräuche, gegen ungerechtigkeiten
( Übersetzung: Thomas Kling)