Sonntag, 28.08.2011
20.00 Uhr Eröffnung
Begrüßungen: Dr. Armin Gatterer, Amt für Kultur der Landesregierung Südtirol, Bürgermeister Dr. Harald Stauder,
Klaus Hartig und Christine Vescoli
Jury Andruchowytsch: "Perversion" (Suhrkamp 2011)
Gespräch: Jury Andruchowytsch mit Klaus Hartig und Christine Vescoli
Buffet
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Juri Andruchowytsch gehört zu den wichtigsten intellektuellen Stimmen der Ukraine und stellt als poeta politicus wie kaum ein anderer die Frage nach den Entwicklungen seines Landes an der Grenze Europas in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Von ungeheurer Resignation über den Zerfall einer postsowjetischen ukrainischen Gesellschaft, der er einen Rückfall in autokratisches Herrschaftsdenken nach sowjetischen Mustern attestiert, sucht Juri Andruchowytsch dennoch nach demokratischen Möglichkeiten für sein Land inmitten „unlösbarer Aporien", geprägt vom reichen kulturellen Erbe und jahrzehntelanger politischer Bevormundung durch die Sowjetunion.
In einem Interview sagte er einmal: „Es ist mein Territorium, meine verdächtige und gering geschätzte Welt, die Wehrmauern rings herum sind längst eingestürzt, die Gräben mit historischem Gerümpel und Kulturschutt, mit zerbrochenem Porzellan, schwarzer Keramik aus Havaretschyna, huzulischen Kacheln aufgefüllt; meine Verteidigungslinie - das bin ich selbst, und ich habe keinen anderen Ausweg, als diesen Streifen, diesen Flecken, diese Flicken zu verteidigen, die nach allen Seiten zerfasern."
Im neuen Roman „Perversion" wird Stanislav Perfecki, ein Held des ukrainischen Underground, Dichter und Happening-Künstler, zu einem internationalen Symposion über den postkarnevalistischen Irrsinn der Welt in Venedig erwartet. Unterwegs in die Lagugenstadt, gerät er in die Fänge von Bohemiens im dekadenten München, verliebt sich in eine Frau, die jemand als Spitzel auf ihn angesetzt hat, und wird in dämonische Intrigen und erotische Exzesse verstrickt.
Am offenen Fenster des Hotels am Canal Grande verliert sich Perfeckis Spur. Hat dieser Künstler der Masken, der Fälschungen, Verdrehungen und anderer „Perversionen" sein Verschwinden nur inszeniert? Fest steht: Wie in Bulgakows Der Meister und Margerita, Andruchowytschs „Musterbuch, bricht das Übersinnliche in die Alltagswirklichkeit ein und übernimmt die Regie.
Rabelais und Bachtin, Bulgakow und Esterházy haben Pate gestanden, als in der Ukraine die literarische Postmoderne in Gestalt dieses Buches das Licht der Welt erblickte. Ein entfesseltes Spiel mit Formen, Stilen, apokryphen Traditionen - ein Lektüre-Abenteuer für alle, die lieber lachend mit der Literatur über das Leben triumphieren, als an ihm zu verzweifeln.
Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk / Westukraine, studierte in Lemberg und Moskau und lebt nach Aufenthalten in Westeuropa und den USA heute wieder in Iwano-Frankiwsk. Für seinen Roman Zwölf Ringe (2005) wurde er mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2006 ausgezeichnet.
Zuletzt auf Deutsch: Engel und Dämonen der Peripherie (2007), Geheimnis (2008).
Die „Kulturtage Lana" finden in diesem Spätsommer 2011 zum 26. Mal statt. Sie setzen die Blickrichtung der vergangenen Jahre fort und nehmen demnach den politischen Bezug von Literatur und Sprache auf, der ihre Ästhetik nie an eine pure Autonomie bindet, sondern immer an den Menschen, der durch sie spricht - oder durch den Sprache und Literatur sprechen.
Die „Kulturtage Lana 2011" fragen nach den Leerstellen, die vornehmlich kommunistische Utopien im 20. Jahrhundert hinterlassen haben; sie fragen aber auch nach den Lücken, die einer Zeit zerschlagener und desillusionierter Weltbilder bleiben und die frei werden für die Erprobung neuer poetischer oder existentieller Entwürfe.
Grundstein der diesjährigen Literaturtage ist eine Hommage an den großen serbokroatischen Schriftsteller Danilo Kiš (1935 - 1989). Er war Sohn einer Montenegrinerin und eines jüdischen Vaters, der in Auschwitz umgekommen oder verschwunden war. Das Werk Danilo Kis` gründet in den Erfahrungen von Faschismus und Holocaust, von Stalinismus und dem Jugoslawien vor dem Fall der Berliner Mauer. Eine beschädigte Kindheit sowie die Absurdität von totalitären Systemen, von Krieg und Terror im Nacken, schafft Danilo Kiš eine Literatur, die exemplarisch zum Appell und Gegenentwurf totalitärer Macht wird. Bestürzend komplex, grausam und schön verdichtet sie Faktizität und Fiktion, Politisches und Poetisches, Tragödie und Ironie, ist höchst skrupulöse Annäherung an die Geschichte als Gegenwart. Jeder Ideologie Feind, hält sie sich auch jeder ästhetischen fern und bezieht daraus nicht zuletzt ihr sprachliches Bewusstsein.
Aus solcher Betrachtung leitet sich eine wesentliche Frage der diesjährigen „Kulturtage Lana" ab: Von welcher Beschaffenheit ist Sprache, wenn sie zum totalitären Missbrauch ebenso tauglich ist wie zum Mittel der Befreiung und unzerstörbaren Hoffnung?
Und was wiederum bedeutet sie für das Sprechen von Minderheiten, für das Sprechen in einer anderen Sprache, für das Sprechen mit dem Blick des Fremden, sofern Fremdheit immer auch existenzielle Bruchstellen mit einschließt?
Besonders sensibel, aber auch besonders gefährlich sind solche Fragen nach der Bedeutung von Sprache und deren Herrschaft in Rand- und Grenzgebieten oder in Ländern, die von vielen Sprachen und vielen Völkern geprägt sind. Exemplarisch dafür war das Jugoslawien von Danilo Kiš, dessen Zusammenbruch er in mahnender Warnung vor dem Krieg vorausgesehen hatte, exemplarisch dafür ist die Vojvodina, in der Deutsche, Ungarn, Juden, Serben, Rumänen, Slowaken zusammenlebten, exemplarisch dafür ist das Siebenbürgen Rumäniens, das von Deutschen, Ungarn und Rumänen besiedelt war, exemplarisch dafür ist Lviv (Lemberg) in der Ukraine, wo über Jahrhunderte Polen, Juden, Deutsche, Ukrainer und Russen lebten.
Die „Kulturtage Lana" versammeln mit Juri Andruchowytsch aus Lviv (Ukraine), mit dem Serben Dragan Aleksic aus der Vojvodina, mit Lászlo Végel als Angehöriger der ungarischen Minderheit der Vojvodina, mit György Dragoman, ursprünglich der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen angehörig, sowie mit Ernest Wichner, ursprünglich Angehöriger der deutschen Minderheit in Siebenbürgen Autoren europäischer Randgebiete, die zeigen, wie Utopien glücklicher Zusammenleben zerschlagen werden und in Gewalt verkehren, sobald politische und ideologische Kontrolle greift und ungewisse Identitäten nicht duldet.
Nun kann Sprache, auch literarische, unbeschädigt und unbeschadet, auch unpolitisch oder utopisch nie sein. Doch birgt sie gerade in der erprobten Berührung mit anderen Sprachen und in den Bezügen zur Erinnerung an das Gegebene immer wieder die Möglichkeiten, die Lücken, Irrläufe oder Ungewissheiten, die ein Höchstmaß an Realitätsgehalt besitzen, zu denken.
Die „Kulturtage Lana" laden mit mehrsprachigen Literaturen dazu ein!
PROGRAMM
Sonntag, 28.08.2011
20.00 Uhr Eröffnung
Begrüßungen: Dr. Armin Gatterer (Amt für deutsche Kultur), Dr. Harald Stauder (Bürgermeister von Lana), Prof. Elmar Locher (Präsident der Bücherwürmer Lana);
Klaus Hartig und Christine Vescoli (Kuratoren)
Jury Andruchowytsch: Perversion (Suhrkamp 2011)
Gespräch: Jury Andruchowytsch mit Klaus Hartig und Christine Vescoli
Buffet
Montag, 29.08.11
18.00 Uhr Enzyklopädie der Toten
In memoriam Danilo Kiš. Hommage an den serbokroatischen Dichter
mit Ilma Rakusa
19.00 Uhr: Lesung aus dem Gesamtwerk von Danilo Kiš
Pause und Buffet
20.00 Uhr: Gespräch: Ilma Rakusa, Jury Andruchowytsch, Lászlo Végel, Dragan Aleksić
21.00 Uhr: Film: „Fövenyóra /Sanduhr" von Szabolcs Tólnai (90 ´, Ungarn 2007)
Dienstag, 30.08.11
19.00 Uhr
Lászlo Végel: Bekenntnisse eines Zuhälters (Matthes & Seitz 2009)
Übersetzung und Gespräch: Lacy Kornitzer
20.00 Uhr
Dragan Aleksić: Vorvorgestern, Geschichten, die vom Glück handeln (Matthes & Seitz 2011)
Übersetzung und Gespräch: Mirjana und Klaus Wittmann
21.30: Gespräch: „Heimweh nach (Mittel)Europa" mit Lászlo Végel, Dragan Aleksić und Mirjana und Klaus Wittmann
Mittwoch, 31. 08. 2011
19.00 Uhr
Lyrik aus Rumänien mit Rita Chirian, Iulian Tanase und Ernest Wichner
21.00 Uhr
György Dragomán: Der weiße König (Suhrkamp 2010)
Übersetzung: Laszlo Kornitzer
22.00 „Aus nichts schafft Gott, wir schaffen aus Ruinen" Literarische Standortbestimmungen in Südosteuropa mit Laszlo Kornitzer, György Dragomán und Ernest Wichner