Klaus Merz, Angelika Reitzer

13.05.2009, 20:00

 

"Der Argentinier" (Haymon 2009) und "Frauen in Vasen" (Haymon 2008)

Einführung: Christine Vescoli

Werkbank, Am Gries 20, Lana

 

Klaus Merz

geboren 1945 in Aarau, lebt in Unterkulm/Schweiz. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Hermann-Hesse-Literaturpreis 1997, Gottfried-Keller-Preis 2004, Aargauer Kulturpreis 2005, Werkpreis der schweizerischen
Schillerstiftung 2005.
Veröffentlichungen (Auswahl): Am Fuß des Kamels. Geschichten & Zwischengeschichten (1994); Kurze Durchsage. Gedichte & Prosa (1995); Jakob schläft. Eigentlich ein Roman (1997); Kommen Sie mit mir ans Meer, Fräulein? Roman (1998); Garn. Prosa & Gedichte (2000); Adams Kostüm. Drei Erzählungen (2001); Das Turnier der Bleistiftritter. Achtzehn Begegnungen (2003); Löwen Löwen. Venezianische Spiegelungen (2004); LOS. Roman (2005); Priskas Miniaturen. Erzählungen 1978–1988 (2005); Der gestillte
Blick. Sehstücke (2007); Der Argentinier. Novelle (2009).

Angelika Reitzer

Wien


Geboren 1971 in Graz, Studium der Germanistik in Salzburg und Berlin; verschiedene Arbeiten im Kunst- und Kulturbereich, lebt in Wien. Schreibt Prosa, Lyrik und dramatische Texte.
Veröffentlichungen bislang in Literaturzeitschriften
und Anthologien; österreichisches Staatsstipendium
für Literatur, Manuskripte-Literaturförderungspreis,
Hermann-Lenz-Stipendium 2007 u.a. Taghelle Gegend ist Reitzers Debütroman, für den sie für den aspekte-Literaturpreis 2007 nominiert wurde. Der Text, den sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2008 gelesen hat, ist im Prosaband Frauen in Vasen (2008) erschienen.

ZUR VERANSTALTUNG
Klaus Merz: Der Argentinier
Als Lenas Großvater kurz nach dem Zweiten Weltkrieg das Schiff nach Buenos Aires besteigt, fährt er dem Abenteuer entgegen, auf der Suche nach einer neuen Welt, die ihm nicht so müde und verbraucht erscheint wie das alte, verstörte Europa. Doch ein hartnäckiger Heuschnupfen zwingt ihn schon bald, seinen Traum vom freien Leben als Gaucho zu begraben. Stattdessen begegnet er der Kunst des Tangos und jener der Liebe. – Zwei Jahre später kehrt er dennoch wieder zurück in sein Heimatland und an die Seite von Amelie, die unbeirrt auf ihn gewartet hat. Die Erinnerung an seine Zeit in der Fremde, die ihn zum »Argentinier« gemacht hat, hütet der Schweizer wie einen Schatz – und erst nach seinem Tod lüftet sich das Geheimnis.
Unaufgeregt und mit zarter Ironie zeichnet Klaus Merz aus der Perspektive der Enkelin das Leben eines Mannes
nach, das stets einem wunderbaren Eigen-Sinn verpflichtet war.
Angelika Reitzer: Frauen in Vasen
Seit das sogenannte Leben der Protagonistinnen in Angelika Reitzers Erzählungen begonnen hat, seit man von ihnen erwartet, dass sie erwachsen geworden sind – seither will das Unterwegssein nicht mehr enden, scheint das Mögliche unerreichbar.
Gerade noch in einem Zimmer in Berlin, dann auf einem Markt in Tanger und schon wieder unterwegs, von einem Kontinent zum anderen, von einer schillernden Möglichkeit zur nächsten. Filmischen Sequenzen gleich folgt der Leser diesen Szenen eines Lebens, das dem ständigen Wandel unterworfen und doch nur das Bild unserer Zeit ist zwischen Freelancing und Sicherheit, Patchwork und Zweisamkeit, Selbstbestätigung und Ausbeutung.
Angelika Reitzer versteht es, in konzentrierter wie leichter Sprache ihre Geschichten poetisch auszuleuchten und eine tiefe Ahnung zu vermitteln, wie Leben ist und immer wieder sein könnte

 

PRESSESTIMMEN
Zu Klaus Merz: Der Argentinier
»Klaus Merz schafft ein vielschichtiges Textgeflecht, mit Dokumenten wie Fotografien und Notizen, die historische
Schlaglichter auf die Schweiz und Argentinien nach dem Zweiten Weltkrieg werfen. Heimat und Fremde lassen sich zugleich als mythische Zonen lesen, die aus seinem scheinbar schlafwandlerischen Gefühl für den Tanz der Motive, für den Rhythmus der Sprache, für das Poetische im Zusammenspiel der Wörter heraus
wachsen.« (Buchjournal, Christine Lötscher)


»Klaus Merz, ein Meister der kleinen Form, bleibt sich treu. Sein jüngstes Buch ist eine Hommage an einen, vom dem es heisst, er sein ein turnierreifer Tangotänzer gewesen. (…) Merz’ wiederum erwiesene Stärken als Schriftsteller liegen in seiner Liebe zum Menschen, seiner Empfindsamkeit für Tod und Trauer (…) und in seinem Gespür für den Kern einer Geschichte, den er Schicht um Schicht freilegt.« (Der Bund)


Zu Angelika Reitzer:
»Auf einen klassischen Plot kann Angelika Reitzers Prosa locker verzichten, weil sich große Geschichten genauso gut durch Nebenschauplätze, in Bruchstücken und mit zufällig gewählten Ausschnitten erzählen lassen.
Schon gar mit einer traumwandlerischen Sicherheit und beeindruckend sparsamer Poesie, wie sie diese österreichische Autorin an den Tag legt. (…) Ein stilles betörendes Lied, dessen Echo noch lange nachhallt, wenn der Buchdeckel längst zugeklappt ist.« (Die Presse, Spectrum)


»Mit zehn Prosastücken und sechs eingestreuten Kurzgeschichten hat sich Reitzer augenfälligen Verwerfungen
der brüchigen Gegenwart verschrieben und unterstreicht dabei ihr Flair für dicht gewobene Texte, die geschichtete Wahrnehmung fernab linearer Geradlinigkeit aufbringen.« (Aargauer Zeitung)

AUS KLAUS MERZ: Der Argentinier

Im Lauf seiner schlimmsten Nacht auf hoher See biss Grossvater ins Bild seiner Liebsten, die er in Europa zurückgelassen hatte, und erfuhr Linderung dadurch. Sie hatte am Tag seiner Abreise versteinert am Gleis gestanden, als er im Frühzug an ihrem Elternhaus vorbeigedonnert war und sein Taschentuch im Wind hatte flattern lassen. Am Morgen nach der stürmischen Nacht an Deck der alten »Virginia« kroch er auf allen vieren vor bis zur Reling, das Meer lag da, als ob nichts gewesen wäre, er übergab sich ein weiteres Mal und atmete durch.
Die Überfahrt auf dem Frachter hatte ihn schnell gelehrt, geschehen zu lassen, was geschah: Wind, Wetter,
die Launen des Kapitäns, das Fluchen der Heizer. Die eisernen Magenkrämpfe bei stürmischer See. Er schmeckte Rost im Mund und liess es sich nicht anmerken. Ein Matrose verlor beim Vertäuen der losgerissenen
Fracht zwei Finger der rechten Hand. Drei Wale folgten dem Schiff, drei Fontänen.
Als er nach Wochen in Buenos Aires an Land ging, wankte der Boden unter seinen Füssen noch tagelang.
Der Matrose mit der bösen Hand wurde fiebernd von Bord getragen. Grossvater trug seine kleine Erbschaft in einen Stoffbeutel genäht nah am Körper. Amelie aber war unkenntlich geworden auf der Fotografie: Ich habe deine Bisse gespürt bis ins Herz, jeden einzelnen, schrieb sie ihm in einem Brief, der die Neue Welt nie erreichen sollte.
Im selben Briefumschlag hatte auch ein neues Bild von Amelie gesteckt, das sie in Ermangelung einer aktuellen Fotografie aus einem Gruppenbild ihrer Konfirmation herausgeschnitten hatte. Da sie am Rand der kleinen Schar stand, musste sie mit dem scharfen Rasiermesser, das Vater in der Küche zurückgelassen hatte, niemanden ernstlich verletzen. Ein neues Bild wäre ihr zwar lieber gewesen, aber dieser Brief eilte, und das Fotografieren war teuer. Immerhin hatte sie zur Konfirmation ihre Zöpfe schon abgeschnitten, und sehr viel älter war ihr Gesicht in den vergangenen vier Jahren nicht geworden, das hatte sie im Toilettenspiegel genau überprüft, die Lippen auf dem Bild mit einem zungenfeuchten Farbstift leicht rot koloriert.