Katja Lange-Müller ist 1951 in Ostberlin geboren. Sie lernte Schriftsetzerei, arbeitete später als Hilfspflegerin auf psychiatrischen Stationen, lebte ein Jahr in der Mongolei und verließ die DDR 1984, fünf Jahre vor dem Mauerfall. 1986 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 1995 den Alfred-Döblin-Preis für ihre zweiteilige Erzählung »Verfrühte Tierliebe«, 2002 den Preis des ZDF, des Senders 3 sat und der Stadt Mainz, 2005 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor und 2007 Finalistin beim deutschen Buchpreis. Werke u.a.: »Kasper Mauser – die Feigheit vom Freund« (1988); »Verfrühte Tierliebe« (1995); »Die Letzten« (2000); »Biotopische Zustände« (2001); »Preußens letzte Pioniere« (2001); »Stille Post« (2001); »Die Enten, die Frauen und die Wahrheit« (2003); »Der nicaraguanische Hund« (2003); »Böse Schafe« (2007).
»(...) Aber Liebe macht blind, das weiß jeder. Erhellend ist schon fast ein zu schwaches Lob für Katja Lange-Müllers grandiosen Roman über eine hoffnungslose und auf wundersame Weise wohl doch erfüllte Liebe um die Wendezeit im runtergekommenen Berliner Westen zwischen Moabit und Kreuzberg. Fesselnd, sehr witzig und unendlich traurig zugleich, kühl beobachtend und voller Mitgefühl für die beiden Hauptfiguren. Treffend auch der Titel dieses Ausnahmeromans: »Böse Schafe«.« (Thomas Borchert, Stuttgarter Zeitung)
»Dieses Buch selbst ist ein Glück...eine jener großen Liebesgeschichten, wie sie in der Literatur aller Zeiten rar waren und sind.« (Ingo Schulze, Der Spiegel)
»Traurig, wahr, von großer Wucht: Katja Lange-Müller erkundet in ihrem großen Roman, wie weit Hingabe tatsächlich gehen kann. Dieses Buch ist eine nackte Wahrheit, aber diese Nacktheit ist eine poetische Kraft.« (Ijoma Mangold, SZ )
»Die Geschichte von Soja und Harry hatte gut angefangen. Gut ausgehen konnte sie nicht. Dafür ist sie – als Literatur – gut geworden, ganz ausgezeichnet sogar.« (Martin Lüdke, Frankfurter Rundschau)
»Katja Lange-Müller reiht sich mit »Böse Schafe« endgültig unter die bedeutendsten deutschen Gegenwartsautoren ein.« (NDR)
»Ein Bekenntnis zur Unbedingtheit der Liebe, ein Buch über Berlin, den Fall der Mauer und ein Buch über die Sucht, die stärker ist als jeder Versuch, die Vernunft einzusetzen.« (Verena Auffermann)
»Katja Lange-Müller kann wirklich von der Liebe und der Sucht erzählen. Ohne Melodramatik, ohne Tremolo, aber immer mit einem lebensklugen Ton über das Tragikomische in unserem modernen Leben. Ein besonderes Buch.« (NDR Kultur)
»Die beiden und ihre Liebesgeschichte interessieren einen schon nach wenigen Seiten so sehr, dass man das Buch kaum mehr weglegen möchte. Was auch an Lange-Müllers lebensnaher, gelenkiger Sprache liegt. ...Ein herausragendes Buch.« (Spiegel Online)
»Voll klarer Erkenntnis, so ohne Bitterkeit lässt dieses Buch den Leser zurück, dass man nur staunen kann und bewundern. Böse Schafe ist die Chronik einer unmöglichen Beziehung – eine letzte Ansprache an den Geliebten, ein großer Monolog der Abschiednehmens. Ganz unbestechlich und dabei ohne jeden moralischen Urteilsdrang wie die Autorin beim Schreiben sollte man auch an die Lektüre herangehen – dann wird man viel gewinnen.« (Anke Westphal, Berliner Zeitung)
»Am Ende dieses so hinreissenden wie anrührenden Romans angelangt, möchte man – allein, um der Erzählerin noch eine Weile zuhören zu können – gleich wieder von vorne beginnen.« (Neue Züricher Zeitung)
»Katja Lange-Müller erzählt die Geschichte von Soja und Harry schnörkellos knapp mit trockenem Humor. Das zeugt von hoher Kunst. »Böse Schafe« ist ein ergreifender, großartiger Roman.« (Heide Soltau, NDR Info Kultur)
Kiepenheuer & Witsch, 2007
Westberlin im Jahr 1987: Soja, gelernte Setzerin, Republikflüchtling, Aushilfsblumenhändlerin mit weitem Herzen, trifft Harry, groß, frei, still-entschlossen, abgründige Vergangenheit, düstere Zukunft. Und fortan bestimmt sein Schicksal ihr Leben.
Katja Lange-Müller, vielfach ausgezeichnete Meisterin der Erzählung, greift dem Leser mit diesem lange erwarteten Roman ans Herz: Einfühlsam, komisch und in einer melancholischen Tonlage erzählt sie davon, wie eine unglückliche Liebesgeschichte das größte Glück im Leben sein kann und liefert fast nebenbei ein atmosphärisch dichtes Porträt des geteilten, stillstehenden Berlins der 80er-Jahre.
Seit ich, die Topographie des Ostteils im Gedächtnis, durch den Westteil Berlins laufe, weiß ich, diese Stadt ist tatsächlich eine; die auf beiden Seiten übriggebliebenen Häuser ähneln einander ebenso wie die nach dem Krieg hinzugekommenen. Berlin, Ost und West, erinnert mich an ein Verlegenheitsgeschenk, eine Schachtel Kaufhauskonfekt, die dann wochenlang unbeachtet herumsteht, weil ihr Inhalt nicht besonders schmackhaft (hier würden sie sagen »lecker«) ist. In den Mulden des Plastikreliefs hocken, graubeschlagen oder angeknabbert und freudlos zurückgelegt, rechts die nackten Pralinees und links die golden eingewickelten, die, aus der Folie geschält, den anderen gleichen – haargenau, könnte man sagen, wenn Pralinen Haare hätten.
Und auf einem Kalenderblatt vom vierzehnten März 1987, das als Lesezeichen in eben jenem Buch lag, hatte ich noch folgende zwei Sätze notiert:
Ich laufe umher, sehe Menschen und denke: der und der und die und die ..., wie ich kamen sie irgendwann hier an, um gleich weiter- oder wieder abzureisen, spätestens mit dem letzten Zug. Aber alle Züge waren längst weg, und der letzte ist nie losgefahren; seither sind wir auf dem Bahnhof unterwegs, und der heißt Westberlin-Zoologischer Garten.
»Ich Harry, das Benno«, sagtest du, einen Knicks, keinen Diener andeutend. Und ich bin Soja, ergänzte ich – ziemlich unwillig, weil ich befürchtete, nun würde, wie beinahe jedesmal, wenn ich mich hier im Westen jemandem vorstellte, gleich wieder das Kichern ausbrechen. – »Soja? Ach, und wie weiter? Bohne oder Soße?!« Nur einmal versuchte ich daraufhin zu erklären, daß nicht ich für meinen Vornamen verantwortlich sei, sondern meine Mutter, denn sie habe, auch und gerade »in den schweren Stunden« ihrer »ersten Niederkunft«, an ihr Idol denken müssen, »die von den deutschen Faschisten hingerichtete Partisanin Soja Kosmodemjanskaja«, die mir als »Leitstern den Lebensweg leuchten« sollte – und noch größere Heiterkeit schlug mir entgegen.
Ihr aber lachtet nicht mehr als zuvor. »Und, Soja«, sagtest du, »was ist? Wollen wir einen Kakao trinken gehen?«