Juri Andruchowytsch

21.10.2010, 20:00

 

 

Juri Andruchowytsch (Ukraine): Geheimnis (Suhrkamp 2009)

 

Einführung und Gespräch: Erich Klein

Die deutsche Übersetzung liest Joseph Zoderer

 

Im Eurocenter der Industriezone Lana
Ausstellungshalle von Arnold Dallo'O und Ulrich Egger

 

 

 

Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk/Westukraine, dem früheren galizischen Stanislau, studierte Journalistik und begann als Lyriker. Exotische Vögel und Pflanzen (1991; mit einem Zusatz "Indien" 1997). Dt. u.d.T. Spurensuche im Juli. Reichelsheim 1995. Übersetzungen aus dem Russischen, Polnischen, Englischen und Deutschen. 1985 Mitbegründer der legendären literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Buffonada). Mit seinen drei Romanen Rekreacij (1992), Moskoviada (1993), Perverzija (1999) ist er unfreiwillig zum Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur geworden. In den drei Romanen erklärt er das Niemandsland zwischen West und Ost zum heimlichen Mittelpunkt Europas. Im jüngsten Essayband "Engel und Dämonen an der Peripherie" erfolgt eine maritime Neuverortung der westukrainischen Hauptstadt Lemberg: "Lwiw ist auf einer Wasserscheide erbaut, hie sind gliech zwei Meere verbunden: - das Schwarze Meer (Arginauten, Odessa, Istambul) und die Ostsee (Bernstein, Schiffskiefern, Tallin und Stockholm)."
2000 erschien in Polen Mein Europa (mit Andrzej Stasiuk), Ergebnis einer gemeinsamen Reise durch den unbekannten europäischen Osten. Die deutsche Übersetzung erschien im Mai 2004 in der edition suhrkamp.
Andruchowytsch wurde mit dem Sonderpreis des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises 2005 der Stadt Osnabrück ausgezeichnet. Der Schriftsteller vermittle mit seinen brillanten Essays einen wichtigen Beitrag zur Entdeckung einer nahezu unbekannten Region im erweiterten Europa, hieß es in der Begründung.
Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Völkerverständigung 2006  wurde Juri Andruchowytsch im März 2006 anlässlich der Eröffnung der Leipziger Buchmesse verliehen.

 

 

Juri Andruchowytsch gehört zum Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur, dessen Stimme zu einem Statement kultureller und politischer Selbstbehauptung des Landes und Europas geworden ist. Einmalig vermag er es, Burleske und Politik zu einem „postmodernen magischen Realismus" zu verbinden und dabei sinnlich-paradoxe Literaturen zu entwerfen, die geschichtliche Ruinenstätten, osteuropäische Gegenwarten und die Brücke zwischen den beiden Polen als poetische, vielleicht auch politische Traumwirklichkeiten erkennen lassen. Der exzessive Dialog in „Geheimnis", der Juri Andruchowytsch mit seinem Leben und Schreiben konfrontiert, ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte. Sieben Tage lang sprechen Egon Alt und Juri Andruchowytsch über Habsburg im Sowjetlook, über Bahnhöfe, Grenzpfähle und vergessene Träume, über verbotene Musik, Rekruten in der Roten Armee und die legendären Happenings der Performance-Gruppe BuBaBu. Sieben Kapitel "über mich und die Zeit, in der ich lebe", wie der 48jährige Juri Andruchowytsch im Vorwort zu seinem neuen Buch schreibt. Von der Katastrophe im Jahr 1969, als Dynamo Kiew gegen Spartak Moskau verlor, bis zu dem Moment, als Breschnews Sarg mit voller Wucht ins Grab knallte, vor Millionen Fernsehzuschauern in der ganzen Sowjetunion, deren Zusammenbruch sich hiermit ankündigte. Vom Putsch in Moskau bis zur orangen Revolution und der Katerstimmung danach: Der exzessive Dialog, der ihn mit seinem Leben und Schreiben konfrontiert, ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte. Selten greifen Privates und Politisches so eng ineinander wie in diesem ironischen Porträt eines Autors, der sich selbst nicht über den Weg traut.

 

»Die knapp vierhundert Seiten lesen sich atemberaubend spannend, was sich ebenso dem Erzählten wie der Erzählweise verdankt. ... Wut ist neben Liebe, Begeisterung, Melancholie und Ironie eine unabdingbare Ingredienz von Juri Andruchowytschs eigenwilligem, lebensprallem Bekenntnisbuch. Wut als Zeichen von Vitalität und als rebellisches Hinterfragen ost-westlicher Stereotypen. Wer heute besorgt auf die Ukraine blickt, tut gut daran, sich in »Geheimnis« zu vertiefen. Er wird auf erschütternde Paradoxien treffen und zugleich auf so viel Poesie und Witz, dass es ihm bisweilen die Sprache verschlägt. Andruchowytschs rastlos kreativer Geist hält es nämlich trotz allem mit der Hoffnung. »Ich finde, wir haben unheimliches Glück im Leben, stimmt's?« Nach aufregenden vierhundert Seiten ein versöhnliches Schlusswort.«
Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung


Erich Klein, Autor, Übersetzer und großer Kenner der osteuropäischen Kultur und Literatur, wird in die Literatur von Juri Andruchowytsch einfürhen und in Anschluss an die Lesung ein Gespräch mit ihm führen.
Erich Klein: In einem Essay sprechen Sie von der Notwendigkeit, die Vergangenheit von der Zukunft und die Zukunft von der Vergangenheit zu befreien. Warum wollen Sie die Geschichte loswerden?
Juri Andruchwowytsch: Es geht mir nicht darum, rein geschichtswissenschaftliche Texte zu schreiben, die für mich grudnsätzlich interessant sind; mehr interessiert mich aber das, was ich von heute aus interpretieren kann. Die vergangenheit ist ein wichtiger Teil der menschlichen Struktur - ohne diese Komponente wäre sie höchst gefährdet. Michhaben immer Brücken interessiert, die mich mit dem Teil der Welt, in der ich lebe, und einem anderen, der zum Beispiel Europa heißt, verbinden - selbst wenn diese Brücken nicht mehr existieren.
(Aus: "Eine unlösbare Aporie der Ukrinie" in: Graue Donau, Schwarzes Meer. Hrg. von Christian Reder. und Erich Klein. Wien, NY, 2008)