Ilma Rakusa

05.05.2010, 20:00


"Mehr Meer. Erinnerungspassagen" (Droschl 2009)

Einführung: Christine Vescoli

Kultur.Lana; Hofmannplatz 2

 

Zum Buch "Mehr Meer. Erinnerungspassagen" von Ilma Rakusa:

»Diese Schönheitsempfindlichkeit, diese Erfüllung der Welt mit Poesie ist die besondere Befähigung dieser Autorin, und eine andere ist es, den Leser damit anzustecken.« (Martin Ebel in seiner Laudatio) 

Eine Kindheit und Jugend in Mitteleuropa, als dieses Mitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg gerade seine politischen und kulturellen Konturen neu eingeschrieben bekam: Ilma Rakusa geht in ihren Erinnerungen dem kleinen Mädchen nach, der Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter, deren Lebensstationen von einer slowakischen Kleinstadt über Budapest, Ljubljana, Triest nach Zürich - und von da weiter ausgreifend nach Ost und West, nach Leningrad/Petersburg und Paris reichen. 

Die überall Fremde, Nicht-ganz-Zugehörige findet sehr früh schon ihre Heimat in der Musik, im Klavierspielen, und, mit der Entdeckung Dostojewskijs, in der Literatur, aber auch in der Bewegung, im Unterwegssein, im Reisen. Mehr Meer geht weit über eine Nacherzählung einer Kindheit und Jugend hinaus; es ist die Beschwörung dessen, was von den vielen Lebensorten und Begegnungen bleibt: Töne und Klänge, Farben und Stimmungen, einzelne Szenen und Blitzlichter (»Die Bilder, sage ich, in Ehren. Aber zuerst kommen die Gerüche.«). In vielen kleinen Selbstbefragungen, in Dialogen, Gedichten und Erinnerungsbildern geht Ilma Rakusa ihrer Geschichte auf den Grund: der vom Vater initiierte ständige Ortswechsel, das Paradies des Meeres und der Küste in Triest und Grado, erste Küsse, erste Reisen, die Musik und die Begegnung mit den Ritualen der Ostkirche, die ersten Auslandsjahre in Paris und im damals noch sowjetischen Leningrad. 

Ilma Rakusa nähert sich ihren frühen Jahren äußerst unsentimental und auch nicht mit dem Eifer der Bekennerin, dafür mit großer Genauigkeit in einem sehr schwierigen Bereich: im Atmosphärischen, das sie mit Knappheit und Präzision erdet. In ihrem Erinnerungsband erstehen die 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts im prismatischen Blick einer außergewöhnlichen Schriftstellerin, die wie wenige in und zwischen verschiedenen Kulturen lebt.

 

Textprobe:

Auch heute noch beuge ich mich mit derselben Faszination über Atlanten, Straßenkarten, Stadtpläne. Aus den grünen Schraffuren der Pripjetsümpfe, den blauen Bändern von Dnjestr und Bug ersteht mir eine Landschaft vor der Landschaft, mit eigenen Koordinaten, Formen, Farben. Gehörtes klingt mythisch hinein (Urheimat der Slaven etc.), und Ortsnamen wie Halytsch, Brody oder Drohobycz beginnen zu erzählen, als genügte ihre bloße Nennung. Was ich dann wirklich (wirklich) sehe, ist eine Art Déjà-vu: die Birkenwälder, die struppigen Flussufer, das galizische Hügelland. Farbige Bauernkaten, umgeben von Gemüsegärten und Gänseteichen. Zwiebelkuppelige Kirchen mit angrenzendem Friedhof. Neu sind die Gerüche. Und immer überraschend der Mensch in der Landschaft. 
Ein solcher Mensch bin ich selbst. Ausgesetzt im Moment der Reise, in diesem stotternden Expresszug Moskau-Czernowitz (Moskwa-Tschernowzy). Ja, ich sitze auf abgewetzten Kunstledersitzen, wische mit einem Papiertaschentuch den tagealten Staub von der Rücklehne. Der Zug ruckelt, bleibt stehen, kommt wieder in Fahrt. Tee wird angeboten (nicht aus dem Samowar), die Fenster sind schmutztrübe und das WC ein unangenehm zugiger Ort. Draußen zieht die imaginierte Landschaft vorbei. Zeit kommt ins Spiel, sie kippt hin und her, vor und zurück. Dieses Gefühl hat mir der Atlas nicht vermittelt. Diese Zeitreise nicht. Und nicht den ätzenden Geruch nach Kartoffelfeuern. 
Die Überraschungen nehmen kein Ende. Angekommen in Czernowitz, ertönt aus den Lautsprechern des prunkvollen kakanischen Bahnhofsgebäudes russische Marschmusik, wie in tiefsten sowjetischen Zeiten. Kulisse und Geist in krassem Widerspruch. Vom Ghetto ganz zu schweigen. Die abschüssigen Straßen schauen leer. 
Aufgerissenes Pflaster, das Gehen fällt schwer. 
Reisen, das sagt mir mein Atlas nicht, tut weh. Reisen ist eine physische und - wie in Czernowitz - eine seelische Strapaz. Weil die steingewordene Geschichte und die Gegenwart, weil imaginierte Vergangenheit und triste Realität aufeinanderprallen. Dazwischen (dazwischen) klafft nichts

 

 

 

Zur Reihe „Erinnerungen an Europa"

 

2008 folgten die Kulturtage Lana in literarischen und wissenschaftlichen Annäherungen einer „Archäologie der Phantasie", und den Kulturtagen 2009 stand motivisch ein Zitat von W.G. Sebald voran: „Zerstöret das Letzte, die Erinnerung nicht". Ein solches Augenmerk, das in den letzten beiden Jahren also Felder und Fragen der Literatur Lana bestimmte, kehrt ein wesentliches Moment einer künstlerischen und reflexiven Auseinandersetzung hervor, welches das, was Kunst und Literatur selbst immerzu im Rücken haben, nahezu fordernd auch zu deren Betrachtung herbei ruft; es ist dies das Moment der Erinnerung, das gar nicht an den Grund, den es etwa als Endstation eines Verstehens gar nicht gibt, vielmehr an Herkunft und Anteilnahme des literarischen Schreibens rührt. Und wenn dieses Hervorkehren und Wiederkehren der Erinnerung vielleicht auch kein definitives Fazit hervorbringt, keine Erklärung, auf die jederzeit Verlass wäre, so hält sie doch wach, was gewesen ist, und bewahrt davor, dass es vergessen wird.

In den kommenden Lesungen im Mai und Herbst dieses Jahres wird das Thema der Erinnerung an tiefe zeitgeschichtliche Umwälzungen Europas gebunden und in Begegnungen mit bedeutenden Vertretern der ost- und mitteleuropäischen Literatur konkretisiert.

Fragen nach einem veränderten Europa, nach Unversöhnlichkeiten zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem, nach zwiespältigen Erfahrungen, die den langen Nachhall von vergangenem Glück und Leiden tragen, sollen Lektüren und Gesprächen mit Dichtern und Schriftstellern vorangestellt werden. Nicht weniger jedoch wollen die Stimmen in ihrer jeweiligen ästhetischen Eigenart und kritischen Differenzierung wahrgenommen werden und so Einblicke gewonnen werden in die so vielfältigen und auch unbekannten Geschichten und Stimmen eines unergründlichen Europa.

Den Auftakt der Reihe macht die Schriftstellerin, Übersetzerin und Wissenschafterin Ilma Rakusa. Ihr folgen ein Abend mit dem bedeutendsten lebenden Dichter und Literaturwissenschaftler Litauens, nämlich mit Tomas Venclova (21. Mai 2010) und eine Begegnung mit Serhij Zhadan, dem fulminant erzählenden jungen Autor der Ukraine (26. Mai 2010).

Im Herbst wird die Reihe „Erinnerungen an Europa" fortgesetzt mit Juri Andruchowytsch, Andrzej Stasiuk, Vincenzo Consolo u.a.