Ernst von Glaserfeld

18.04.2008, 18:30

Lesung und Begegnung

in Zusammenarbeit mit dem Folio-Verlag (Bozen-Wien)

Begrüßung: Lr Dr. Sabina Kasslatter – Mur

Es sprechen:
Dr. Inga Hosp und Prof. Dr. Sepp Mitterer
Damensalon im Hotel Laurin, Bozen

Ernst von Glaserfeld

Geboren 1917 in München als Sohn eines Diplomaten der österreichisch-ungarischen Monarchie, Kindheit in Meran, Internate in der Schweiz, Studium der Mathematik in Zürich und Wien, 1939–46 Irland, danach Rückkehr nach Südtirol als Kulturjournalist und Korrespondent der »Weltwoche«, ab 1959 am Zentrum für Kybernetik in Mailand, seit 1970 Professor für kognitive Psychologie an der Universität Georgia und seit seiner Emeritierung an der Univerity of Massachusetts tätig; seine Forschungen als Philosoph, Kommunikationswissenschafter, Begründer des Radikalen Konstruktivismus finden ihre Fortsetzung in den USA. Bücher in deutscher Sprache u. a.: »Wissen, Sprache und Wirklichkeit« (1987); »Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme« (1997); »Konstruktivismus statt Erkenntnistheorie« (1998); mit Heinz von Foerster: »Wie wir uns erfinden« (1999).

Die Denkweise von Ernst von Glasersfeld

steht in einem engen Zusammenhang mit seiner Biographie, und nur wenige Theoretiker können von sich sagen, dass sie ihre Theorie in einem solchen Ausmaß gelebt haben.
Josef Mitterer

»Die Theorie des Wissens lässt sich auf zwei Formeln reduzieren. Der erste Punkt ist, dass das Wissen, das jeder von uns im Lauf seines Lebens erwirbt, nicht von anderen übernommen werden kann, sondern dass es konstruiert werden muss. Der zweite Punkt ist, dass das Wissen ein Instrument der Anpassung ist – und nicht ein Spiegel der Realität, d.h. der Welt, wie sie ohne uns sein mag«, so Ernst von Glasersfeld. Dieser Standpunkt hat Tradition. Schon Xenophanes wusste: »Und das Genaue freilich erblickt kein Mensch und es wird auch nie jemand sein, der es weiß (erblickt hat)... Schein haftet an allem.« Heute wird das freilich etwas knackiger formuliert: »Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden«, liest man etwa bei Heinz von Förster, mit dem von Glasersfeld lange Jahre zusammengearbeitet hat. Zur Untermauerung der These, dass der direkte Kontakt mit der Welt »da draußen« unmöglich sei, wird etwa gerne folgender neurobiologischer Befund herangezogen. Wenn beispielsweise Licht und Schall in die Sprache der Nervenzellen übersetzt werden, dann verlieren sie ihre ursprüngliche Spezifität. Anders ausgedrückt: Die Übersetzung vernichtet den Unterschied zwischen elektromagnetischen Wellen, Schallwellen und allen anderen Reizen. Was übrig bleibt, ist ein Einheitsbrei von Aktionspotenzialen – und die sehen am Hörnerv genau so aus wie am Nervus opticus. Was von uns als bestimmte Sinnesempfindung interpretiert wird, hängt ausschließlich vom Ort der Verarbeitung
im Gehirn ab: Würde man den Hör- und Sehnerv vertauschen, könnte man also den Donner sehen und Blitze hören. Schluss der Konstruktivisten unter den Neurobiologen: Wir erfinden die Welt also gewissermaßen neu, wenn wir sie wahrnehmen.

Abschied vom Absoluten

Das sei zwar schön und gut, meint von Glasersfeld: Trotzdem könnten auch die empirischen Wissenschaften keinen Wahrheitsbeweis für den radikalen Konstruktivismus liefern. Sie entwerfen nämlich selber mehr oder weniger plausible Modelle. Konstruktionen eben, mehr nicht.
Folglich könne auch seine Sichtweise keine objektive Gültigkeit beanspruchen. Das habe aber auch einen Vorteil: »Der Konstruktivismus macht das Leben schöner und einfacher, weil man den Drang verliert, recht zu haben.«
Robert Czepel, science.ORF.at, 13.05.2005

Meine Eltern

Da meine Mutter nach sieben Jahren Ehe nicht schwanger geworden war, machte sie sich Sorgen, daß sie oder ihr Mann steril sein könnten. Also gingen sie zum Arzt. Alles schien in Ordnung zu sein, und er riet, es weiterhin zu versuchen. Kurz darauf hatten meine Eltern Erfolg. Zum Glück war das, lange bevor die Fruchtbarkeitspillen erfunden wurden. Es hätte mich nicht gefreut, einer von einem Wurf von fünf oder sechs zu sein.
Wahrscheinlich finden alle Kinder es schwer, sich ihre Eltern bei der betreffenden Prozedur vorzustellen. In meinem Fall hatte der Vater Gewohnheiten, die es besonders schwer machten. Als ich ein kleiner Bub war, spielte er noch ab und zu Tennis, nicht als Sport, sondern um Bewegung zu machen. Da er in allem gemäßigt war, fand er, daß zwanzig Minuten Anstrengung etwa richtig waren. Also brachte er jedesmal einen großen Wecker mit, wenn er mit meiner Mutter oder ihrer Schwester, die beide Turnierspielerinnen waren, zum Tennisplatz kam. Er stellte ihn auf zwanzig Minuten. Wenn der Wecker läutete, hörte er zu spielen auf, dankte ihnen für ihre Freundlichkeit und fuhr auf seinem Fahrrad nach Hause in ein heißes Bad. Viel später, als mir erklärt worden war, wie Babies gemacht werden, fragte ich mich, ob er seine ehelichen
Anstrengungen auch mit dem Wecker regulierte und ihn jahrelang zu früh gestellt hatte.

Kybernetik und Schneewehen 1948

Sie haben sicher hin und wieder die glatten, eleganten Muster bewundert, die der Wind auf Schneeflächen
und Sand hinterläßt. Wie kommen sie zustande, ohne Entwurf und ohne Lineal? Es ist nicht der Wind, der sie zeichnet. Schneekristalle oder Sandkörner sind nicht fixiert, jedes kann sich mehr oder weniger frei bewegen. Der Wind schiebt es, solange es ihm genügend Anstand bietet; doch sobald Flocke oder Korn so zu liegen kommen, daß ihre Windseite von anderen geschützt wird, kann der Wind sie nicht mehr bewegen.
Man könnte sagen, daß die Muster dadurch entstehen, daß die Flocken sich in den Windschatten retten und so glatte, ansteigende Flächen bilden, bis der Zusammenhang der Fläche unter dem allgemeinen Druck des Windes bricht. So entstehen Kanten im rechten Winkel zur Windrichtung. Im Lee dieser Kanten können sich dann Wirbel bilden, die die Höhlung vertiefen und die Kante noch deutlicher machen.
Das Phänomen entpuppt sich als kybernetischer Vorgang. Es entsteht dadurch, daß bewegliche Elemente die Bewegung vermeiden, zu der der Wind sie zu trieben sucht. Indem sie dem Wind entweichen, bilden sie ein Muster, das weder von den einzelnen Elementen noch von der Kraft, die sie bewegt, gesetzmäßig geschaffen wird. Das Muster entsteht durch unregelmäßige, im einzelnen nicht vorhersagbare Interaktionen.