Boris Chersonskij

22.11.2010, 20:00

Familienarchiv. Gedichtzyklus (Aus dem Russischen von Erich Klein und Susanne Macht. Wieser Verlag 2010)

Einführung und Gespräch: Erich Klein

 

Hofmannplatz 2; Kultur.Lana

 

Mein Volk ist auf dieser Erde

eine überflüssige Herde.

 Ein wenig werde ich noch leben,

mich bei Gott um den Tod bewerben.

 In einem Monat. In einer Stunde.

In einer späteren Runde.

 

Arkadij Schtipel. Roman in Gedichten

Bezeichnet man eine verschlungene und vielschichtige Erzählung über Menschen in der Geschichte, oder genauer gesagt, über Menschen, die unter die Räder der Geschichte geraten sind, als Roman, dann ist „Familienarchiv" zweifellos ein Roman. Zeit der Handlung ist das 20. Jahrhundert - von dessen Anfang bis zum Ende. Das erzählerische Grundmuster des Romans stellen übersichtsartige Lebensbeschreibungen von nahen und entfernten Verwandten des Dichters dar, die ihren Ursprung in Fotografien, Briefen, Tagebüchern, mündlicher Überlieferung, offiziellen Dokumenten und diversen, aus der Erinnerung an die Kindheit aufgetauchten Sätzen und Bildern haben.

Vier Generationen - Kleinbürger und mittleres Bürgertum, Ärzte, Lehrer, sowjetische Beamte, Geschäftsleute, Kommandanten der Roten Armee, selbst ein orthodoxer Priester befindet sich darunter. Gerechte und Sünder, Zyniker und Idealisten, Weise und Verrückte - sie alle verbindet eines: Sie haben existiert. Der Autor verfolgt nicht das Ziel, irgendwelche Details zu erzählen, wie diese Menschen waren, welchen Charakter sie besaßen, durch welche Umstände sie geprägt wurden. Über das Abstoßende schreibt er ohne falsche Scham, über das Hohe ohne vermessenen Stolz. Seine Aufgabe ist es vielmehr, ihre Existenz zu beschwören. In einem „normalen" prosaischen Roman würde es heißen: Weil diese Personen so und so waren, ist ihnen Folgendes passierte. In der poetischen Erzählung ist die Logik umgekehrt: Es gab diese Menschen, denn sie waren so und so, und es geschah dies oder jenes mit ihnen.

Ein Grund für das Archiv - es ist per definitionem unvollständig und zerstreut, was bedeutet, dass es plausibel ist. Das Familienarchiv - es geht um etwas Eigenes, Nicht-Staatliches, weshalb es authentisch ist, und dies auch deshalb, weil seine Autoren von Zeit zu Zeit sich selbst und die anderen belogen.

Deshalb auch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts - der Erste Weltkrieg, die Revolution, Stalins Terror, der Zweite Weltkrieg, der Holocaust; sie stellen hier einen unabdingbaren, schon vorweggenommenen Hintergrund dar, beinahe eine Naturgegebenheit, die bestätigt: ja, es hat sie gegeben.

 Indem Boris Chersonskij Originalität und Unwiederbringlichkeit des untergegangenen Atlantis des südrussischen Judentums beschwört, umgeht er auf diskrete Weise die „interethnischen Beziehungen" - ein Thema, das meiner Meinung nach fast notwendigerweise zur „Ideologie" verdammt ist; was - vor allem in der Poesie - nichts anders bedeutet, als eine mehr oder weniger große Dosis Falschheit. Das Judentum seiner Figuren spielt letztlich keine große, allerdings auch keine kleiner Rolle als ihre Zugehörigkeit zur näheren oder ferneren Verwandtschaft.

 Diese „fast Prosa" ist nicht ganz einfach einer bekannten Typologie zuzuordnen. Es handelt sich um Gedicht-Untersuchungen, um Recherche-Gedichte, die man mit ihrer gehörigen Portion an Anspielungen und Erfindungen bei Bedarf auch der aktuellen Kategorie der Non-Fiction-Literatur zuordnen kann; nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesen Texten ganz unverkennbar um solche, die sich ans Ohr wenden, und sei es an ein inneres Hören. (Diese „fast Prosa" ist in Satzbestandteile mit zwei, drei und manchmal vier logischen Betonungen zerschnitten. Manchmal fällt die Grenze der Verszeile nicht mit der logischen Gliederung des Satzes zusammen, was den „Aussetzern" der lebendigen Rede entspricht.)

 Es sind Texte mit charakteristisch lyrischem Timbre - kurz gesagt, es handelt sich um poetische Texte. Reale Dokumente werden hier nie direkt zitiert, die unter Anführungszeichen gesetzten „Zitate", Repliken, Aussagen und Sprichwörter konnten größtenteils nicht dokumentarisch belegt und erhalten werden. Das heißt - zwischen dem Familienarchiv von Boris Grigorjewitsch Chersonskij und dem „Familienarchiv" des Dichters Boris Chersonskij besteht ein teuflischer Unterschied. Wie zwischen einem Roman und einem Roman in Gedichten.

 Betrachtet man das Selbstporträt des Dichters (und Poesie ist immer -Selbstporträt) vor dem Hintergrund seiner Verwandtschaft, oder - was ein und dasselbe ist - vor dem Hintergrund des Judentums, so stellt man fest, dass das Porträt von seinem Hintergrund nicht ablösbar ist, es mit diesem aber auch nicht gänzlich zusammenfällt.

 Wie immer man es betrachtet - Boris Chersonskij ist Arzt (in dritter Generation), und ein Psychiater mit einem Vierteljahrhundert Arbeitserfahrung. Der Beruf hat ihm eine Reihe von Sujets „diktiert", vermutlich hat er ihm auch die emotionale Zurückhaltung in seinen Gedichten ermöglicht.

 Doch nicht nur das. Chersonskij ist vermutlich der einzig (zumindest der einzige russische) Lyriker, dem es gelang, den Baum der Poesie mit dem Diskurs der Psychoanalyse zu impfen. Der Umstand, dass diesem Diskurs von Anfang an Mythisches und Mythologisches anhaftet, hat diese „Behandlung" keineswegs erleichtert, sondern - im Gegenteil - erschwert. Die Ursache des Erfolges verdankt sich dem Umstand, dass psychoanalytischer und religiöser Diskurs der Orthodoxie nebeneinander gestellt werden. Ineinander verwoben führen die beiden Diskurse und Mythen den Leser zu den Grundlagen eines eigenständigen Denkens.

 Wenn ich die Poetik von Boris Chersonskij mit drei Worten charakterisieren müsste, wären es folgende Begriffe: Kompetenz, Sparsamkeit im Ausdruck, Klarheit des Verstandes. Kein einziges Adjektiv, keine einzige Metapher dient bei ihm zur „Verschönerung" des Textes. Sei sind vielmehr Instrumente für eine tiefgehende und nüchterne Analyse.

Wir haben ein Buch von seltenem Ernst vor uns, von äußerster Präzision und - ich wage es, das zu behaupten - ein Buch von großer Noblesse.

 Man muss es nachdenklich und konzentriert lesen. Denn: „Immer gibt es eine Wahl. / Es gibt immer den Spielraum zwischen Erleuchtung und Fehler" (Erich Klein)

 




 

Kremenez, Juni 1910

 

Burgruinen - wie das Bühnenbild für ein Shakespearestück.

Der Berg heißt „Bona", was Erinnerungen an Latein

(bonum - das Gute), an Gouvernanten oder

Papierscheine mit Sammlerwert weckt.

 

Übrigens, der Berg sieht düster aus:

ein mit Büschen bewachsener Kegel,

natürlich, stumpf. Von der Anlage

sind vier Mauern übrig, der Wachturm

und ein tiefer Brunnen, der Behälter einer Säule

aus schwarzer Luft und der luftleeren Legende

über die verliebte Tochter des Schlossherrn.

 

Eine dreihundert Jahre alte Sache, aber noch immer

stürzt ein durchsichtiges Gespenst im

weißen Hochzeitskleid kopfüber in den Abgrund.

 

Zwei Gymnasiastinnen werfen Steine in den Brunnen

und zählen die Sekunden: um die Tiefe auszumessen.

Erinnert man sich ans Gesetz der Gravitation -

Tiefe wird nach einer Formel ausgerechnet, genau gesagt,

mit leichter Korrektur der Zeit, die der Schall benötigt,

um ans Tageslicht zu gelangen. Die Mühe ist vergeblich,

denn zu hören ist der Aufprall nicht.

Vornüber gebeugt, schauen die Mädchen.

 

Eine, die ältere, heißt Nechama (dann - Nadeschda),

die andere heißt Rachil (später - Raissa).

Rachil ist vierzehn, ihr stehen noch sechsundsiebzig

Jahre bevor (Nechama stirbt in den Dreißigern),

im Übrigen, heute gehört auch das der Vergangenheit an.

 

Ewig, das heißt außerhalb der Zeit,

entlang der vertikalen Schwärze

fliegt der jüdischen Alten das Brautgespenst

einer polnischen Aristokratin entgegen,

und die beiden Gymnasiastinnen schauen

mit leeren Augen in die Tiefe,

doch sollten sie die Richtung ihrer Blicke ändern,

und beginnen, Hand in Hand, ins Tal hinab zu steigen -

und ihre Augen erfüllen sich mit den Farben von Obstbäumen,

mit der unebenen Weiße gekalkter Mauern

und orange gewellten Ziegeln der Dächer ...

 

Und dann fliegt der Klang des dumpfen Aufpralls

aus dem Brunnen herauf.

Übersetzung: Erich Klein

 

 

 

Die Lesungen mit Serghij Zhadan und Juri Andruchowytsch, die letzthin in Lana stattfanden, gaben beeindruckende Einblicke in das zweitgrößte Land Europas, das nicht nur durch politische und gesellschaftliche Bruchstellen und Disparitäten gekennzeichnet ist und vermehrt von einer unvereinbaren Trennung von Realität und Mythos, von antidemokratischem Nationalismus und eurokratischer Orientierung geprägt ist. Auch die sprachliche und literarische Situation der Ukraine ist vielfach von vergleichbaren Brüchen getragen, die unterschiedliche Zentren gebildet haben: Dort entsteht Dichtung, die ästhetisch auf ganz unterschiedliche Traditionslinien verweist und inhaltlich verschiedene Themen verhandelt - auf Ukrainisch wie auf Russisch wird das Leben zwischen Karpaten, Krim und Donezplatte beschreiben und wird vertrackt nach der Verwurzelung zwischen dem Osten und dem Westen, zwischen langen Vergangenheiten und paradoxen Zukunftsentwürfen, zwischen europäischen und asiatischen Gesellschaftsmodellen gesucht.