Anton Prestele

03.11.2011, 20:00

"Verbrennt mich!" oder: "... dass ich mich bei allem für das Gelächter entschieden habe"

Eine szenisch-musikalische Hommage an Oskar Maria Graf

mit Anton Prestele

Literatur Lana, Hoffmannplatz 2

I - 39011 Lana 

 

 

 

Oskar Maria Graf

wird am 22. Juli 1894 als neuntes von elf Kindern am Starnberger See geboren. Mit 17 Jahren entflieht er den Misshandlungen durch den ältesten Bruder nach München, schlägt sich als Gelegenheitsarbeiter durch und findet Anschluss in Schwabinger Bohème- Kreisen. Nach der Aburteilung wegen Befehlsverweigerung und Irrenanstalt wurde er aus dem Militär entlassen, 1918/19 erlebt er in München Räterepublik und wurde wegen revolutionärer Bewegungen erneut verhaftet. Mit „Wir sind Gefangene" gelingt ihm 1927 der literarische Durchbruch. 1933 emigriert er nach Wien, wo er seinen berühmten Prostest „Verbrennt mich" gegen Hitler-Deutschland veröffentlicht. 1934 emigriert Graf nach Brünn, im gleichen Jahr wird er aus dem deutschen Reich ausgebürgert. 1938 flieht er über Holland in die USA, New York. Von dort aus engagiert er sich für die Rettung und Unterstützung von Emigranten aus Deutschland und dem besetzten Europa. Wegen seines kompromisslosen Pazifismus wurde der Absatz „Über die Verteidigung mit der Waffe in der Hand" gestrichen. Als amerikanischer Staatsbürger unternimmt er 1958 die erste Europareise. Graf stirbt am 26. Juni 1967 in New York.

Zu seinen wichtigsten Werke zählen: „Wir sind Gefangene. Autobiografisches" (1927) , „Gelächter von außen. Aus meinem Leben 1919-1933" (1966), „Das Leben meiner Mutter" (1940), „Kalendergeschichten. Geschichten aus Stadt und Land" (1929), „Anton Sittinger" Roman (1937), „Bollwieser" Roman (1931; 1964), „Der Abgrund", Roman (1936, 1976), „Unruhe um einen Friedfertigen." Roman (1947).

 

Anton Prestele

geboren 1949 im bayerischen Schrobenhausen, lebt als freischaffender Komponist, Dirigent, Regisseur und Interpret musikalischliterarischer Soloprogramme in München. Bekannt geworden ist Prestele mit seiner Wirtshausoper „Heimatlos", die nach der Uraufführung beim steirischen herbst ´85 in Graz an mehr als 40 Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum nachgespielt wurde. Weitere Musiktheaterproduktionen und szenische Konzerte wie „Sintflut" nach Herbert Achternbusch, „ich aber / aus dem dreck herr" nach Gedichten von Norbert C. Kaser, „Carmencita" nach Prosper Merimée, „EXIL" nach Texten von Oskar Maria Graf, „Sie bitt´ schön, wo brennt´s denn?" nach Szenen von Karl Valentin, sowie zuletzt die Zirkusoper „Circulus Vitiosus" nach Texten von N.C. Kaser folgten.

 

 

ZUR BÜCHERVERBRENNUNG 1933 - 2011

„Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann und Erich Kästner... von Marx und Siegmund Freud ... von Erich Maria Remarque und Tucholsky ..." Am 10. Mai 1933 ließ Propagandaminister Goebbels zur ersten „Säuberung" des deutschen Geisteslebens an verschiedenen Orten ca. 25.000 Bücher sog. missliebiger - jüdischer, republikanischer, „linker", „undeutscher" - AutorInnen verbrennen. Begleitet von „Feuersprüchen" wurden die Werke ins Feuer geworfen. Die Scheiterhaufen, die in Berlin, München und anderen deutschen Hochschulstädten brannten, wurden errichtet von Studenten, Professoren und Organen der Nationalsozialisten. Der Name des bereits geflüchteten bayerischen Schriftstellers Oskar Maria Graf (1894 - 1967) war nicht darunter. Er wurde von den Nationalsozialisten auf die Liste für empfehlenswerte und ideologisch korrekte Literatur gesetzt.

Am 12. Mai 1933 schrieb Oskar Maria Graf darauf hin in der Arbeiter-Zeitung:

„Das dritte Reich hat fast das ganze deutsche Schrifttum von Bedeutung ausgestoßen, hat sich losgesagt von der wirklichen deutschen Dichtung, hat die größte Zahl ihrer wesentlichsten Schriftsteller ins Exil gejagt und das Erscheinen ihrer Werke in Deutschland unmöglich gemacht. Die Ahnungslosigkeit einiger wichtigtuerischer Konjunkturschreiber und der hemmungslose Vandalismus der augenblicklich herrschenden Gewalthaber versuchen all das, was von unserer Dichtung und Kunst Weltgeltung hat, auszurotten, und den Begriff „deutsch" durch engstirnigsten Nationalismus zu ersetzen. Ein Nationalismus, auf dessen Eingebung selbst die geringste freiheitliche Regung unterdrückt wird, ein Nationalismus, auf dessen Befehl alle meine aufrechten sozialistischen Genossen verfolgt, eingekerkert, gefoltert, ermordet oder aus Verzweiflung in den Freitod getrieben werden! Und die Vertreter dieses barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch schon gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer „Geistigen" zu beanspruchen, mich auf ihre sogenannte weiße Liste zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze Liste sein kann! Diese Unehre habe ich nicht verdient! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen! Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein, wie eure Schmach!"

 

ZUM PROGRAMM

Der Münchner Komponist, Regisseur und Solodarsteller Anton Prestele spannt in seinem Programm einen szenisch-musikalischen Bogen mit autobiographischen Texten Grafs von dessen Anfängen bis zu seinem unausweichlichen Gang ins Exil. Nachspüren kann man in diesen Texten den aufkeimenden Faschismus in Deutschland und - vor allem in den Kriegserlebnissen Grafs - dessen vehementen und immer mutiger geführter Protestkampf.

Trotz der konfrontativen und spannungsgeladenen Atmosphäre entbehrt der Soloabend aber keineswegs komödiantische und heitere Passagen eines dickköpfigen und lebensbejahenden Oskar Maria Graf, den Anton Prestele in seiner Darstellungsweise, die weit über einen üblichen Leseabend hinausgeht, regelrecht zu „verkörpern" sucht.